Haug will WM-Bronze Doppel-Duell auf Augenhöhe

Kurzstrecke | 16. Oktober 2012
In Auckland steigt am Wochenende das spannendste Weltmeisterschafts-Finale seit Gründung der Serie im Jahr 2009: Erin Densham und Lisa Nordén duellieren sich rechnerisch gleichauf um den Titel - und Anne Haug kämpft im direkten Zweikampf mit Andrea Hewitt um die Bronzemedaille.
Lisa Nordén hat ihren Ruf als Drama-Queen nun endgültig weg, und das zurecht. Erst der Zielfotoentscheid im Frauenrennen der Olympischen Spiele, aus dem nach langer Beraten die Schweizerin Nicola Spirig als Siegerin hervorging und Nordén mit Silber vorlieb nehmen musste. Dann der nächste Fotoentscheid in Yokohama, der diesmal die Schwedin um wenige Zentimeter vorn sah -  vor der Deutschen Anne Haug im letzten Serienrennen vor dem Finale. Und nun das Finale selbst: Die Entscheidung um den Titel, die, gut möglich, wieder erst auf den letzten Metern fallen könnte.

Zwei zu Null für Nordén

Denn anders als in den vorherigen Jahren ist der Kampf um den Weltmeisterschaftstitel vor dem Finalrennen bei den Frauen nicht so gut wie entschieden, es gibt in diesem Jahr von der Papierform her keine klare Favoritin auf die Kristallkugel - nicht einmal eine leichte. Mit lediglich 30 Punkten Differenz starten die Australierin Erin Densham (3.611 Punkte) und Lisa Nordén (3.581) in das Finalrennen - und damit faktisch auf Augenhöhe. Denn weil das Grand Final in der WM-Serie stärker gewichtet wird, es also dort mehr Punkte als in den anderen Rennen zu holen gibt, würde diese 30-Zähler-Differenz erst dann ins Gewicht fallen, wenn beide Sportlerinnen jenseits der Top 15 finishen. Bei allen besseren Platzierungen gilt: Diejenige, deren Torso am Ende auch nur eine Millisekunde früher die Ziellinie überquert, ist Weltmeisterin. Und das ist, wie Triathlonfans spätestens seit dem Yokohama-Rennen wirklich wissen sollten, eine Spezialität der Schwedin Lisa Nordén.
Die würde es in Neuseeland wohl tatsächlich gern auf einen Sprint ankommen lassen, denn sowohl bei den Spielen in London, als auch beim Rennen in Yokohama hatte sie in diesem Metier deutlich die Oberhand über Erin Densham, die wiederum die Entscheidung zu ihren Gunsten genau deshalb nicht erst auf dem letzten Kilometer suchen wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber wird die Titel-Entscheidung erst beim Laufen fallen können, denn weder Densham noch Nordén zeigten beim Schwimmen zuletzt Schwächen - und auch auf dem Rad gehören beide zu den stärkeren Athletinnen im Feld.

Anne Haug gegen Neuseeland

Eine Entscheidung darüber, wer hinter den beiden Duellantinnen das Podest auf dem Bronzerang komplettiert, könnte sich dagegen schon deutlich früher abzeichnen. Auch im Kampf um den dritten Rang läuft es auf einen Zweikampf zwischen Anne Haug und der Neuseeländerin Andrea Hewitt hinaus - und auch die liegen rechnerisch gleichauf, lediglich ein Punkt trennt die beiden im Gesamtklassement vor dem Finale; Emma Moffatt, die mit knapp 300 Punkten Rückstand eventuell auch noch hätte eingreifen können, lässt das Finalrennen in Neuseeland nach einer durchwachsenen Saison nämlich aus. Doch auch so ist die Aufgabe für Haug schon schwierig genug: Läuferisch mag sie zwar etwas stärker einzuschätzen sein als die Neuseeländerin Hewitt - doch ob Haug vor der letzten Disziplin überhaupt in Schlagdistanz liegt, ist erneut unsicher. Viel wird wohl auch davon abhängen, wie die Neuseeländerinnen sich vor heimischem Publikum präsentieren wollen.
Denn anders als Haug, die beim Schwimmen zuletzt bis zu eine Minute Rückstand auf die Spitze kassierte, hat Hewitt in der Auftaktdisziplin für gewöhnlich keine Probleme - und kann dann damit rechnen, in der Spitzengruppe auf dem Rad mindestens ihre Landsfrau Kate McIlroy, mit etwas Glück auch Nicky Samuels und im voraussichtlich letzten Rennen ihrer Profikarriere Debbie Tanner an ihrer Seite zu haben. Sollten die dem heimischen Publikum unbedingt eine WM-Medaille präsentieren wollen, werden sie Hewitt auf dem sehr anspruchsvollen Radkurs helfen, eine weitere Bummelfahrt zu verhindern. Und dann könnte es schwierig werden für Haug.
Die Deutsche setzt in der Verfolgung, außer auf ihre eigene Stärke auf dem Rad, auch auf die Unterstützung der 21-jährigen Australierin Ashleigh Gentle, die nicht nur läuferisch ähnlich stark ist wie sie selbst. Sie hat auch die gleichen Probleme in der Auftaktdisziplin und geht daher in der zweiten Disziplin ähnlich engagiert zur Sache wie die Deutsche. Mehrmals haben sich die beiden in den vergangenen Rennen die Verfolgungsarbeit harmonisch und erfolgreich geteilt. Nur auf die Unterstützung von Maaike Caelers muss Haug diesmal verzichten: Die Niederländerin hat sich gegen die WM-Serienwertung und für einen Start im Rennen um den U23-Titel entschieden.

Sechs Deutsche in Auckland

Wohl kaum mehr in die Entscheidung im Gesamtklassement, wohl aber in die um den Tagessieg eingreifen könnten dagegen die US-Amerikanerin Sarah Groff, eine Trainingskollegin von Anne Haug und Lisa Nordén, außerdem Barbara Riveros Diaz (CHI), Ainhoa Murua (ESP), Aileen Morrison (IRL), Gwen Jorgensen (USA) und die junge Niederländerin Rachel Klamer. Auch die Französin Jessica Harrison könnte eine Rolle im Kampf um die vorderen Platzierungen spielen - und das Rennen vor allem auf den ersten eineinhalb Kilometern prägen. Die DTU wird in Auckland außer in Person von Anne Haug auch durch Anja Dittmer, Svenja Bazlen, Ricarda Lisk, und die zuletzt immer stärker werdenden Nachwuchsathletinnen Anja Knapp und Rebecca Robisch vertreten.
Das WM-Rennen der Damen startet am Samstag um 1:16 Uhr MESZ und wird per Livestream auf www.triathlon.org übertragen.