Zähnefletschender Frodeno "Das Gefühl des Fliegens ist ausgeblieben"

Kurzstrecke | 7. August 2012
Jan Frodeno liegt auf dem blauen Teppich hinter dem Zielbereich und ringt nach Luft. 1:47:26 Stunden lang hat er bei der wilden olympischen Hatz durch London alles gegeben. Der Titelverteidiger verpasst nach langwierigen Verletzungsproblemen mit dem sechsten Platz eine Medaille, zeigt aber eine herausragende Leistung - vor allem kämpferisch.
Jan Frodeno, wenn Ihnen vor zwei Monaten jemand gesagt hätte, dass sie in London 14:50 Minuten bei fünf Laufkilometern durchgehen und am Ende 30:06 Minuten laufen würden, hätten Sie geglaubt, dass das denkbar ist?
Ich habe immer gesagt, dass es das Ziel sein wird, dass ich versuche, hier an meine Laufbestzeit zu kommen, um eine Chance zu haben. Ich glaube, dass das gut geklappt hat, auch wenn ich natürlich nicht so euphorisch bin, wie ich es mit einer Medaille sein würde.
Wenn man als Titelverteidiger in so ein Rennen geht, sind die Erwartungen natürlich hoch. Aber angesichts der vergangenen Monate und der Schwierigkeiten in der Vorbereitung ist es doch sehr gut gelaufen?
Ja klar, es ist super gelaufen, aber man muss ehrlicherweise sagen, dass danach bei Olympischen Spielen keiner fragt. Wenn du da an der Startlinie stehst, wird erwartet, dass du topfit bist. Ich war sicher topfit, ich habe die letzten Wochen super trainiert. Ich muss meinem ganzen Team ein großes Lob aussprechen, das mich überhaupt hierhin gebracht hat, weil es zwischendurch so aussah, als ob das nichts werden würde. Deshalb bin ich auch sehr glücklich, weil ich heute von A bis Z alles geben konnte. Ich habe alles aus mir rausgeholt, das war auch der Grund, weshalb ich hinter der Ziellinie zusammengebrochen bin. Mehr wäre einfach nicht gegangen.
Olympia-Triathlon Männer 2012
Jan Frodeno: "Ich wollte an meine Laufbestzeit kommen."
©Silke Insel / spomedis
Lassen Sie uns kurz mal auf die beiden Wechsel zu sprechen kommen, was fällt Ihnen dazu ein?
Beim Schwimmen hatte ich echt gute Arme, und ich hatte auch das Gefühl, dass ich auf dem Rückweg auch noch mal vorn rangeschwommen bin. Aber dann war das irgendwie nix mit dem Neoausziehen, das war wie beim letzten Amateur. Es war unfassbar, wie ich an meinem Wechselstand am Anzug rumgerobbt habe. Ich habe mich gefragt, wie ich aus dem Teil rauskommen soll. Ich habe gedacht, gleich springe ich damit aufs Rad, aber irgendwann habe ich ihn dann ja endlich ausgekriegt. Allerdings habe ich dadurch den Anschluss nach vorn verpasst.
Von außen ließ sich gut erkennen, dass Sie schon beim Rauslaufen aus der Wechselzone unbedingt jeden Meter an Boden gutmachen wollten ...
Ich wollte da vorn mit rein. Ich hatte auf dem Rad auch gute Beine und habe versucht, die Gruppe ins Laufen zu bringen, die lief einfach nicht so harmonisch. Ich habe immer wieder versucht, Löcher zu stopfen, und zugesehen, dass es rund läuft, weil die Briten da vorn schon mächtig Gas gegeben haben.
Als Sie dann den Zusammenschluss geschafft hatten, hat sich Stuart Hayes als Wasserträger vorn reingespannt, damit die Brownlees möglichst frisch zum Laufen kommen.
Beim Laufen ging es ja auch gleich richtig zur Sache, da war es klar, dass es abartig schnell wird. Ich muss ja realistisch sein, dass die ersten 300 Meter nie so meins sind. Ich kann die ersten 300, 400 Meter nicht so hart anlaufen, sonst geht der Schuss ganz nach hinten los. Ich muss immer etwas reinkommen und dann, wenn ich richtig fit bin, kann ich das Loch zulaufen. Aber da fehlen eben noch die letzten Quäntchen. Gerade die Feinheiten, die dieser Kurs so in sich hat, diese leichten Steilkurven, die kurzen Antritte, das sind solche kleinen Details, für die in der Vorbereitung keine Zeit mehr war, die hier einfach stimmen mussten, ich habe da das Beste draus gemacht. Es kann ja auch nicht sein, dass ich sonst das ganze Jahr über richtig gut unterwegs bin und jetzt mache ich das Ganze in sechs Wochen wett. Man muss ja auch sagen, dass die Jungs die letzten drei, vier Jahre so stark waren, dass sie schon einen Fehler machen mussten, dass man wieder rankommen kann.
Wie haben Sie die Stimmung erlebt?
Ich bin einfach losgerannt und habe gedacht, wenn du stirbst, hast du hier alles gegeben. Ich konnte diese Menschenmasse, diese Menschenmeere gar nicht richtig genießen, weil ich andauernd nur am Zähnefletschen war.
War es eines der schnellsten Rennen, die Sie mitgemacht haben?
Mitgemacht ist ja immer relativ, mitgemacht ist es ja nur, wenn man das Tempo ganz vorn erlebt, sonst bist du ja immer nur auf dich selbst gestellt. Für mich war es von vornherein so, dass ich heute alles geben musste und auch alles gegeben habe. Das Gefühl, dass man es einfach mal fliegen lassen kann, dass man einfach die Beine gleiten lassen kann und meint zu schweben, das ist heute ausgeblieben. Dafür ging es heute über den Kampf – und das war doch auch ganz gut.