Eine Hand am Titel: Mola und Luis lauern auf Gómez' Ausrutscher

In Chicago kann Javier Gómez eine lange und beinahe perfekt geplante Saison am Samstag mit dem Weltmeistertitel und sich selbst zum alleinigen WM-Rekordhalter krönen. Mario Mola und Vincent Luis hoffen auf einen Ausrutscher des Galiziers.

Von > | 18. September 2015 | Aus: SZENE

Javier Gomez | Vincent Luis jagt Javier Gomez

Vincent Luis jagt Javier Gomez

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Fünf WM-Titel in acht Jahren - so etwas hat es auf der ITU-Kurzdistanz noch nie gegeben. Doch Javier Gómez kann es am Wochenende schaffen: Krönt er sich in Chicago erneut zum Weltmeister, überholt er den bisherigen Weltmeisterschafts-Rekordhalter Simon Lessing (GBR), der zwischen 1992 und 1998 vier Mal den Weltmeisterschaftstitel gewinnen konnte. Und als ob das nicht genug wäre, weiß Gómez eine weitere beeindruckende Statistik auf seiner Seite: Seit den Weltmeisterschaften von Hamburg 2007, also seit acht Jahren, fand die Ehrung der drei Medaillengewinner einer ITU-Kurzdistanz-Weltmeisterschaft nicht mehr ohne Javier Gómez statt - egal, ob die Titelträger in einem einzelnen Rennen oder einer Serie über mehrere Rennen hinweg gesucht wurden. Gómez beherrscht beides, wie er in dieser Saison mit einer Planung nahe der Perfektion erneut bewies. Es müsste schon ein kleines Wunder geschehen, damit der Spanier seine neunte Weltmeisterschafts-Podestplatzierung in Folge am Samstag in Chicago verpasst. Selbst der WM-Titel scheint ihm kaum mehr zu nehmen.

Clevere Saisonplanung

Denn um ihm diesen Erfolg noch streitig zu machen, müssten ihn seine Konkurrenten Mario Mola (ESP) und Vincent Luis (FRA) in den USA vom Podium in der Tageswertung fernhalten (siehe Kasten), was in den letzten 20-WM-Serienrennen, in denen Gómez startete, überhaupt nur vier Mal gelang. Ein Mal davon bei der Saisoneröffnung über die von Gómez ungeliebte Sprintdistanz in Abu Dhabi im März, wo er Sechster wurde. Schon damals hatte der Spanier angekündigt, nicht mit Top-Form in die Saison starten und stattdessen mit jedem der zahlreichen ausstehenden Rennen nun etwas besser in Schwung kommen zu wollen. Mission geglückt, so scheint es vor dem WM-Finale: In den vergangenen Wochen wirkte Gómez auf der Kurzdistanz kaum noch zu schlagen. Selbst eine Woche nach dem dritten Rang bei seinem Ausflug zu den 70.3-Weltmeisterschaften lief er über die Sprintdistanz im kalten Edmonton schon wieder zu Silber hinter Richard Murray (RSA) - und machte dabei den Eindruck, als hätte er mit größerer Risikobereitschaft sogar an diesem Tag um den Sieg kämpfen können.

Rechenspiele um den WM-Titel
Javier Gómez ist Weltmeister, wenn...
  • Er das Rennen auf dem Podest beendet - egal, was die Konkurrenz treibt.
  • Er Vierter wird, Mario Mola das Rennen aber nicht gewinnt.
  • Er Fünfter wird, aber weder Vincent Luis das Rennen gewinnt, noch Mario Mola Zweiter wird.
Mario Mola ist Weltmeister, wenn...
  • Er das Rennen gewinnt und Javier Gómez das Podest verpasst.
  • Er Zweiter wird, Vincent Luis nicht gewinnt und Javier Gómez nicht besser als Fünfter wird.
Vincent Luis ist Weltmeister, wenn....
  • Er gewinnt und Javier Gómez nicht besser als Fünfter wird.

