Mister Unschlagbar Kienle siegt zum fünften Mal in Buschhütten

Kurzstrecke | 6. Mai 2012
Zumindest im Siegerland ist gegen Sebastian Kienle wohl kein Kraut gewachsen. Mit seinem fünften Sieg in Folge ist der 28-Jährige in Buschhütten nun unangefochtener Rekordhalter. Im Rennen der Frauen siegte Daniela Sämmler ein Jahr nach dem Ende ihrer Babypause zum zweiten Mal.
Zum Zweck der Eigenmotivation seien etwas drastischere Bilder ruhig mal erlaubt. Den ersten "Sargnagel" wolle er seinen Konkurrenten am liebsten gleich auf den ersten Kilometern der Radstrecke einschlagen, verriet Sebastian Kienle in der traditionellen Athletenvorstellung wenige Stunden vor dem deutschen Saisonstart in Buschhütten seine Taktik, die natürlich streng genommen gar keine Taktik ist: Schadensbegrenzung im Freibad, Angriff auf der Schnellstraße, Selbstverteidigung "bis aufs Messer" (Motivationsspruch Nr. 2 aus Kienles Waffenarsenal) auf den acht unrhythmischen Laufrunden. Als gefährlichsten Konkurrenten im Kampf um den fünften Sieg in Folge  hatte er den russischen Weltcup-Starter und einstigen Schliersee-Sieger Ivan Vasiliev ausgemacht. "Der ist hier in den vergangenen Jahren ja schon mit einem Omafahrrad weit vorn gelandet und ist jetzt zum ersten Mal mit Zeitfahrmaschine am Start." Gefährlich seien aber natürlich auch Sydney-Sieger Steffen Justus, Olympiateam-Aspirant Maik Petzold und Horst Reichel.

Angriff des Russen-Express

Keine Zweifel, dass auch nach der kurzfristigen verletzungsbedingten Absage von Andreas Raelert und Jan Raphael und dem Verzicht des noch etwas matten Deutschen Duathlonmeisters Patrick Lange die Luft für Kienle diesmal besonders dünn zu werden drohte. Nicht zuletzt, weil sich Ivan Vasiliev mit seinem Bruder Denis und Landsmann Nicolay Yaroshenko noch so etwas wie Domestiken mitgebracht hatte, Pacemaker für die ersten beiden Disziplinen, die ihren Job ernst nahmen: Unter 11:45 Minuten blieb der "Russen-Express" über die 20 Bahnen im Buschhüttener Freibad und zog dabei gleich noch Petzold und Justus mit. Was auf der Nachbarbahn bei Tempomacher Reichel und seinem Gefolge mit Konstantin Bachor, Sebastian Kienle und den Jungprofis Per Bittner und Niclas Bock fast eine Schreckstarre auslöste. Mit 75 Sekunden war Kienles Rückstand bei der Auffahrt auf die vierspurige Radstrecke doppelt so groß wie vorausberechnet, und womöglich biss sich der 28-Jährige in diesem Moment für seine Denkvorlage mit dem Sargnagel auf die Lippen.
Denn in der fünfköpfigen "Weltcup-Gruppe" vorn lief es rund: Justus und Petzold hatten nach anfänglichen Handlingproblemen mit den ungewohnten Zeitfahrmaschinen inzwischen zu den Kollegen aus Russland aufgeschlossen und balancierten sich nach bestem Wissen und Gewissen am Windschatten-Regelwerk entlang über die windanfälligen Wellen zwischen den beiden Wendepunkten. Bis Kienle nach knapp 15 Kilometern in seinem unnachahmlichen Rhythmus vorbeidonnerte. Auf dem Weg hatte der Knittlinger bereits sämtliche Mitstreiter abgestreift, Bachor, Reichel und Co. hatten schon jetzt eine Minute Rückstand.

Hektik hinter der Wirbelschleppe

Doch als hätten sich Justus, die Vasiliev-Brüder und Petzold abgesprochen: Sofort erhöhten sie den Rhythmus, alle 500 Meter spannte sich ein anderer in die Nachführarbeit. Und Kienle ackerte, aber er kam nicht weg; da war die Hälfte seiner Paradedisziplin bereits vorbei. "Ich dachte: Wenn ich nach 20 Kilometern gerade mal 1:15 Minuten Rückstand wettmachen konnte, muss ich wohl mit 1:15 Minuten Vorsprung gegen Konkurrenten anrennen, die den Zehner netto unter 30 Minuten laufen können", ging Kienles düstere Kalkulation. Kurz hinter dem Wendepunkt forcierte er deshalb noch einmal, ging dafür sogar in den Wiegetritt. Und endlich riss die Wirbelschleppe.
Einen Schnitt von knapp 47 Kilometern pro Stunde hämmerte Kienle in den Buschhüttener Asphalt, und zumindest im Nachhinein steht fest: Keine Sekunde der 1:45 Minuten Vorsprung war Luxus. Denn trotz einer ungeheuer starken Laufleistung des Langdistanzspezialisten auf der kupierten 8-Runden-Laufstrecke verkürzten die Olympiastarter Ivan Vasiliev und Steffen Justus den Rückstand ab der vierten Runde um jeweils fast zehn Sekunden, und hätten sie Blut geleckt, wäre womöglich mehr drin gewesen.

