Jeder Punkt zählt: Anne Haug führt im WM-Thriller

Zwei Siege, ein zweiter und ein dritter Platz: Im vergangenen Jahr wäre Anne Haug mit dieser Ausbeute vor dem Grand Final fast schon Weltmeisterin gewesen. In dieser Saison ist ihr nicht einmal eine Podestplatzierung sicher. Das Wichtigste zum engsten Titelrennen der WM-Geschichte.

Von > | 24. Juli 2013 | Aus: SZENE

Anne Haug siegt in Hamburg | Anne Haug siegt beim ITU World Triathlon Hamburg 2013.

Anne Haug siegt beim ITU World Triathlon Hamburg 2013.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Es ist schon verrückt, wie einige wenige Sportlerinnen binnen kurzer Zeit so ziemlich alles auf den Kopf stellen können. Noch vor etwas mehr als einem Jahr wäre Anne Haug - hätte sie beim Schwimmen nicht meist zu viel Zeit verloren - mit ihrem damaligen läuferischen Leistungsvermögen von knapp unter 34 Minuten in jedem Rennen klar erste Anwärterin auf den Sieg gewesen. In diesem Jahr müssen die zehn Kilometer in einem "normalen" Kurzdistanzrennen schon in deutlich unter 34 Minuten gelaufen werden, um überhaupt nur eine Chance auf das Podest zu haben. Es ist eine neue Generation Triathletinnen, die das Leistungsniveau bei den Frauen in den vergangenen Monaten in neue Sphären gehoben hat. Wie stark dieses Niveau gestiegen ist, erkennt man nicht zuletzt daran, wie schwer sich ehemalige Spitzenläuferinnen wie Emmie Charayron (FRA), Sarah Groff (USA) und Ashleigh Gentle (AUS) derzeit tun, auch nur in Schlagdistanz zur Spitze zu bleiben. Und vor allem auch daran, dass Anne Haug im WM-Kampf noch nicht längst uneinholbar führt.

91 Punkte Unterschied können (vor-)entscheiden

Jodie Stimpson (GBR), Gwen Jorgensen (USA), Non Stanford (GBR) - alles Namen, die zwar bereits auch im vergangenen Jahr schon mindestens ein Mal in der World Triathlon Series aufgetaucht sind, aber die ihren Durchbruch erst in dieser Saison geschafft haben. Diese drei Athletinnen machen Vizeweltmeisterin Anne Haug das Leben schwer. Insgesamt vier Ergebnisse aus den sieben regulären Serienrennen können bis zum Grand Final in die Wertung eingebracht werden, das Londoner Rennen zählt dann mit der eineinhalbfachen Punktzahl zusätzlich in die Wertung. Und in dieser Saison - beim engsten Titel-Rennen der WM-Geschichte - läuft es zum ersten Mal tatsächlich darauf hinaus, dass vor dem Grand Final nicht längst eine Vorentscheidung gefallen ist.

Punktevergabe World Triathlon Series 2013

Serienrennen (max. 4)

Grand Final

1

800

1200

2

740

1110

3

685

1027

4

633

950

5

586

879

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Denn bis dahin ist nur noch ein Rennen, die siebte WM-Etappe in Stockholm, zu absolvieren - ein Wettkampf, den Anne Haug auch auslassen könnte, aber trotzdem angehen will. Stark verbessern kann sie sich dort zwar nicht mehr: Um maximal 115 Punkte könnte sie ihr Punktekonto noch aufstocken, indem sie ihren dritten Platz aus Kitzbühel toppt - gleichzeitig allerdings kann die Deutsche den Konkurrentinnen Stimpson, Stanford und Jorgensen Punkte abjagen. Denn mit einem Sieg könnte Stanford vor dem Grand Final noch auf 3.080 Punkte kommen und an Haug vorbeiziehen. Mit der wohl besten Läuferin im Feld - Jorgensen - läge die Deutsche im Falle eines Sieges der US-Amerikanerin praktisch gleichauf. Mindestens 91 Punkte Vorsprung würde Haug aber wohl gern nach London retten. Dann nämlich wäre sie auch im Falle eines zweiten Platzes auf dem Olympiakurs im Hyde Park auf jeden Fall Weltmeisterin. Gleichzeitig kann Haug selbst  von keiner Konkurrentin mehr um jene 91 Punkte distanziert werden. Zu verlieren hat die Bayreutherin in Stockholm also nichts.

Das Grand Final war noch nie so wichtig

Gewonnen hat das Grand Final in der fast fünfjährigen Geschichte der World Triathlon Series überhaupt erst ein Mal die spätere Weltmeisterin: Nämlich Emma Moffatt im Jahr Premierenjahr 2009. Deren Bestmarke von 4.340 Punkten hat noch immer Bestand. Anne Haug könnte mit dieser Fabelzahl sogar gleichziehen, wenn sie die beiden verbleibenden Rennen gewinnt. Das hieße, dass die Deutsche durchschnittlich 785 Punkten in den regulären Serienrennen gewonnen hätte - plus 1.200 im Grand Final. Der Schwedin Lisa Nordén reichten im vergangenen Jahr 716 Durchschnittspunkte und ein vierter Rang im Finale zum Titelgewinn. Mit dieser Ausbeute würde man in diesem Jahr selbst im Kampf ums Podest leer ausgehen.

