Olympische Spiele Eine Goldmedaille - ein Dutzend Anwärterinnen

Kurzstrecke | 2. August 2012
Viele Sportarten sind bei den Olympischen Spielen für Überraschungen gut - doch wohl nur im Triathlon ist sie so gut wie garantiert. Wenn am Samstag um 10 Uhr MESZ der Triathlon der Frauen gestartet wird, ist der Ausgang völlig offen. Wer sich zur Nachfolgerin von Emma Snowsill krönt, dürfte allein von der Tagesform abhängen.
Beobachter erwarten eines der spannendsten Rennen, das man im Kurzdistanztriathlon in den vergangenen Jahren je gesehen hat - und wahrscheinlich ist es sogar einer der offensten Wettbwerbe der Olympischen Spiele 2012 überhaupt: Wenn am Samstag die 55 qualifizierten Triathletinnen in den Serpentine Lake im Londoner Hyde Park springen, darf sich etwa ein Viertel von ihnen berechtigte Hoffnungen auf eine Medaille machen. Gleich ein Dutzend der schnellen Damen schielt auf Gold.

"Das härteste Schwimmen aller Zeiten"

Auch deshalb erwarten die Athletinnen in London ausnahmslos ein sehr schnelles, hartes Rennen. "Es wird ein extrem schnelles Schwimmen geben, vielleicht das schnellste, das wir je gesehen haben", prophezeit die Deutsche Anne Haug, die ausgerechnet dort ihre einzige Schwäche hat. In einigen kleineren Rennen in der französischen Liga beispielsweise, berichteten Sportlerinnen, habe die Französin Jessica Harrison geradezu wahnsinnige Schwimmtempi vorgelegt - und dürfte das, so die allgemeine Erwartungshaltung, auch in London tun, um das Feld schon in der Auftaktdisziplin weit auseinander zu ziehen. Auf dem Rad wollen die Britinnen die Initiative übernehmen: Die amtierende Weltmeisterin Helen Jenkins dürfte weit vorn aus dem Wasser steigen, genau wie ihre gezielt als Helferinnen nominierten Landsfrauen Vicky Holland und Lucy Hall. Die sollen, so die Taktik, auf dem Rad dann sofort die Tempoarbeit für Jenkins übernehmen und dafür sorgen, dass sich eine kleine, etwa zehn Frauen starke Gruppe guter Schwimm-Radfahrerinnen vom Rest des Feldes absetzt - beim WM-Rennen in San Diego dieses Jahr ging ein ähnliches Vorhaben schon einmal auf.
In dieser kleinen Gruppe will dann auch die Deutsche Svenja Bazlen sitzen, die mit ihrer nicht für die Spiele qualifzierten WG-Partnerin Kathrin Müller in den vergangenen Wochen genau auf diesen möglichen Rennverlauf hintrainiert hat. Eine Top-Ten-Platzierung hat sich Bazlen vorgenommen - "doch natürlich träumt man auch von mehr", gibt sie zu. Was "mehr" bedeuten kann, hängt stark davon ab, wer noch vorn aus dem Wasser steigt: Laura Bennett, Sarah Groff (beide USA), Pamela Oliviera (BRA) und Rachel Klamer (NED) gelten als sehr starke Schwimm-Radfahrerinnen, auch die neuseeländische Vizeweltmeisterin Andrea Hewitt, Emma Moffatt und Erin Densham (beide AUS) könnten den Anschluss schaffen - sie könnten ihn aber genauso gut auch verpassen. Auch für einige andere dürfte es ein Tanz auf der Rasierklinge werden.

Deutsche in Top-Form

Doch die Olympischen Spiele wären nicht die Olympischen Spiele, wenn man den Erfolg einfach so planen könnte. Anne Haug schien beim Qualifikationsrennen in Madrid nach dem Schwimmen schon aussichtslos abgeschlagen - und plötzlich fand sie sich auf dem letzten Laufkilometer in der Vierer-Führungsgruppe wieder. "Ich muss in London das Schwimmen meines Lebens erwischen, muss mutiger an die Boje heranschwimmen", sagt sie, "danach freue ich mich über jede gute Radfahrerin in meiner Gruppe." In den vergangenen Rennen hatte sie die Löcher zur Spitze auf der Radstrecke meist allein zugefahren, für London hofft man im deutschen Team leise darauf, dass Haug es beim Schwimmen in die Nähe der starken Radfahrerinnen Lisa Nordén (SWE) und Europameisterin Nicola Spirig schaffen könnte. Die soll wiederum von der ebenfalls starken Radfahrerin und als Edelhelferin eingesetzten Daniela Ryf nach vorn "chauffiert" werden. Steigt Haug mit den Führenden vom Rad und musste dafür nicht zu viel arbeiten, ist sie eine ernsthafte Medaillenanwärterin. In San Diego lief sie die zehn Kilometer in herausragenden 33:44 Minuten - "und hatte dabei nicht das Gefühl, dass das schon die Obergrenze war." Auch die bald vierfache Olympionikin Anja Dittmer ist beim Schwimmen eine Wackelkandidatin, wurde 2011 in London nach einem starken Lauf aber überraschend Dritte - und präsentierte sich in diesem Jahr in allen Rennen, obwohl aus dem vollen Training heraus bestritten, sehr souverän.

Tagesform entscheidet

Doch gerade auf der Laufstrecke ist die Leistungsdichte im Feld unheimlich groß, die Spitze extrem breit gefächert - die Liste der Medaillenanwärterinnen bei einer möglichen Laufentscheidung schier unendlich: Neben Haug und Dittmer haben die unkonstant schwimmende Amerikanerin Gwen Jorgensen, Andrea Hewitt, Helen Jenkins, Barbara Riveros Diaz (CHI), Emmie Charayron (FRA), Ai Ueda (JPN), Erin Densham, Emma Moffatt, Emma Jackson (alle AUS), Nicola Spirig, Maaike Caelers (NED), Aileen Morrison (IRL) und Sarah Groff (USA) das Zeug, die zehn Kilometer an einem guten Tag deutlich unter 34 Minuten zu laufen und eine Medaille zu gewinnen. Auch die junge Kanadierin Paula Findlay, die die WM-Serie von Mitte 2010 bis Mitte 2011 dominiert hatte und sich anschließend an der Hüfte verletzte, gibt in London ihr Comeback nach einem Jahr ohne große internationale Rennen - nicht einmal Experten wissen, wie gut oder schlecht sie nach ihrer langwierigen Verletzung tatsächlich in Form ist. Eigentlich weiß man überhaupt nur eins mit Sicherheit: Die Tagesform wird beim Kampf um die Medaillen entscheidend sein. Und die Deutschen haben für jeden möglichen Rennverlauf mindestens eine aussichtsreiche Kandidatin im Rennen. Ein Szenario, mit dem noch vor zwölf Monaten kaum jemand rechnen konnte.