Brownlee-Brüder nehmen Frodeno ins Visier

Im Kampf um das ersehnte WM-Gold könnte die Luft für Jan Frodeno 2011 dünn werden. Im Doppelpack wollen Alistair und Jonathan Brownlee den Deutschen in der nächsten Saison das Fürchten lehren. Einen kleinen Vorgeschmack darauf bekam Frodeno schon im Juli in London.

Von > | 27. Dezember 2010 | Aus: SZENE

Brownlees | Jonathan und Alistair Brownlee - Arm in Arm ins Ziel

Jonathan und Alistair Brownlee - Arm in Arm ins Ziel

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Wenn Alistair Brownlee auf die vergangene Saison zurückblickt, kann sich der entthronte Weltmeister ein Grinsen nicht verkneifen. "Es war eine Achterbahnfahrt, es ging immer wieder auf und ab", sagte Brownlee in einem Interview mit dem britischen Fernsehsender BBC. Mit gerade einmal 22 Jahren hat Brownlee in kurzer Zeit bereits beide Extreme eines Sportlerlebens kennengelernt: Die uneingeschränkte Dominanz genauso wie das Gefühl, dass plötzlich gar nichts mehr geht.

"Vielleicht war es zu hart"

Denn der furiosen Weltmeisterschaftsserie 2009, in der der Brite alle fünf Rennen, bei denen er an den Start ging, gewann, folgte Anfang 2010 die erste Ernüchterung: Eine Stressfraktur im Oberschenkel, mehrere Wochen Trainingspause. "Vielleicht habe ich etwas zu hart trainiert", gibt Brownlee heute zu. Doch er kennt es nicht anders. "Schon als ich sechs Jahre alt war, bin ich mit meinem jüngeren Bruder Jonathan im Verein geschwommen und bei Wettkämpfen gestartet", erinnert sich Brownlee in einem Interview mit der Tageszeitung "Daily Mail" an seine ersten sportlichen Gehversuche. Nur weil die Brüder zu langsam wuchsen, blieb ihnen eine Karriere im Schwimmen verwehrt. Inspiriert vom Vater, einem Crossläufer, erweiterten sie ihr Repertoire um das Laufen und fanden schließlich den Weg zum Triathlon. Heute gehen die beiden im Training gemeinsam bis an ihre Grenzen - und manchmal auch darüber hinaus.

In der WM-Serie 2010 wurde Alistair genau das zum Verhängnis. Zwar gewann er bei seinem Comeback, dem dritten WM-Serienrennen in Madrid, eine realistische Chance auf die Titelverteidigung hatte er aber schon da nicht mehr, weil ihm dafür die wichtigen Punkte aus Übersee fehlten. Brownlee entschädigte sich mit dem Europameistertitel und ging vor seinem Heimrennen in London verbal in die Offensive: Er beklagte sich vor allem über das Wertungssystem der Serie und haderte mit seiner aussichtslosen Lage im Titelkampf. Letztlich ging es wohl nur noch darum, vor heimischem Publikum auf der Strecke der Olympischen Spiele 2012 ein großes Rennen abzuliefern - einen Vorgeschmack auf die Spiele selbst, bei denen Alistair und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Jonathan den Doppelsieg wollen. Bis 300 Meter vor dem Zielstrich hatten die Brownlees ihre Gegner im Griff.

"Ich kämpfe nicht um einen zehnten Platz"

Gemeinsam mit seinem Bruder hatte Alistair Brownlee den WM-Führenden Jan Frodeno schon abgehängt, nun kämpften er, sein Bruder und der Spanier Javier Gomez um den Tagessieg. Doch plötzlich, gut 300 Meter vor dem Ziel, brach der Titelverteidiger ein, torkelte und wurde noch bis auf den zehnten Platz durchgereicht. "An die letzten 300 Meter habe ich keine Erinnerungen mehr", gibt Brownlee Monate später im Interview mit der BBC zu. "Ich war völlig dehydriert, irgendetwas war nicht in Ordnung. Ich habe einige Wochen gebraucht, um darüber hinwegzukommen." Beim folgenden Rennen in Kitzbühel schien Brownlee wieder in Topform zu sein, kassierte beim Laufen jedoch eine Zeitstrafe und joggte schließlich unmotiviert ins Ziel. "Ich habe mich sowieso nicht gut gefühlt", kommentierte er später das Rennen. "Ich kämpfe nicht darum, am Ende Zehnter zu werden." Beweisen konnte er das beim WM-Finale in Budapest. Alistair kämpfte den neuen Weltmeister Gomez im Zielsprint nieder. Jonathan machte mit dem U23-Weltmeistertitel das Familienglück perfekt. "Toll für ihn", kommentierte der Ältere die Leistung des kleinen Bruders. "Aber ehrlich gesagt habe ich mich über meinen Sieg mehr gefreut. Der war wichtiger."

Eigentlich hasse er Entschuldigungen, sagt Alistair am Ende des BBC-Interviews, um dann doch etwas kleinlaut nach Erklärungen für die Achterbahnsaison 2010 zu suchen: "Da war die Stressfraktur, da gab es Krankheiten und diese Erschöpfung in London. Die Saison war kein komplettes Desaster, aber ich habe hoffentlich daraus gelernt", grinst Brownlee. Vielleicht, weil er weiß, welch goldene Zukunft vor ihm liegt. Vielleicht freut er sich aber auch nur auf das nächste Privatduell: Das Training mit seinem Bruder.