Dass Nordén überhaupt Weltmeisterin wurde, war allerdings auch im vergangenen Jahr überraschend. Denn im Finale musste die schon als sichere Weltmeisterin geglaubte Australierin Erin Densham aussteigen - und stürzte somit vom Podest. Auch Paula Findlay (CAN) machte 2011 eine ähnliche Erfahrung, Jan Frodeno in Budapest 2010. "Wir haben schon oft genug gesehen, dass jemand wie der sichere Weltmeister aussah und dann sogar noch vom Podest gefallen ist", sagte auch Haug im triathlonTV-Interview. "Vergeben wird der Titel erst beim Grand Final." Eine Aussage, in der in diesem Jahr noch viel mehr Wahrheit steckt als ohnehin schon.

World Triathlon Series 2013 | Frauen

Stand nach 6 von 7 Serienrennen

Name

Nation

Ergebnis 1

Ergebnis 2

Ergebnis 3

Ergebnis 4

Gesamt

1

Anne Haug

GER

  1. (800)
  1. (800)
  1. (740)
  1. (685)

3.025

2

Jodie Stimpson

GBR

  1. (800)
  1. (685)
  1. (685)
  1. (685)

2.855

3

Gwen Jorgensen

USA

  1. (800)
  1. (800)
  1. (633)
  1. (542)

2.775

4

Non Stanford

GBR

  1. (800)
  1. (740)
  1. (740)
  1. (248)

2.528

5

Ashleigh Gentle

AUS

  1. (633)
  1. (586)
  1. (429)
  1. (429)

2.077

6

Andrea Hewitt

NZL

  1. (633)
  1. (633)
  1. (542)
  1. (269)

2.077

15

Anja Knapp

GER

  1. (464)
  1. (464)
  1. (197)
  1. (144)

1.269

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Dauerstarter Gómez, Brownlees unter Zugzwang

Auch in der Wertung der Männer geht es eng zu. Der Galizier Javier Gómez ist gemeinsam mit Gwen Jorgensen und Ashleigh Gentle der einzige der Top-Athleten, der in allen sechs bisherigen WM-Serienrennen am Start war - und hat, im Gegensatz zu den beiden Frauen, auch schon vier Top-Ergebnisse auf der Habenseite. 2.965 Punkte stehen für den Olympia-Silbermedaillengewinner bisher zu Buche. Sollte er auch in Stockholm an den Start gehen, könnte er sein Konto bis zum Grand Final noch bis auf 3.080 Zähler aufstocken.

Wahrscheinlicher aber ist, dass seine britischen Konkurrenten Jonathan und Alistair Brownlee noch an Gómez vorbeiziehen. Wegen Verletzungs- und Krankheitsproblemen haben die jeweils erst drei Rennen bestritten - die aber jeweils mit durchschlagendem Erfolg. Jonathan gewann alle drei Rennen, Alistair Brownlee musste sich nur in Hamburg am vergangenen Wochenende geschlagen geben - nämlich seinem Bruder. Somit führt für beide Brownlees kein Weg am Rennen in Stockholm vorbei, wenn sie um den WM-Titel mitkämpfen wollen. Und diesen Kampf nehmen sie, kommt ihnen nicht wieder eine Verletzung oder Krankheit in die Quere, im September auf dem Olympiakurs wohl als WM-Führende auf. Auch Mario Mola (ESP), Richard Murray (RSA) und Joao Silva (POR) liegen noch aussichtsreich im Weltmeisterschafts-Rennen. Für die Deutschen geht es vor allem um die Absicherung der eigenen Start- und Kaderplätze: Eine Top-25-Platzierung in der Serienwertung benötigt beispielsweise Gregor Buchholz, um seinen Kaderstatus für die kommende Saison zu sichern. Derzeit liegt der Pechvogel des Hamburg-Wochenendes auf dem 26. Rang.

World Triathlon Series 2013 | Männer

Stand nach 6 von 7 Serienrennen

Name

Nation

Ergebnis 1

Ergebnis 2

Ergebnis 3

Ergebnis 4

Gesamt

1

Javier Gómez

ESP

  1. (800)
  1. (740)
  1. (740)
  1. (685)

2.965

2

Mario Mola

ESP

  1. (740)
  1. (740)
  1. (633)
  1. (586)

2.699

3

Richard Murray

RSA

  1. (740)
  1. (633)
  1. (586)
  1. (542)

2.501

4

Joao Silva

POR

  1. (685)
  1. (685)
  1. (685)
  1. (367)

2.422

5

Jonathan Brownlee

GBR

  1. (800)
  1. (800)
  1. (800)

2.400

6

Alistair Brownlee

GBR

  1. (800)
  1. (800)
  1. (740)

2.340

7

Sven Riederer

SUI

  1. (685)
  1. (542)
  1. (429)
  1. (367)

2.023

19

Steffen Justus

GER

  1. (633)
  1. (168)
  1. (133)

934

24

Franz Löschke

GER

  1. (397)
  1. (314)
  1. (83)

794

26

Gregor Buchholz

GER

  1. (339)
  1. (269)
  1. (114)

722

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