In Hamburg sagt man Tschüss Kathrin Müller tritt kürzer

Kurzstrecke | 18. Juli 2012
Mehr als zehn Jahre lang war Kathrin Müller einer der konstantesten deutschen Kurzdistanzprofis. Eine Mischung aus Vernunft und Frust treibt sie nun dazu, kürzer zu treten. Das Serienrennen in Hamburg soll ihr Abschied werden - mindestens ein vorläufiger.
57 Rennen unter dem ITU-Mantel in zehn Jahren, darunter 17 Weltcuprennen und 19 Starts in der 2009 eingeführten Weltmeisterschaftsserie: Kathrin Müller hat eine bewegte Karriere hinter sich. Doch obwohl sie jetzt, mit 28 Jahren, gerade erst ins vermeintlich beste Triathlon-Alter kommt, will sie künftig kürzertreten. Was paradox klingt, geht auf ein unter Kurzdistanzprofis verbreitetes Problem zurück: „Mit der WM-Serie kommt man viel rum und sieht die Welt, alles schön. Aber wenn man nicht zur absoluten Spitze gehört, verdient man dabei keinen einzigen Cent“, sagt Müller.

„Immer nur auf die Fresse“

Denn Müller als gute Schwimm-Radfahrerin wechselt zwar für gewöhnlich mit der Spitze auf die Laufstrecke. Die 34:30 Minuten, die sie dann in Bestform über zehn Kilometer noch laufen kann, reichen meist aber „nur“ für die erweiterte Spitze um Platz 15. Mit üppigen 20.000 US-Dollar wird die Siegerin eines Serien-Events entlohnt, nur noch 2.200 Dollar kassiert die Zehnte. Ab Platz 16 gibt es 1.000 Dollar – und ab Platz 21 gar nichts mehr. Viele wie Müller, Svenja Bazlen, Rebecca Robisch und gelegentlich selbst Top-Profis wie Javier Gómez und die Brownlee-Brüder fahren deshalb mehrgleisig und starten regelmäßig für Vereine in der französischen Triathlon-Liga, wo gute Gagen gezahlt werden sollen. „Ich muss auch an meinen Lebensunterhalt denken und irgendwann die Konsequenzen ziehen“, sagt Müller.
Auch deshalb will sie nach dem WM-Auftritt in Hamburg oder vielleicht noch nach dem Serienrennen in Stockholm den großen ITU-Rennen den Rücken kehren und mehr Zeit in den Deutschland-Vertrieb einer jungen französischen Wetsuit-Marke investieren. „Diese WM-Serien-Rennen machen den Leuten in den Top-Ten Spaß“, meint Müller, „der große Rest kriegt immer nur auf die Fresse.“ Mit ihrer Kritik ist sie nicht allein: Immer mehr Profis kündigen nun an, da die nächsten Olympischen Spiele wieder in weiter Ferne liegen, erst einmal genug vom ITU-Format zu haben. Der Brite Will Clarke beispielsweise, 2011 Zweiter in Hamburg, möchte sich künftig anderweitig probieren, die Australierin Annabel Luxford, 2005 Spitzenreiterin im ITU-Ranking, hatte dem Verband schon im Winter den Rücken gekehrt und zuvor gegen das ITU-Format gewettert: Die Startaufstellung bevorteile starke Athletinnen, die Rennen würden fast nur noch beim Laufen entschieden, weil auf dem Rad niemand arbeiten wolle oder das vom Team aus nicht dürfe. „Ich habe jetzt genug davon, mir immer wieder anhören zu müssen: Die Müller läuft schlecht“, sagt Kathrin Müller. „Ich brauche etwas Abstand.“

„Muss man denn so abdrehen?“

Abstand braucht sie vor allem wegen des gescheiterten Versuchs der Olympia-Qualifikation in Madrid Ende Mai. Über Monate hatte sie zuvor Punkte für das Olympia-Ranking gejagt, um Deutschland den dritten Startplatz zu sichern, hatte ihre Saison 2011 verlängert, war noch im Herbst für zusätzliche Weltcuprennen um die Welt gereist – und hatte sich dann im Winter einen Ermüdungsbruch zugezogen. „Deshalb bin ich erst jetzt in der Form, die ich in Madrid gebraucht hätte“, sagte Müller Mitte Juli. „Aber für Zeiten wie 33:30 Minuten, die man ganz vorn laufen muss, müsste ich sowieso einmal vier Jahre lang verletzungsfrei bleiben. Ich wüsste nicht, wieso das jetzt plötzlich gehen soll, nachdem es auch in den letzten zehn Jahren nicht funktioniert hat. Irgendwann sollte man einfach ehrlich zu sich sein.“
Deshalb will Müller nun Xterra-Rennen probieren, auch künftig weiter bei Europacups und beispielsweise in der französischen Liga starten, das Zeit-Investment in den Sport insgesamt aber deutlich reduzieren, der WM-Serie den Rücken kehren und dafür ihre Arbeit im Wetsuit-Geschäft intensivieren. Dass sie noch einmal ins volle Training einsteigt und 2016 erneut versucht, sich den Traum von Olympia zu erfüllen, will sie nicht ausschließen – doch Müller klingt skeptisch. „Viele meiner Freunde aus dem ITU-Feld, die sich qualifiziert haben, haben seit Wochen Scheuklappen auf, gucken nicht mehr links und rechts und denken nur noch an dieses Rennen“, meint sie. „Muss man denn so abdrehen, nur wegen Olympia? Ich kann das nicht.“

Bazlen und Müller starten „Mission Lucy“

Doch nicht nur das Verhalten mancher Sportler, auch das des eigenen Verbands hat Müller zu denken gegeben. „Für uns, die nicht zu Olympia fahren, interessiert sich niemand mehr“, meint sie. „Seit dem Rennen in Madrid hat niemand von der DTU Kontakt zu mir aufgenommen“, sagte die gebürtige Jenaerin zwei Wochen vor dem Rennen in Hamburg. Den Olympischen Spielen blickt sie trotzdem nicht mit Groll entgegen, sondern mit Vorfreude: Statt in naher Zukunft noch eigene größere Ziele zu verfolgen, konzentriert sich Müller derzeit vor allem darauf, der Teamkollegin und angehenden Olympionikin Svenja Bazlen, mit der sie in Freiburg in einer Wohngemeinschaft lebt, den Rücken freizuhalten. „Ich übernehme den Kochdienst und helfe, so weit es geht, im Training“, meint Müller. Und damit nicht auch noch die Olympischen Spiele zum frustrierenden Erlebnis werden, verfolgt das Duo längst einen Plan: Die ‚Mission Lucy’. Nach den Olympia-Nominierungen von Vicky Holland und Lucy Hall, die der Britin Helen Jenkins helfen sollen, geht man im Hause Müller-Bazlen davon aus, dass sich nach einem extrem schnellen Schwimmen eine etwa achtköpfige Gruppe auf dem Rad bilden und viele der schnellsten Läuferinnen abhängen wird. In jener Gruppe, so der Plan, soll dann auch Bazlen sitzen. „In dieser Helferrolle“, sagt Müller, „gehe ich richtig auf.“