Frodeno und Prochnow: Der eine will die Brownlee ärgern, der andere zieht in Hamburg einen Schlussstrich.

Fabian Fiedler

Langjährige Kollegen im Gespräch. Christian Prochnow wird in drei Wochen in Hamburg seine Karriere ausklingen lassen - Frodeno, kündigt er hier an, will dort "Bumm Bumm" machen.
Bilder 1/1

ITU World Triathlon Series Hamburg Jan Frodeno will "die Brownlees ärgern"

Kurzstrecke | 18. Juli 2013
"Wie für eine Heim-Weltmeisterschaft" hat sich Jan Frodeno auf das WM-Serienrennen am kommenden Samstag in Hamburg vorbereitet - und rechnet sich nun Chancen aus, die übermächtigen Brownlee-Brüder ärgern zu können. Ein langjähriger Kollege Frodenos nimmt in der Hansestadt Abschied, eine Nachwuchshoffnung des deutschen Triathlons feiert ihre Serien-Premiere.
Alistair Brownlee ist kein Freund der Zurückhaltung. Nicht auf der Strecke - und häufig ist er es auch dann nicht, wenn ihm nach dem Rennen ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird. "Ein Glück, dass mein Bruder Jonathan nicht dabei war - sonst wäre das hier wahrscheinlich etwas schwieriger geworden", sagte er beispielsweise wenige Minuten nach seinem überlegenen Sieg beim Bergrennen in Kitzbühel vor zwei Wochen. Ein Kommentar, der ihn nicht bei jedem seiner Triathlon-Kollegen im Sympathie-Ranking nach oben klettern ließ.

"Man kann sie nicht einmal arrogant nennen"

Doch Alistair Brownlee redet eben nicht nur - der Brite lässt auch Taten und Ergebnisse sprechen. Seit nunmehr sechs ITU-Rennen in Folge ist der ältere der beiden Brownlee-Geschwister ungeschlagen, musste sich in seinen vergangenen zwölf Auftritten lediglich ein Mal, beim Sprintrennen in Lausanne 2011, Javier Gómez (ESP) und seinem Bruder Jonathan geschlagen geben. Der wiederum, der jüngere und zurückhaltendere der beiden Briten, beendete seit Juli 2010 jedes seiner 18 ITU-Rennen auf dem Podium."Man kann sie ja nicht einmal arrogant nennen", sagt auch der Olympiasieger von 2008, Jan Frodeno. "Sie beweisen schließlich immer wieder, dass sie Recht haben."
2013 tritt das britische Brüderpaar nun erstmals auch beim WM-Serienrennen in Hamburg an - ursprünglich, weil sie dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ihre Unterstützung für das Staffelformat auf dem Weg zu den Olympischen Spielen signalisieren wollten. Doch auch wenn sich das IOC nun bereits vor dem Staffel-Wettkampf am Sonntag gegen die Aufnahme ins Programm für die Spiele in Rio 2016 entschieden hat, sind die Brüder auf das Hamburg-Rennen angewiesen: Da beide in der World Triathlon Series erst je zwei Rennen bestritten haben, aber vier Ergebnisse bis zum Grand Final in London in die WM-Wertung eingehen, brauchen sie in der Hansestadt Punkte - sonst wären die Chancen auf den WM-Titel dahin. Somit wird es fast ein Jahr nach den Spielen von London diesmal wohl wirklich zum zuletzt schon häufiger erwarteten Aufeinandertreffen der drei Olympia-Medaillengewinner kommen - bisher hatte immer einer der beiden Brownlee-Brüder das Kräftemessen mit dem Spaniere Javier Gómez wegen Verletzungen kurzfristig abgesagt.

