Frodeno und die vier Fragezeichen

Mit „Die drei ???“ hat Jan Frodeno den letzten Newseintrag auf seiner Website im April überschrieben. Seitdem ist noch mindestens eines hinzugekommen. Denn nicht nur hinter dem Olympiastart des Goldmedaillisten von 2008 steht vor dem WM-Rennen in Kitzbühel ein Fragezeichen, sondern auch hinter der Form von Javier Gomez, Alistair Brownlee – und hinter einem Youngster, der bald für Erstaunen sorgen könnte.

von | 21. Juni 2012 | Aus: Szene

Jan Frodeno

Jan Frodeno

Foto > spomedis

Man muss ehrlich sein: Es ist nahezu unmöglich, in diesem Vorbericht alle offenen Baustellen angemessen zu analysieren, die vor dem World Triathlon Series-Rennen in Kitzbühel am Wochenende aufgerissen wurden. Ob nun die Brownlees, Steffen Justus, Javier Gómez, Laurent Vidal, Mario Mola, Jan Frodeno oder Richard Murray – fast alle Athleten, die in London zu den Anwärtern auf eine olympische Medaille, werden die WM-Generalprobe über die volle Distanz noch einmal zu einem Formtest nutzen und herausfinden wollen, woran es unter Umständen noch hakt. Denn hinter vielen der Favoriten stehen noch große Fragezeichen.

Nächster Rückschlag

Für die deutschen Triathleten und Triathlon-Fans steht an diesem Wochenende aber eine Frage über allen anderen. Nämlich: Wie geht es Olympiasieger Jan Frodeno? Das Rennen in Kitzbühel, erklärte er vor dem Qualifikationsrennen in Madrid Ende Mai gegenüber tri-mag.de, werde für ihn der große Belastungstest, der im Wesentlichen darüber entscheidet, ob der Olympiasieger von 2008 vier Jahre danach überhaupt am Start stehen wird. Monatelang laborierte der Saarbrückener an einem Nervenschaden in der Wade, dann an einer Entzündung der Achillessehne, konnte erst Anfang Juni langsam und noch nicht wieder komplett schmerzfrei ins Lauftraining einsteigen. Gemeinsam mit Maik Petzold und Steffen Justus hat er sich in den letzten Wochen im französischen Font Romeu auf die Spiele vorbereitet und wähnte sich dort auf einem guten Kurs in Richtung London - doch das ist Vergangenheit. Denn Frodeno musste das Höhentrainingslager vorzeitig abbrechen.

Ein Infekt, den er sich zuzog, weil er sich "nicht selbstverschuldet abgeschossen" habe, zwang den 30-Jährigen zur vorzeitigen Abreise. "Das wäre in der Höhe kaum zu reparieren gewesen", so Frodeno wenige Tage vor dem Rennen in Kitzbühel gegenüber tri-mag.de. Sieben Tage Training habe ihn der Infekt gekostet, am Wochenende schnürte er erstmals wieder die Laufschühe. Die Zwangspause, erklärt Frodeno, sei zudem auch Gift für seine Achillessehne gewesen: Gerade die Laufbelastung helfe bei der Heilung - mache er gar nichts, wie in den letzten Tagen, würden die Probleme wieder schlimmer. "Immer wenn es einmal anfängt, gut zu laufen, bekomme ich den nächsten Knüppel zwischen die Beine", so Frodeno  frustriert. "2008 war der Olympiasieg mein Meisterstück", sagt er dann, "2012 wäre es das schon, wenn ich nur am Start stünde." Und schiebt nach: "Ja, ich glaube daran, dass ich bei den Olympischen Spielen dabei sein werde."

Frodeno: "Habe die Hosen voll"

Und eigentlich, meint Frodeno, freue er sich ja auch "wahnsinnig darauf, in Kitzbühel endlich wieder einmal am Start zu stehen" - er wolle zeigen, dass er im Schwimmen und Radfahren in einer sehr guten Verfassung sei, vielleicht sogar einmal "eine offensivere Renngestaltung" testen, um sich zu beweisen. Doch nach dem neuerlichen Rückschlag, erklärt der 30-Jährige, "habe ich die Hosen voll." Erst am Mittwoch, vier Tage vor dem Rennen, sei er zum ersten Mal wieder ein paar schnellere, intensive Intervalle gelaufen. "Kitzbühel wird für für mich zur großen Wundertüte. Ich hoffe, dass es nicht all zu peinlich wird und ich wenigstens ein bisschen was auf die Reihe bekomme."

