"All-In" zum Finalsieg Anne Haug ist Vizeweltmeisterin

Kurzstrecke | 20. Oktober 2012
Es ist die Krönung der herausragenden Saison einer Triathletin, die den Kurzdistanz-Zirkus auf den Kopf gestellt hat: Anne Haug gewinnt das Grand Final in Auckland - und sichert sich damit die Weltmeisterschafts-Silbermedaille hinter ihrer Trainingskollegin Lisa Nordén.
Man hätte meinen können, dass Anne Haug nun wirklich niemanden mehr überraschen kann. Nach wiederholten, in dieser Saison fast immer erfolgreichen Aufholjagden auf dem Rad, nach schnellen Läufen, die sie ihren Beinen danach trotzdem immer noch abverlangen konnte - nach all dem hätte man glauben können, dass irgendwann einmal das Limit erreicht sei. Doch Anne Haug glaubt offenbar nicht an Limits.

"Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder"

Sie müsste, so gab es die Ausgangslage im Punkteranking vor dem Startschuss zum Grand Final her, im direkten Duell Andrea Hewitt besiegen, um als erste Deutsche über die Serienwertung eine Weltmeisterschafts-Medaille zu gewinnen - Grund genug für die Kiwis, sich zusammenzutun und gemeinsam für Landsfrau Hewitt zu arbeiten, damit die dem heimischen Publikum eine Medaille präsentieren kann. "Man wird mir sicherlich keine Einladung in die erste Radgruppe geben - aber wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder", erklärte Haug vor dem Rennen gegenüber tri-mag.de. "Ich werde machen, was ich immer mache: Mein absolut Bestes geben, nie aufgeben, und von Anfang an und bis zum Schluss fighten. Das Rennen ist erst nach den zehn Laufkilometern vorbei, und bis dahin kann viel passieren."
Doch zunächst spielte der Rennverlauf den Neuseeländerinnen in die Karten. Die junge Niederländerin Rachel Klamer, die ihre sportliche Karriere als Schwimmerin begann, bestimmte in der ersten Disziplin vom ersten Meter an das Tempo - und sie gestaltete es hoch. Nur eine Gruppe von etwa zehn Athletinnen um die Deutsche Anja Knapp konnte ihr folgen, mit wenigen Sekunden Abstand folgte eine weitere Gruppe um Svenja Bazlen - und, über eine Minute zurück: Anne Haug, die das Wasser wieder einmal an der Seite der Australierin Ashleigh Gentle verließ.

Bazlen hilft Haug

Doch diesmal war es nicht die junge Australierin, die Haug bei der Nachführarbeit half - sondern eine, die mit einem beherzten Sprint direkt nach dem Wechsel auch den Sprung in die zunächst rund 15 Athletinnen große Spitzengruppe um die WM-Favoritinnen Densham, Nordén und Hewitt hätte schaffen können: Svenja Bazlen. Die Freiburgerin ließ sich in die Gruppe um Anne Haug zurückfallen und half ihr zwei Fünf-Kilometer-Runden lang, Zeit auf die Spitzengruppe, in der vor allem die Neuseeländerin Kate McIlroy für ihre Landsfrau Andrea Hewitt arbeitete, gutzumachen. Nach zehn Kilometern dann, als der Rückstand bereits auf etwas mehr als 40 Sekunden geschrumpft war, war für Anne Haug die Zeit gekommen, richtig durchzustarten. "Ich habe mich gut genug gefühlt, es von da an alleine zu versuchen", sagte sie später. "Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt."
Haug setzte sich von ihrer Gruppe, in der auch Rebecca Robisch, Anja Dittmer und zunächst auch Ricarda Lisk fuhren, ab - und fuhr fünf Kilometer später plötzlich als Achte des Gesamtfeldes über die Zeitmessmatte. Binnen einer der acht hügeligen Runden hatte sie, ähnlich wie bei der Olympiaqualifikation in Madrid im Mai, über eine halbe Minute auf die Spitze aufgeholt, mit einer Solofahrt zu ihnen aufgeschlossen - und nun 25 Kilometer lang Zeit, sich wieder etwas zu erholen.

Densham steigt aus

Doch erholen wollte sich Haug offenbar gar nicht, sie wollte weiterhin schnell Rad fahren. Gestikulierend versuchte sie ihre Mitstreiterinnen in der nun 19 Frauen großen Spitzengruppe zu überreden, sich doch ein wenig mehr um das Tempo zu kümmern - auch, damit die anderen Verfolgerinnen nicht ebenfalls noch aufschließen. Und Haugs Appell fruchtete. Nach Fluchtversuchen von Anja Knapp und Kate McIlroy wuchs der Vorsprung von 30 Sekunden wieder auf über eine Minute. Das Rennen, war spätestens da klar, würde sich also aus dieser Gruppe heraus entscheiden - eine Gruppe, zu der WM-Spitzenreiterin Erin Densham nicht mehr gehörte. Die Australierin, die in den Tagen vor dem Rennen unter einem Infekt litt, hatte den WM-Kampf nach knapp 15 Kilometern bereits aufgeben müssen. Der Titel lag für die Schwedin Lisa Nordén also auf dem Silbertablett - und für Anne Haug war nun plötzlich sogar die Silbermedaille in Reichweite.
Mit diesem Wissen, dass ihr die Bronzemedaille kaum mehr zu nehmen, dass sogar Silber möglich ist, startete Anne Haug auf die Laufstrecke - und hielt sich dort erst einmal vornehm zurück. Wie alle ihre Konkurrentinnen. Sie alle klemmten sich in eine große Gruppe hinter die Japanerin Juri Ide, die 7,5 Kilometer lang ein Tempo anstimmte, das für Haug und Nordén unter normalen Umständen wohl nur einem schnellen Dauerlauf gleichgekommen wäre - doch zumindest für die Schwedin waren es an diesem Tag keine normalen Umstände.