Historische Chance: Luis fordert Gómez und Mola

Beim letzten Serienrennen der World Triathlon Series geht es im Kampf um den WM-Titel noch einmal hoch her. Javier Gómez hat sein Punktekonto zwar bereits gefüllt - muss aber verhindern, dass ihm Mario Mola vor dem Grand Final in zwei Wochen zu nah auf die Pelle rückt. Und nun drängelt auch noch ein junger Franzose.

Von > | 4. September 2015 | Aus: SZENE

Vincent Luis | An der Spitze angekommen: Vincent Luis

An der Spitze angekommen: Vincent Luis

Foto >Wagner Araujo / triathlon.org

Sie haben ihn zwar immer ernst genommen, aber so richtig auf der Rechnung hatte ihn dann doch keiner: Schon seit Jahren deutete der Franzose Vincent Luis, mittlerweile 26 Jahre alt, sein enormes Potenzial bei kleineren Rennen an und etablierte sich in der World Triathlon Series im Bereich um die Top Ten - mit einigen Ausrutschern auf die Spitzenplatzierungen. Doch die Beständigkeit, über mehrere Rennen oder gar eine ganze Saison hinweg ganz vorne mitzumischen, ging Luis lange ab. "Es läuft eigentlich auf ein Duell Spanien gegen Yorkshire hinaus", erzählte Alistair Brownlee noch Ende Mai einer heimischen Zeitung mit Blick auf die Weltmeisterschaften und den Kampf um Olympia-Gold in Rio de Janeiro 2016: Mario Mola, Javier Gómez und Fernando Alarza nahm der Brite als vollwertige Konkurrenten wahr, das aufstrebende und vor allem schwimmerisch starke französische Team dagegen noch nicht. Drei Monate später sind die Brownlee-Brüder aus Yorkshire wegen neuerlicher gesundheitlicher Probleme vorerst raus aus dem aktiven Wettkampfgeschehen. Und Vincent Luis nach Jahren des Herantastens endlich in der Weltspitze angekommen, den großen Wurf vor Augen.

Frankreich mit vereinten Kräften für die Titelchance

Jahrelang darbte der Triathlon in Frankreich in der öffentlichen Wahrnehmung, weil Sportler auch dort nur dann viel Aufmerksamkeit erhalten, wenn sie gewinnen, erklärt der Journalist Alexandre Saint-Jalm. "Nach und nach bekommt nun auch Vincent Luis mehr Aufmerksamkeit, und das nicht nur, weil er mit der in Frankreich populären Rad-Doppelweltmeisterin Pauline Ferrand-Prévot liiert ist." Diese seltene Chance auf einen kleinen Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch die Chance auf ein sportliches, international wirksames Ausrufezeichen wollen sich die stolzen Franzosen kurz vor Ende der Triathlonsaison nun nicht mehr entgehen lassen. Weil Luis im Gegensatz zu seinen Konkurrenten erst vier WM-Serienrennen in dieser Saison bestritten hat, bis zum WM-Finale aber die fünf besten Ergebnisse in die Wertung eingebracht werden können, kann der Franzose im Falle eines Sieges schon am Sonntag am Spanier Mario Mola vorbei- und mit dem amtierenden Weltmeister Javier Gómez beinahe gleichziehen. Dabei kommt Luis vor allem entgegen, dass er seine Stärke anders als beispielsweise Gómez vor allem aus einer hohen Grundschnelligkeit schöpft - und das Rennen am Sonntag über die Sprintdistanz ausgetragen wird. Bringt er sich in Edmonton in Position, kann er zwei Wochen später bei Finale in Chicago der erst zweite Franzose nach Olivier Marceau werden, der sich zum Triathlon-Weltmeister auf der Kurzdistanz krönt. Auch wenn Marceau wenige Jahre nach seinem Titelgewinn im Jahr 2000 in die Schweiz wechselte.

Die eigene Nationalmannschaft jedenfalls hilft bei diesem Unterfangen mit: Neben Luis sind in Simon Viain und Raoul Shaw zwar nur zwei weitere Franzosen für das Rennen in Edmonton nominiert worden - Shaw allerdings zum ersten Mal. Und das wohl auch nicht ohne Grund: Im französischen Grand Prix ist er regelmäßig einer der stärksten Schwimmer und Radfahrer - und soll daher wohl persönlicher Edelhelfer des starken Schwimmers Luis werden, der hofft, sich zumindest den etwas schwächeren Schwimmer Mario Mola bis zum Start des abschließenden Fünf-Kilometer-Laufs vom Leib zu halten.

ITU World Triathlon Series 2015

Zwischenstand nach 8 von 10 Rennen

Name

Nation

Punkte

Schwächste Wertung

Punktzahl bei Sieg

1

Javier Gomez

ESP

3.820

740 (2.)

3.880

2

Mario Mola

ESP

3.373

464 (8.)

3.709

3

Fernando Alarza

ESP

2.961

(DNS in Edmonton)

(DNS in Edmonton)

4

Vincent Luis

FRA

2.909

0

3.709

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Nieschlag: "Mein Körper fällt langsam auseinander"

Neben dem Spanier laufen noch einige weitere gute Läufer, die in der Gesamtwertung allerdings keine Titelchance mehr haben, große Gefahr, den Anschluss im Schwimmen zu verlieren: Joao Silva und Joao Pereira (beide POR), Crisanto Grajales (MEX) und Richard Murray (RSA) haben von ihrem läuferischen Vermögen allesamt Podestchancen, wenn sich auf der Radstrecke ein großes Hauptfeld bilden sollte. Dem wollen allerdings nicht nur Luis, Shaw und Gómez entgegenwirken, sondern auch Schwimmspezialist Richard Varga (SVK), Aaron Royle (AUS), Vicente Hernandez (ESP) und die Russen Dmitry und Igor Polyanskiy.

Auch dem Deutschen Justus Nieschlag ist der Sprung in die erste Radgruppe bei einem schnellen Schwimmen zuzutrauen, auch wenn sich bei dem die lange Saison, die Anfang März in Abu Dhabi begann, deutlich bemerkbar mache. "Ich habe das Gefühl, dass mein Körper lansgam auseinander fällt. Ist eine Baustelle im Griff, geht es an einer anderen Ecke wieder los. Nichtsdestotrotz haben wir es geschafft, mich wieder in Rennmodus zu versetzen", sagt der junge Niedersachse. Begleitet wird er nach Kanada von Gregor Buchholz und dem erstmals seit fast zwei gesundheitlich sehr schwierigen Jahren wieder in der WM-Serie startenden Jonathan Zipf. "Im Prinzip fühle ich mich schon wieder recht fit, nur eine Magen-Darm-Erkrankung nach dem letzten Rennen in Karlsbad hat etwas gestört. Für mich ist es einfach megacool, nach dieser langen Leidenszeit wieder in der WM-Serie zu starten", meint Zipf. Buchholz, als Podesthoffnung der DTU in die Saison gestartet, hat das letzte Rennen in Stockholm ausgelassen, um noch einen Trainingsblock für das Saisonfinale einzuschieben. "Nach dem olympischen Testwettkampf in Rio war es hart, wieder aufzustehen. Aber aufgeben gilt nicht. Ich möchte der Saison einen versöhnlichen Abschluss geben. Nach dem bisherigen Verlauf möchte ich aber keine großen Ansagen mehr schieben."

Das Rennen der Männer wird am Sonntag um 23.36 Uhr deutscher Zeit gestartet. tri-mag.de berichtet wie gewohnt zeitnah nach der Entscheidung.