Mehr als der kleine Bruder?

Einer, der ebenfalls mit einer Achillessehnenverletzung kämpfen musste, ist Alistair Brownlee. Ein Teilriss der Achillessehne hatte den zweifachen Weltmeister Ende Februar wochenlang außer Gefecht gesetzt. Erst vor zwei Wochen stieg er wieder ins „Wettkampfgeschehen light“ ein: Beim Triathlon in Blenheim verausgabten sich er und sein Bruder Jonathan nicht, liefen gemeinsam über die Ziellinie. Ihr wahres Leistungsvermögen zeigten sie nicht. Ob sie sich das in Kitzbühel wieder leisten, ist fraglich. „Ich glaube nicht, dass ich Alistair schlagen kann“, hatte Bruder Jonathan vor Alistairs Verletzung einmal erklärt. Wenn er diesen Gedanken ausblendet, könnte er pünktlich zu den Olympischen Spielen aus der Rolle des kleinen Bruders hinauswachsen – und zum großen Favoriten für die Heimspiele avancieren.

Dass er das Gefühl der (scheinbaren) Unterlegenheit überwinden kann, hat Jonathan schon bewiesen. „Früher hatten Alistair und ich ein ganz ähnliches Gefühl bei Javier Gómez“, so Jonathan. Mittlerweile besiegen die Brüder den Spanier regelmäßig - in diesem Jahr allerdings noch nicht. Denn auch Gómez hatte sich seinen Saisoneinstieg auf der großen Bühne für das Heimrennen in Madrid aufgespart – musste dort dann aber wegen eines Infekts absagen. Auch der Spanier ist also ein wandelndes Fragezeichen. Womöglich muss er sich, wie Jonathan Brownlee bei seinem zwar souveränen, aber noch etwas hölzernen Sieg in San Diego, in Kitzbühel erst einmal den „Rost ablaufen".

Ein amerikanischer Brownlee?

Neuwagen setzen dagegen keinen Rost an, wenigstens nicht in ihren Anfangsjahren. Lukas Verzbicas ist so ein Neuwagen – und zwar nicht irgendeiner, sondern ein aggressives Sportmodell. Der US-Amerikaner, erst 19 Jahre jung, begann seine Karriere ähnlich wie die Brownlees als Cross- und Langstreckenläufer. Im Februar dieses Jahres lief er die 5.000 Meter bereits in 13:57 Minuten. Abrufen kann der junge Amerikaner diese Laufstärke mittlerweile auch im Triathlon: Bei seiner Weltcup-Premiere im spanischen Banyoles am vergangenen Wochenende gewann er prompt und lief dabei unter anderem dem starken Franzosen Laurent Vidal so weit davon wie sonst nur die Brownlee-Brüder. Allein beim Schwimmen hat das Riesentalent mit litauischen Wurzeln noch Probleme: In Spanien verlor er dort 20 Sekunden auf Vidal. Wenn Verzbicas diese Hürde trotzdem auf Anhieb nimmt, haben die Brownlees womöglich bald einen neuen Angstgegner. Für die Olympischen Spiele kommt die WM-Premiere des Amerikaners allerdings zu spät: Hunter Kemper und Manuel Huerta werden dort für die USA an den Start gehen.

Neben den Brownlees, Javier Gómez, Verzbicas und Laurent Vidal ist in Kitzbühel unter anderem auch Richard Murray (RSA), Alexander Brukhankov (RUS), Vincent Luis, David Hauss (beide FRA) und dem Spanier Mario Mola, einem herausragenden Läufer mit Problemen beim Schwimmen, etwas zuzutrauen. Auch Steffen Justus will sich nach seinem Auftaktsieg in Sydney und dem Trainingslager in der Höhe von Font Romeu wieder mit der Weltelite messen - und könnte die Gelegenheit nutzen, sich rechtzeitig vor den Spielen zu beweisen, dass auch Sportler mit den Namen Gómez und Brownlee für ihn schlagbar sind. Auch Maik Petzold geht nach seiner erfolgreichen Qualifikation für die Olympischen Spiele in Kitzbühel wieder an den Start. Jonathan Zipf, Christian Prochnow, Gregor Buchholz und der neue Deutsche Meister Franz Löschke komplettieren das deutsche Aufgebot in Österreich am Sonntagnachmittag (Start 15:06 Uhr).

tri-mag.de ist am Wochenende in Kitzbühel vor Ort und berichtet aktuell von den Rennen der Frauen und Männer.