Anne Haug: "Ich vertraue auf mein Muskelgedächtnis"

Anne Haug ist die beste deutsche Kurzdistanz-Triathletin der vergangenen Jahre. Nach einem langwierigen Hüft-Odem, das sie mehrere Monate außer Gefecht setzte, meldete sich die 32-Jährige in diesem Jahr in der World Triathlon Series zurück. Wir haben uns mit der Bayreutherin über ihr Schwimmtraining in Australien, die Ziele für 2015 und den Traum von der olympischen Medaille unterhalten.

von | 13. Mai 2015 | Aus: Szene

Anne Haug

Anne Haug im Mai 2015 in Hamburg

Foto > Maike Hohlbaum / spomedis

Anne Haug: "Ich vertraue auf mein Muskelgedächtnis"

Am nächsten Wochenende geht die World Triathlon Series 2015 in die fünfte Runde. Wenn im japanischen Yokohama der Startschuss fällt, wird auch Anne Haug vom Pontoon ins Wasser springen. Die Formkurve der WM-Zweiten von 2012 zeigte zuletzt nach oben. Nach Platz 16 in Abu Dhabi, dem vorzeitigen Aus in Auckland und einem 23. Platz in Gold Coast sprang beim Rennen in Kapstadt vor knapp drei Wochen immerhin die erste TopTen-Platzierung für Haug heraus. Doch sie ist noch nicht dort, wo sie hin will - nämlich auf dem Niveau, das sie im August 2016 in Rio um olympisches Edelmetall mitlaufen kann. Wir haben die 32-Jährige bei einem Besuch in Hamburg getroffen und über saure Äpfel, Mord und Totschlag und den Glauben an ihr Muskelgedächtnis gesprochen.

Anne Haug, Sie sind für die Vorbereitung auf die Saison nach Australien gegangen und haben sich dort einer hochkarätigen Trainingsgruppe unter dem kanadischen Nationaltrainer Jamie Turner angeschlossen. Was versprechen Sie sich davon?
Ich selbst werde nicht von Jamie Turner trainiert. Das Set-up ist eine Kooperation zwischen meinem deutschen Trainer, dem Bundestrainer Dan Lorang, und der australischen Gruppe. Ich will den direkten Vergleich mit der Weltspitze, und Gwen Jorgensen ist im Moment das Maß aller Dinge. Deshalb wollte ich sehen, was sie im Training macht.

Zur Trainingsgruppe gehören neben der amtierenden Weltmeisterin Jorgensen noch weitere starke Schwimmerinnen. Können Sie in Ihrer schwächsten Disziplin von den Topschwimmerinnen profitieren?
Ehrlich gesagt nicht! Ich habe das Schwimmtraining in Australien überwiegend allein absolviert und habe mich nur dem Freiwasserschwimmen angeschlossen, weil sich das Training der Australier so stark vom deutschen Schwimmtraining unterscheidet. Es wird relativ wenig geschwommen, nur etwa drei Kilometer pro Einheit und immer mit Pull-buoy und Paddles. Es ist ein kraftorientiertes Training, aber mir fehlt es nicht an Kraft, sondern an der Technik. Ich hatte zuletzt in Saarbrücken einen sehr guten Freiwassertrainer, mit dessen Plänen ich mich stark verbessert habe. Das wollte ich beibehalten, und musste deshalb in den sauren Apfel beißen, hauptsächlich allein zu trainieren. In den ersten zwei Monaten war mein Freund mit in Australien und hat Videos gemacht. Diese haben wir nach Saarbrücken geschickt und die Technik analysiert. Ich habe mich weiter verbessert, im Becken um fast 45 Sekunden über 800 Meter.

Die Rennen finden aber im Freiwasser statt...
Das stimmt. Leider ist mir der Transfer ins Freiwasser noch nicht so ganz gelungen. Einfach weil man im Freiwasser nicht dasselbe wie im Becken macht. Es ist mehr ein Kampf gegen die Anderen. In Australien machen wir einmal pro Woche Freiwassertraining, da tauchen und schlagen wir uns im Wasser. Dadurch bekomme ich meine Wettkampfhärte zurück. Ich habe vor dem Saisonstart ein Jahr lang keine Wettkämpfe gemacht, die Hemmschwelle ist größer. Es ist für mich manchmal ein Schock, ins Wasser zu springen und erst einmal eins auf die Mütze zu kriegen. Ich habe auch das Gefühl, dass es in den letzten zwei Jahren noch härter geworden ist. In fast jedem Rennen kommt ein Athlet mit gebrochener Rippe oder einem Cut unter dem Auge aus dem Wasser.

Klingt, als wäre das Schwimmen für Sie Kopfsache?
Ja, auf jeden Fall. Aber auch eine Paniksache. Es ist einfach sehr beängstigend, im Anschlag auf die erste Boje zu zuschwimmen und dabei ständig unter Wasser gedrückt zu werden. Man braucht jeden Luftzug und wenn man kurz zögert, hat man eigentlich schon verloren. Man muss eiskalt sein, weit vorn an der Boje ankommen und zuerst die nächste Schulter, den nächsten Kopf greifen, sonst wird man selbst gepackt. Es ist ein bisschen wie Mord und Totschlag. Mein Freiwassertrainer empfiehlt Nahkampftraining, um sich abzuhärten.

Hilft das für das Selbstbewusstsein?
Klar. Wenn du diese beengenden Situationen kennst, und du weißt, du wirst runtergedrückt aber stirbst nicht, du musst einfach weitermachen, dann gibt es einen Gewöhnungseffekt. Je mehr Wettkämpfe ich mache, desto besser wird es.

Wie kamen Sie in den ersten Rennen der WM-Serie auf der Schwimmstrecke zurecht?
In Kapstadt (Haugs drittes Rennen der WM-Serie 2015, Anm. d. Red.) bin ich ganz außen gestartet und um alle rumgeschwommen. Auf dem direkten Weg zur Boje muss man damit rechnen, eins auf die Mütze zu kriegen. Ich habe mich dazu entschieden, nicht so mittig zu starten, um Schwimmen zu können, ohne dass mir dauernd jemand in den Armen hängt. In Kapstadt bin ich besser geschwommen als in den Rennen davor, auch weil die Strecke verkürzt wurde.