Sollte Gómez also nicht im Wasser überraschend den Anschluss an die Spitze des Feldes verlieren, dürften Mario Mola und Vincent Luis die Hoffnung auf einen Ausrutscher des Galiziers endgültig aufgeben und sich stattdessen auf den Kampf um die beiden verbleibenden WM-Medaillen hinter Gómez konzentrieren. Auch Silber oder Bronze wären vor allem für den Franzosen schließlich noch ein großer Erfolg: Denn seit Frederic Belaubre im Jahr 2006 konnte kein Franzose bei einer Weltmeiserschaft mehr das Podest erklimmen. Der einzige echte Herausforderer im Kampf um die Medaillen ist für Mola und Luis der Südafrikaner Richard Murray, der mit 3.290 Punkten knapp 300 Zähler hinter dem französisch-spanischen Duo liegt. Also in etwa so weit, wie diese beiden wiederum hinter dem WM-Führenden Javier Gómez.

Brownlee kehrt "unfit" zurück

Dabei hat Murray in dieser Saison eine gänzlich andere Herangehensweise gewählt als in der Vergangenheit - und auch als beispielsweise Mario Mola: Während der Spanier als einziger Athlet aus der Spitzengruppe jedes der bislang neun WM-Serienrennen in dieser Saison bestritt, kommt Murray nur auf vier statt fünf möglicher Wertungen vor dem Finale, hat dem Training im Jahr vor den Olympischen Spielen also einen größeren Stellenwert eingeräumt als dem WM-Ranking. Das scheint sich allmählich auszuzahlen: Im Wasser zeigte sich der Südafrikaner zuletzt verbessert und auf dem Weg, sich näher an die erste Schwimmgruppe heranzuarbeiten. Das beim Grand Final zu beweisen, wird das allerdings besonders schwierig: Denn mit Vincent Luis, Pierre Le Corre, Dorian Coninx, Anthony Pujades (alle FRA), dem viermaligen Aquathlon-Weltmeister Richard Varga (SVK) und Henri Schoeman (RSA) haben sich erneut eine Vielzahl starker Schwimmer angekündigt. Spätestens beim Laufen können zudem auch Joao Pereira (POR), Aaron Royle, Ryan Bailie (beide AUS), Crisanto Grajales (MEX) und David Hauss (FRA) eine Rolle im Kampf um die vorderen Platzierungen spielen. Auch Jonathan Brownlee kehrt nach einer im Sommer erlittenen Stressfraktur wieder ins Renngeschehen zurück, zeigt sich vor dem Wettkampf aber demütig: "Das wird das erste Rennen, bei dem ich am Start stehe, obwohl ich nicht fit bin", kündigte der Brite im Vorfeld an.

Die deutschen Männer werden eine überwiegend durchwachsene Saison im Finale mit einem Dreigespann beschließen: Der als Gesamt-22. beste und jüngste Starter in Reihen der DTU, Justus Nieschlag, kann dabei sogar noch einmal auf eine Platzierung nahe der Top-Ten hoffen, wenn er durch das Schwimmen den Sprung in eine mögliche kleine Spitzengruppe auf dem Rad schafft: Eine solche Gruppe hätte auf der kurvenreichen Radstrecke in Chicago gute Chancen, sich über die 40 Kilometer hinweg gegen ein großes Verfolgerfeld zu behaupten. Die beiden übrigen Deutschen, Gregor Buchholz und Steffen Justus, dürften dagegen eher in einer dieser Verfolgergruppen landen, von wo aus sie auf eine letzte große Punktwertung für das Olympia-Ranking hoffen. Eine Entscheidung auf den letzten zehn Kilometern würde dabei klar in die Karten des routinierten und laufstarken DTU-Duos spielen.

Das Rennen der Elite-Männer wird in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 0 Uhr deutscher Zeit gestartet. tri-mag.de berichtet zeitnah nach der Entscheidung.