Deutsches Quartett kämpft um Selbstvertrauen und Olympia

Am Samstag haben die deutschen Triathleten die letzte Chance, sich auf sportlichem Wege einen der voraussichtlich zwei Olympiastartplätze zu sichern. Sportlich gesehen stehen die Chancen in Yokohama nicht schlecht, doch das Team ist verunsichert.

Von > | 12. Mai 2016 | Aus: Szene

Steffen Justus | Steffen Justus

Steffen Justus wird in Mooloolaba Achter

Foto > Delly Carr / triathlon.org

Sind aller guten Dinge neuerdings vier? Drei Chancen hatten die deutschen Triathleten bereits, die Qualifikation zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro abzuhaken: Sowohl beim Olympia-Testevent in Rio vergangenen August, als auch bei den WM-Serienrennen in Abu Dhabi und Australien in diesem Jahr hätten sie dafür eine Top-Acht-Platzierung benötigt - und jedes Mal verfehlten die Deutschen diese Vorgabe deutlich. Am Samstag wartet nun die vierte und letzte Chance auf die Athleten der Deutschen Triathlon Union, einen der noch zwei verbliebenen Olympia-Startplätze für sich zu gewinnen. Gelingt das nicht, wird wohl "am grünen Tisch" entschieden werden, ob und wer Deutschland in Rio de Janeiro vertreten wird. Doch daran will noch keiner der Athleten aus dem DTU-Team denken.

Starker Körper, schwacher Kopf?

Das Denken gilt überhaupt als einer der wesentlichen Gründe für die aktuelle Misere der deutschen Athleten. Nicht etwa, weil sie das zu wenig tun würden - im Gegenteil. Zwar setzt man bei der DTU längst auch auf professionelle psychologische Unterstützung, trotzdem spielen Unsicherheit und negative Gedanken wohl eine Rolle bei den schwachen Ergebnissen der vergangenen Monate. Speziell beim Schwimmen: Beim Durchsetzungsvermögen auf dem Weg zur ersten Boje, der ein Rennen in der WM-Serie bereits zum Negativen entscheiden kann, ist auch das Selbstvertrauen ein wichtiger Faktor. Und das geht den meisten Deutschen, wie Gregor Buchholz und auch dem routinierten Steffen Justus, seit einigen Monaten ab. Und ein anderer, der schwimmerisch üblicherweise zu den Stärksten im Feld gehört, hat andere Probleme: Justus Nieschlag hat sich nicht nur in der mittlerweile wohl gescheiterten Jagd nach dem dritten Olympiastartplatz für das deutsche Team aufgerieben, sondern sich in den letzten Monaten auch mit Schulterproblemen und Infekten herumschlagen müssen. "Daher war konstantes Training nur schwer möglich, was ein gewisses Auf und Ab in den Leistungen erklärt und natürlich auch mal negative Gedanken aufkeimen lässt", erzählt DTU-Cheftrainer Ralf Ebli gegenüber tri-mag.de. Zuletzt verbreitete Nieschlag selbst die Diagnose "Übertraining" über Facebook.

Am Wochenende solle sich daher speziell Nieschlag von dem Gedanken lösen, es unbedingt unter die ersten Acht schaffen zu müssen. "Er soll vor allem einfach mal wieder raus gehen und frei von jeglichem Druck Spaß haben", sagt der Cheftrainer des Verbandes - die Grundvoraussetzung dafür, dass sich bei dem Niedersachsen auch die Resultate wieder in die richtige Richtung entwickeln. Auch Teamkollege Steffen Justus versucht sich nach außen hin im positiven Denken: Nach seinem 17. Platz im Weltcup in Cagliari am vergangenen Wochenende will Justus vor allem die guten Teilleistungen im Schwimmen und Laufen mitnehmen - und das misslungene Radfahren, bei dem er an einem Hügel die Spitzengruppe ziehen lassen musste, ausblenden. "Das Rennen hat er ja ohnehin voll aus dem Training mitgenommen. Das wird anders aussehen, wenn er in Yokohama frisch ist", kündigt Ebli an. "Steffens Trainingswerte sagen uns, dass er in einer Klasse-Verfassung ist. Auch wenn mir klar ist, dass ich bald ausgelacht werde, weil ich das ständig erzähle."

Startfeld ausgedünnt

Von diesen guten Trainingswerten berichten die Trainer auch im Fall Gregor Buchholz, der sich mittlerweile einer internationalen Trainingsgruppe um den kanadischen Coach Joel Filliol angeschlossen hat, ständig. "Wir kommunizieren regelmäßig mit Joel - und er war ebenso fassungslos darüber wie wir, wie Gregor im Wettkampf unterperformt hat", erzählt Ebli. Mittlerweile setzen Buchholz und sein Coach auf einen verstärkten Fokus auf die Schwimmtaktik - der Ausgang der ersten Disziplin wird aber eine Wundertüte bleiben. Ähnliches gilt für Franz Löschke, der das deutsche Männerteam in Yokohama komplettiert. Jonathan Zipf hat die Reise nach Asien krankheitsbedingt abgesagt.

In die Karten spielen könnte den Deutschen bei ihrer Jagd nach Selbstvertrauen und Olympia, dass einige der Weltbesten den Wettkampf in Yokohama auslassen: Die Brownlee-Brüder verzichten auf den Wettkampf in Japan ebenso wie Top-Schwimmer Richard Varga, und auch der Spanier Javier Gomez und der lädierte Franzose Vincent Luis haben ihre Starts abgesagt. So gehen Mario Mola, Fernando Alarza, Vicente Hernandez (alle ESP), Dorian Coninx, Pierre Le Corre (beide FRA), Jacob Birtwhistle (AUS) und Crisanto Grajales (MEX) als Favoriten auf Topplatzierungen ins Rennen. Entscheidenden Einfluss auf den Rennverlauf könnten außerdem der starke Schwimmer Henri Schoeman (RSA), Thomas Bishop, Matthew Sharp (beide GBR) und der Norweger Kristian Blummenfelt nehmen. Zudem kämpft auch der Wahl-Österreicher Thomas Springer, gebürtiger Hallenser, um die Olympia-Qualifikation und muss dafür in Yokohama noch ein letztes Mal Punkte sammeln.