Läuft Gwen Jorgensen am Samstag wie in Stockholm davon?

Janos Schmidt / triathlon.org

ITU World Triathlon Stockholm 2013
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ITU Grand Final London Haug, Jorgensen, Stanford: Showdown im Titelkampf

Kurzstrecke | 13. September 2013
Gegen 11:36 Uhr deutscher Zeit wird am Samstag die neue Triathlon-Weltmeisterin die Ziellinie im Londoner Hyde Park überqueren. Rechenspiele sind nicht nötig: Die Bestplatzierte der drei Serien-Führenden wird den Titel wohl gewinnen. "Die Tagesform entscheidet", meint Anne Haug. Aber vielleicht nicht nur die.
Das engste Finale der Geschichte der World Triathlon Series ist es schon jetzt, und vermutlich wird es auch das dramatischste: Nur 13 Punkte trennen die US-Amerikanerin und WM-Führende Gwen Jorgensen von der derzeit Drittplatzierten Non Stanford (GBR). Zwischen den beiden rangiert die Deutsche Anne Haug. Und nur rund 180 Punkte hinter diesem Trio lauert auch noch die Britin Jodie Stimpson, die jede der drei Spitzendamen noch vom Podest stoßen kann, sollte eine von ihnen das Tages-Podest verpassen.

"Die Olympischen Spiele waren demütigend"

"Jede von uns hat jede in dieser Saison schon einmal geschlagen", sagt Anne Haug, "die Tagesform wird entscheiden." Dennoch sieht die Deutsche Gwen Jorgensen "vielleicht einen kleinen Tick vorn" - und ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Denn der Kurs durch den Londoner Hyde Park ist flach, technisch wenig anspruchsvoll - wie gemacht für Jorgensen, die ihre einzige echte Schwäche noch auf dem Rad hat. Beim Schwimmen dagegen stieg die US-Amerikanerin in sieben Rennen, die sie in diesem Jahr bestritt, fünf Mal im Hauptfeld aus dem Wasser - und bei einem der beiden Rennen, in denen es nicht klappte, gab sie wenig später wie einige ihrer Konkurrentinnen auf, weil sie sich in der Zeit zwischen Einschwimmen und Schwimmstart unterkühlt habe. Zwar will Haug im Schwimmen ebenfalls große Fortschritte gemacht, die zweite Konkurrentin Stanford mit genesenem Arm wieder zu alter Schwimmstärke zurückgefunden haben. Im Laufen war Jorgensen in diesem Jahr aber mitunter über eine halbe Minute schneller als die zweitschnellste ihrer Konkurrentinnen - nur ein Mal, in Madrid, lief die Britin Non Stanford noch schneller als die US-Amerikanerin. Haug gelang das in dieser Saison bisher nicht. Wobei die Deutsche auch stets in direkte, taktische Laufduelle verwickelt war, wogegen Jorgensen den zweiten Wechsel häufiger mit Rückstand erreichte und sich von da an ganz auf sich konzentrieren konnte.
"Um hier zu gewinnen, muss man wahrscheinlich unter 33 Minuten laufen", glaubt Haug - Olympiasiegerin Nicola Spirig hatte im vergangenen Jahr 33:41 Minuten für den Kurs durch den Hyde Park gebraucht. Dafür will Haug sogar den schmerzenden Zeh ausblenden, den sie sich bei den Deutschen Meisterschaften in Hannover verletzt hatte. "Wir haben das nicht untersuchen lassen, ich will gar nicht genau wissen, was damit ist. Der Zeh tut bei jedem Schritt weh, beim schnelleren Laufen geht es aber", sagt sie. Auch so werde es "im direkten Aufeinandertreffen mit Gwen Jorgensen schwer, wenn wir sie nicht schon vor dem Laufen irgendwie loswerden." Dass das selbst auf dem flachen Londoner Kurs nicht unmöglich ist, zeigten die Olympischen Spiele im vergangenen Jahr, bei denen Jorgensen in der zweiten Disziplin auf den nassen Londoner Straßen mehrere Minuten auf die Spitze verlor. Und auch für den Samstagmorgen sind kühle Temperaturen um 13 Grad Celsius mit leichtem Regen vorhergesagt, in den Rennen der Agegrouper am Freitag gab es in den rutschigen Kurven bereits mehrere Stürze. "Ich habe tatsächlich sehr gemischte Gefühle zu diesem Rennen", sagt Jorgensen. "Einerseits hatte ich hier 2011 mit dem zweiten Platz meinen Durchbruch - andererseits war diese Erfahrung bei den Olympischen Spielen demütigend." Nach diesem Rennen vor 13 Monaten wechselte Jorgensen ihren Trainer. Ein Schachzug, in dem sie sich heute bestätigt sieht.

