Vor dem Olympia-Showdown Brownlee-Brüder unter Druck

Kurzstrecke | 6. August 2012
Die ganze Triathlonwelt schaut morgen auf die Brüder Alistair und Jonathan Brownlee. In Großbritannien sind die Brüder schon jetzt zu Stars geworden - Stars, von denen man mindestens eine Medaille ewartet. Das hat Alistair Brownlee schon einmal in die Knie gezwungen.
Nach Ansicht der Briten ist das Rennen (Dienstag, 12:30 Uhr MESZ) eigentlich schon längst gelaufen. "Die ganze Triathlonwelt vereint sich gegen die Brownlees", titeln große Zeitungen auf der Insel wenige Tage vor dem lang ersehnten Olympiarennen im Londoner Hyde Park. Und es schwingt dabei mit: Macht ihr nur. Eine Chance habt ihr eh nicht.

"In einem Atemzug mit Sir Chris Hoy"

"Ich merke schon, dass unser Blickwinkel auf Außenstehende ziemlich abgehoben wirken könnte", sagt Ollie Williams, Triathlon-Experte der britischen Rundfunkanstalt BBC, gegenüber tri-mag.de. "Aber die Faktenlage ist nun einmal so: Alistair und Jonathan Brownlee waren zu dominant, als dass da unter normalen Umständen etwas schiefgehen könnte." Und tatsächlich: 12 der 15 WM-Serienrennen, in denen Weltmeister Alistair bisher an den Start ging, gewann er auch: eine Siegquote von 80 Prozent. "Und wenn er einmal nicht gewinnt oder gar nicht am Start ist, gewinnt eben Johnny", meint Williams. Zur Wahrheit gehört aber auch: Eines dieser drei Rennen, in denen Alistair Brownlee geschlagen wurde, fand in London statt. 2010 wollte er dort vor heimischem Publikum glänzen, übernahm sich, brach ein und torkelte, beinahe bewusstlos, als Zehnter über die Ziellinie, um dahinter sofort in sich zusammenzusacken.
Zwar gäben sie und ihre Manager sich alle Mühe, die Erwartungen auf einem vernünftigen Niveau zu halten, erzählt Williams - doch zwei Jahre später ist der Druck, der auf den Schultern der Brownlees lastet, noch einmal um ein Vielfaches höher als 2010. "Es gibt kein Verstecken mehr davor, dass jeder hier den Olympiasieg erwartet", sagt Williams. Mit jedem ihrer Siege sei in Großbritannien das Interesse am Triathlon und vor allem an den Brüdern selbst enorm gestiegen. "Die Brownlees werden mittlerweile in einem Atemzug mit Sir Chris Hoy und Jessica Ennis genannt, zwei olympischen Helden."

"Sie haben jetzt lange genug dominiert"

Wegen einer Achillessehnenverletzung hatte Alistair Brownlee im Frühjahr mehrere Wochen mit dem Lauftraining aussetzen müssen, meldete sich erst in Kitzbühel wieder im Renngeschehen zurück - und gewann dort mit einer Minute Vorsprung vor seinem Bruder Jonathan. Zu viel vielleicht, um glaubhaft den Eindruck erwecken zu können, er sei genauso vorermüdet ins Rennen gegangen wie die übrigen Konkurrenten, die, wie die Deutschen, zum Teil direkt aus dem Trainingslager angereist waren. 29:50 Minuten zeigte die Uhr für Brownlee, der bis zum Schluss um jede Sekunde kämpfte, über die zehn Laufkilometer am Ende an. "In London werden die Medaillen zwischen 29:15 Minuten und 29:30 Minuten vergeben", glaubt aber Steffen Justus, der sich genau solche Zeiten zutraut. Zurecht, wie er nicht zuletzt mit seinem ersten Seriensieg in Sydney im Frühjahr und Rang drei in Hamburg bewies. "Die beiden haben jetzt lange genug die Szene dominiert. Am 7. August wird ein anderer ganz oben auf dem Treppchen stehen", legt sich auch Jan Frodeno, der Olympiasieger des Jahres 2008, fest. Der seinerseits in den letzten Tagen vor London noch einmal einen Leistungssprung geschafft haben will.
"Im Training lief es mit jeder schnellen Laufeinheit besser - im Moment kämpft meine Laufform mit der guten Laune um die Tageswertung", meint Frodeno. Und auch Maik Petzold sprüht kurz vor seinen zweiten Olympischen Spielen vor Optimismus. "Ich bin mir erst mit dem fünften Platz in Hamburg richtig darüber bewusst geworden, welches läuferisches Potenzial in mir steckt", sagt er. Ob die Deutschen aber tatsächlich als Einzelkämpfer an den Start gehen oder es ähnlich wie die Briten, die Stuart Hayes als Helfer nominiert und, wie einige Sportler und Betreuer mutmaßen, auch den gut befreundeten slowakischen Schwimmspezialisten Richard Varga in ihre Dienste eingespannt haben, eine Teamtaktik probieren, entscheiden die DTU-Athleten situativ. Grundsätzlich finde er eine Medaille wertvoller als drei Top-Ten-Platzierungen, meint Petzold.

Russische Gefahr

Auf die drei Medaillen haben es neben den Brownlees und den drei Deutschen aber noch einige weitere Athleten abgesehen. Der Südafrikaner Richard Murray hat sich beim letzten Test in Hamburg läuferisch sehr stark präsentiert, dürfte beim Schwimmen aber ebenso den Anschluss verpassen wie der Spanier Mario Mola. Auch die Franzosen David Hauss und Laurent Vidal sind Wackelkandidaten in der Auftaktdisziplin, aber gute Läufer. Stabiler schwimmen und sogar noch etwas schneller laufen können voraussichtlich der Schweizer Sven Riederer, Bronzemedaillengewinner von Athen 2004, und auch der Spanier Javier Gómez, der zumindest auf dem Papier der stärkste aller Brownlee-Jäger ist. Auch die zweimaligen Olympia-Medaillengewinner Simon Whitfield (CAN) und Bevan Docherty (NZL) wollen es in London noch einmal wissen, Brad Kahlefeldt (AUS) deutete mit Rang sechs in Hamburg an, dass auch mit ihm noch zu rechnen ist. Die Russen Dmitry Polyanskiy, Ivan Vasiliev und vor allem Alexander Bryukhankov können ebenfalls um vordere Platzierungen mitlaufen - und haben den Vorteil, so stark zu schwimmen, dass sie, wie Vasiliev in Kitzbühel, vielleicht schon unmittelbar nach dem ersten Wechsel eine Attacke wagen können. Möglicherweise sind dann auch die Brownlees zur Stelle.

"Der definierende Moment dieser Spiele"

Taktisch können die britischen Brüder aus dem Vollen schöpfen. Und wenn es dann klappt mit dem Optimalfall, dem Doppelsieg, "einem One-Two" im Hyde Park", meint Ollie Williams, "könnte das der definierende Moment dieser Olympischen Spiele werden." Die Szenerie, die Kulisse, der Hintergrund, "die Brüder an einem der kultigsten Orte Londons, Hand in Hand - das würde über Jahre und Jahrzehnte in jedem Trailer zu den Olympischen Spielen wieder und wieder gezeigt werden." Es müsste, glaubt er, schon etwas Verrücktes passieren, damit es mit der britischen Goldmedaille schiefgeht. So wie an jenem Julitag in London 2010.