Alles auf Hamburg ausgerichtet

Einen besseren Rahmen könnte sich Jan Frodeno also gar nicht wünschen, um zu beweisen, dass er kurz vor seinem 32. Geburtstag noch längst nicht zum alten Eisen gehört. Nachdem sein langjähriger Trainer Roland Knoll im vergangenen Jahr nach Österreich wechselte, schloss sich der Saarbrücker dem neuen U23-Bundestrainer Dan Lorang an - und geht mit dem in der täglichen Arbeit seither neue Wege. "Wir trainieren nun viel wissenschaftlicher", sagt Frodeno, "weniger - aber mit mehr Intensitäten." Viel stärker achte er jetzt im Training darauf, Tempovorgaben genau einzuhalten, trainiere auf dem Rad konsequent nach den Wattvorgaben seines Trainers. Das Rennen in Hamburg hatte sich Frodeno bereits frühzeitig als Saisonhighlight ausgesucht, er konnte sich daher über Monate hinweg spezifisch auf die besonderen Ansprüche der Sprintdistanz vorbereitet. "Dan und ich haben uns zusammengesetzt und analysiert, was ich in Hamburg leisten können muss, um die schnellen Jungs da vorn ärgern zu können", erzählt Frodeno - und dann das Training gezielt darauf ausgerichtet.
Echte Schwächen haben die beiden bei den Brownlees allerdings nicht ausmachen können. "Man kann ihnen nicht wegschwimmen, man kann sie nicht müde fahren, und um sie beim Laufen anzugreifen, muss sich erstmal ein Moment ergeben, in dem nicht gerade einer der beiden selbst attackiert", meint der 1,94-Meter-Mann gegenüber tri-mag.de. Mit einem Fünf-Kilometer-Lauf in 14 Minuten, glaubt Frodeno, habe er trotzdem Siegchancen - wenn er zuvor beim Schwimmen den Anschluss gehalten hat. "Das ist der einzige Punkt, bei dem ich vielleicht etwas angespannt bin", gibt er zu. "Ich bin eigentlich ein guter Schwimmer, doch das geringere Wettkampfgewicht hat auch Auswirkungen auf die Wasserlage - da kommt im Rennen einiges zusammen." Ansonsten sei er vor dem Wettkampf aber so entspannt wie lange nicht mehr. Vor allem, weil er endlich wieder ohne Verletzungsprobleme "zum ersten Mal seit Ewigkeiten eine richtig gute Vorbereitung" absolvieren konnte. Die Vorbereitung auf sein womöglich letztes ernsthaftes WM-Serienrennen, bevor er sich auf längere Distanzen umorientiert.

Prochnow nimmt Abschied, Schwetz rückt nach

Von Abschied reden will Frodeno aber noch nicht. "Ich habe darüber nachgedacht, aber man soll niemals nie sagen", meint er. "Vielleicht passt mir ja das WM-Rennen in Auckland im nächsten Frühjahr gut in den Plan - ich bin kein Fan davon, dann wieder einen Rückzieher vom Rücktritt zu machen." Das definitiv letzte WM-Rennen soll es am Samstag dagegen für den Potsdamer Christian Prochnow, Olympionike der Spiele von Peking 2008, werden. Mit nur 31 Jahren will sich der langjährige Kaderathlet ab kommendem Jahr anderen Aufgaben widmen - und verzichtet auch auf eine zweite Karriere auf längeren Distanzen. "Ganz oder gar nicht", meint der amtierende Deutsche Meister auf der Sprintdistanz dazu gegenüber tri-mag.de. Dafür rückte durch die Rennabsage von Steffen Justus, der sich nach seinen Verletzungsproblemen zurzeit für nicht konkurrenzfähig hält, ein anderer Deutscher ins Team, der seine sportlich besten Jahre vermutlich erst noch vor sich hat: Maximilian Schwetz, zuletzt überraschend Vierter der Europameisterschaften in Alanya, feiert in Hamburg seine Premiere in der World Triathlon Series. Bildet sich dort nach den 750 Auftaktmetern eine kleine Spitzengruppe, könnte der 22-jährige Physikstudent als ehemaliger Schwimmer in der Hansestadt womöglich prompt um eine Top-Ten-Platzierung mitkämpfen.
Wohl eher weniger begeistert von einem schnellen Schwimmen wären die übrigen deutschen Athleten, deren Stärken vor allem im läuferischen Bereich liegen: Gregor Buchholz, Franz Löschke und Jonathan Zipf ergänzen das DTU-Team beim Heimrennen in Hamburg. Um den Sieg kämpfen wollen neben Frodeno, den Brownlees und Gómez außederm die starken Läufer Richard Murray (RSA) und Mario Mola (ESP) sowie der Schweizer Sven Riederer (SUI). Auch der Italiener Davide Uccellari und Laurent Vidal (FRA) könnten, sofern sie zuvor nicht schon den Anschluss verloren haben, auf der Laufstrecke eine Rolle spielen.

Aktuelle Ausgaben