Beeinflusst der Commonwealth den WM-Kampf?

Doch es werden womöglich nicht nur Stanford, Haug, Jorgensen und vielleicht Stimpson allein sein, die das Renngeschehen im Hyde Park prägen werden: Zum einen haben die Briten ein breites Team mit einigen starken Schwimmerinnen nominiert, von denen vor heimischem Publikum manche auch als Helferinnen Stanfords eingeplant sein könnten. Zum anderen ist das Finalrennen auch für Australierinnen und Neuseeländer von Bedeutung. Zwar wird zum dritten Mal in Folge keine Athletin aus diesen beiden Ländern, die 14 der 24 bisher vergebenen Kurzdistanz-Weltmeisterschaften unter sich ausmachten, Weltmeisterin werden. Für fast alle Nationen aus dem Commonwealth of Nations ist das Grand Final aber ein wichtiges Qualifikationsrennen für die Commonwealth Games in Glasgow im kommenden Jahr. Jeweils ein direkter Spot kann in London beispielsweise an eine Australierin und Neuseeländerin vergeben werden. Nicht unwahrscheinlich also, dass sich einige der Anwärterinnen auf dem Rad besonders engagieren werden - was Haug, Stimpson und Stanford in ihrem Versuch, Jorgensen abzuschütteln, helfen, sie aber auch stören könnte. Auch die starke Schwimmerin Jessica Harrison (FRA), die in London ihr letztes internationales Rennen bestreitet, könnte zum Abschied noch einmal besonders in Erscheinung treten wollen. Und dabei Unterstützung beispielsweise durch die US-Amerikanerin Sarah Groff, die Brasilierin Pamela Oliviera oder die Niederländerin Rachel Klamer finden.
Und womöglich bleibt es ja auch bei der Serie, wonach - mit Ausnahme Emma Moffatts im Serien-Premierenjahr 2009 - noch nie eine Weltmeisterin im gleichen Jahr auch das Grand Final gewonnen hat: Maaike Caelers (NED), Emma Moffatt, Ashleigh Gentle, Emma Jackson (alle AUS) und Andrea Hewitt (NZL) sind die fünf heißesten Anwärterinnen abseits des WM-Spitzenquartetts auf eine Top-Platzierung im Finalrennen. Für die DTU gehen neben Haug auch die beiden starken Schwimmerinnen Anja Knapp und Rebecca Robisch ins Rennen. Ob es auch ohne Svenja Bazlen, die nach den 70.3-Weltmeisterschaften in Las Vegas am vergangenen Wochenende Urlaub in den USA macht und auf den Start in London verzichtet, eine Teamtaktik zugunsten Haugs geben wird, dazu halten sich die Deutschen noch bedeckt. Immerhin geht es für Anja Knapp noch um eine Top-15-, vielleicht sogar Top-Ten-Platzierung in der Serienwertung - allerdings leidet die Dettingerin schon seit dem WM-Rennen in Stockholm unter einer schmerzhaften Magenerkrankung, deren genaue Analyse noch aussteht. Robisch kann außerdem noch den Sprung unter die besten 25 schaffen.
Das Rennen um den Weltmeistertitel wird um 9:36 Uhr (MESZ) gestartet. Die ARD-Sportschau überträgt den Wettkampf live in einem kommentierten Livestream. tri-mag.de berichtet wie gewohnt unmittelbar nach dem Zieleinlauf aus dem Hyde Park.

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