Letzte Chance vertan?

So aber durften sich mehrere Tausend Zuschauer nach 1:39:11 Stunden über den fünften Ziel-Sprung Kienles in Serie freuen - ein vielleicht nicht mehr zu verbessernder Rekord. Nicht, weil die Organisatoren Sabine und Rainer Jung plötzlich eine zündende Idee hätten, wie man Kienle auf dem Kurs, der ihm förmlich auf den Leib geschneidert scheint, stoppen könnte. Aber weil Kienle nach seinem starken Auftritt Anfang April in Texas jetzt damit liebäugelt, im kommenden Jahr die Saison vielleicht mit einer kleinen USA-Tournee zu eröffnen. Für Justus, der nach einer Zeitstrafe auf Platz fünf zurückgestuft wurde, für den viertplazierten Maik Petzold und für die beiden podiumsplatzierten Vasiliev-Brüder eine gute Nachricht. Einerseits. Denn andererseits haben sie so wohl auch die letzte Chance zur Revanche im Duell "Lang gegen Kurz"  in Buschhütten nicht nutzen können.
26. Buschhütten Triathlon | Männer
6. Mai 2012, Kreuztal
NameVereinGesamt1 km Swim41,2 km Bike10 km Run
1Sebastian KienleTri Team Heuchelberg1:39:1112:4752:3533:50
2Ivan VasilievEJOT Buschhütten1:40:2611:4255:4133:04
3Denis VasilievEJOT Buschhütten1:41:3011:4355:4634:02
4Maik PetzoldEJOT Buschhütten1:41:4111:5255:3434:17
5Steffen JustusEJOT Buschhütten1:42:1011:5055:3034:51
6N. Yaroshenkoohne Verein1:42:4011:4455:4035:17
7Horst Reichel21run.com Team1:43:4612:3955:5935:09
8Dorian Wagnerhapa Triathlon Team1:44:2113:0257:2433:56
9J. AckermannKölner Triathlon Team1:44:4012:5055:4736:04
10Philipp BahlkeTuS Griesheim1:45:1012:1457:0335:53

Aus den Augen, aus dem Sinn

Gut zwei Stunden zuvor hatte mit Daniela Sämmler ebenfalls die hohe Favoritin das Rennen der Frauen für sich entschieden. Denn erstens ist die Schlüsseldisziplin in Buschhütten, das Radfahren, die große Stärke der 24-Jährigen aus Messel. Und zweitens war ihre größte Konkurrentin Jenny Schulz sieben Tage nach den Deutschen Duathlonmeisterschaften noch nicht wieder ganz bei Kräften. Nach einem komfortablen Schwimmauftakt im Wasserschatten der jungen Ärztin Mignon Vatlach drückte Sämmler gleich zu Beginn der Radstrecke derart aufs Gas, dass ihre Verfolgerinnen nach eigenem Bekunden schon nach der ersten der fünf Runden nur noch in Podiumsdimensionen dachten, aber nicht mehr an den Sieg.
Mehr als drei Minuten fuhr Sämmler auf den gut 40 Kilometern heraus, dahinter versuchten Schulz und die Frankfurterin Meike Krebs sich der unwiderstehlichen Attacke einer immerhin, und das ist keinesfalls despektierlich gemeint, 42-jährigen Ironman-Amateurin zu erwehren. Ohne Erfolg. Mit einer Trittfrequenz, die an die Auftritte der früheren Seriensiegerin Ina Reinders erinnerte, fuhr Beate Görtz, die Altersklassen-Weltmeisterin von Hawaii, Tagesbestzeit - und legte damit trotz eines fast dreiminütigen Handicaps nach dem Schwimmen den Grundstein für einen sicheren Platz auf dem Podium. Denn nur die Duathlonspezialistin Schulz konnte hinter der völlig unbedrängten Daniela Sämmler mit der schnellsten Laufzeit noch einmal kontern und nach Platz zwei bei der DM vor Wochenfrist einen weiteren Vizerang bei einem wichtigen Rennen einsammeln. Krebs wurde Vierte, Vatlach kam auf Rang fünf ins Ziel.
26. Buschhütten Triathlon | Frauen
6. Mai 2012, Kreuztal
NameVereinGesamt1 km Swim41,2 km Bike10 km Run
1Daniela SämmlerErdinger Alkoholfrei1:58:0514:221:03:3440:10
2Jenny SchulzSkills 04 Frankfurt2:00:1116:091:04:5739:05
3Beate GörtzASV Köln Triathlon2:01:3917:161:03:1941:05
4Meike KrebsErdinger Alkoholfrei2:03:2814:261:06:0642:58
5Mignon VatlachEJOT Buschhütten2:05:3414:201:08:1942:57
6Imke ÖhlerichASV Köln Triathlon2:07:0717:221:06:5742:49
7Maria LemesevaEJOT Buschhütten2:09:5917:421:09:0543:12
8Nina VabicTSG Kleinostheim2:10:4617:231:09:4043:44
9A. Schmitz-ElvenichASV Köln Triathlon2:11:4116:321:10:4444:26
10Nina KeulTeam Labor Koblenz2:12:2217:051:10:1045:08