Leben in der Triathlon-Blase

Im Jahr 2007 gewann Gregor Buchholz in Hamburg die U23-Weltmeisterschaften und galt als eine der deutschen Kurzdistanz-Hoffnungen. Neun Jahre später, mit 29 Jahren, kämpft Buchholz um die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Auf seinem Weg nach Rio de Janeiro bloggt Buchholz über Abkürzungen, neue Reize - und eine "Triathlon-Blase".

Von > | 25. Februar 2016 | Aus: Szene

Gregor Buchholz | Gregor Buchholz

Gregor Buchholz (rechts) beim Lauftraining mit Richard Murray (links) und Vizeweltmeister Mario Mola (Mitte)

Foto > Joel Filliol

Es schien die ganze Zeit noch so weit weg. Doch dann stand es plötzlich vor der Tür: Das Jahr 2016 - das olympische Jahr. Nicht falsch verstehen: Es ist nicht so, dass ich in den letzten Monaten und Jahren die Zeit vergessen hätte und nun plötzlich vom präolympischen Stress überrumpelt bin. Aber wenn man jahrelang, vielleicht über sein ein halbes Leben hinweg vom olympischen Traum beseelt ist, dann ist es doch ein besonderes Gefühl, wenn das olympische Jahr angeschlagen hat. In diesem Blog möchte ich Euch an meinem Weg zu den Olympischen Spielen teilhaben lassen.

Ins kalte Wasser

Desillusioniert bin ich im vergangenen August vom olympischen Testevent aus Rio wieder abgereist: Dort hätte ich meinen Traum von der Olympiaqualifikation bereits erfüllen können. Und ich hatte wirklich darauf gehofft, so gut waren meine Leistungen und so groß meine Fortschritte in der Saisonvorbereitung am Stützpunkt in Saarbrücken! Doch bis wenige Tage vor dem Rennen hatte ich noch Fieber und ich entschied mich erst am Rennmorgen zum Start. Im Wettkampf verpasste ich beim Schwimmen den Anschluss, auf dem Rad konnte unsere Gruppe nicht wieder zur Spitze aufschließen. Ich war am Ende zwar der beste Deutsche, als 22. aber trotzdem deutlich hinter den Qualifikationsansprüchen geblieben. Dass ich danach wieder aufstehen würde, war klar. Allerdings konnte ich nicht einfach so weitermachen wie zuvor, denn dafür war die Enttäuschung viel zu groß.

Schon vor dem letzten Jahr hatte ich Neuerungen eingeführt. Vereinfacht gesagt bin ich den Sport noch bewusster, noch „professioneller“ angegangen. Das ganze Leben habe ich auf den Sport und das Ziel Rio abgestimmt. Das äußert sich oft in Kleinigkeiten. Zum Beispiel in Situationen, in denen man einen Film nicht noch eben zu Ende schaut, sondern den Fernseher ausmacht, um wirklich genug Schlaf zu bekommen. Nach der Enttäuschung des Vorjahres wollte ich meine Umgebung aber drastischer verändern, mich selbst „ins kalte Wasser stoßen“ und neue Reize setzen. Zusammen mit dem DTU-Cheftrainer Ralf Ebli und Bundestrainer Dan Lorang reifte daher der Entschluss, mich unter die Fittiche von Joel Filliol zu begeben: Einem Kanadier, der in Schottland lebt und schon mit vielen Ausnahmesportlern zusammengearbeitet hat - vom ersten Triathlon-Olympiasieger Simon Whitfield bis hin zu den britischen Brownlee-Brüdern. Zur Zeit hat er eine internationale, erfolgreiche Trainingsgruppe um sich geschart, angeführt durch Vizeweltmeister Mario Mola. Das bringt für mich natürlich einige Veränderungen mit sich. Denn in einer Squad wie dieser zu trainieren, bedeutet vor allem eines: Unterwegs zu sein!

Die Triathlon-Blase

Auch in den vergangenen Jahren war ich bereits in unzähligen Trainingslagern, aber mittlerweile lebe ich permanent im Camp. Ich kenne es schon gar nicht mehr anders. Die Tasche ist mein Kleiderschrank geworden, die wenigen Tage in Deutschland fühlen sich inzwischen fast fremd an. Es ist die absolute Triathlon-Blase, in die wir abgetaucht sind: Es gibt uns - eine ambitionierte Gruppe von ITU-Triathleten, bunt zusammengewürfelt vom gesamten Globus. Und es gibt die Welt da draußen, die reale Welt.

Meine Absicht war es, mich täglich mit der Weltspitze im täglichen Training zu messen - und das ist auch genau das, was ich bekommen habe. Die Gruppe hat ein unglaublich hohes Niveau. Einige Athleten standen schon in der World Triathlon Series auf dem Podium, fast jeder von ihnen hat schon Podestplatzierungen bei Weltcuprennen auf dem Konto. Trainer Joel Filliol handelt vor allem nach einer Devise: Auf dem Weg zum Erfolg gibt es keine Abkürzungen. Bringst du müde gute Leistungen, bringst du sie im frischen Zustand erst recht.

Fast jeder Trainingstag beinhaltet daher Intensitäten. Das klingt fast schon ein bisschen nach Ausscheidungstraining - und am Anfang hat es sich auch für mich so angefühlt. Paradoxerweise macht das das Training aber auch recht einfach: Mal kannst du vorne mithalten, mal wirst du abgehängt. Das ist dann halt so, und morgen gibt es die nächste Chance. Je öfter du vorne mithalten kannst, desto besser ist deine Form. Punkt.

Weiter geht's!

Nun darf man das sich nicht so vorstellen, dass wir uns untereinander ständig attackieren und abhängen wollen. Das Tempo ist aufgrund des hohen Niveaus der Gruppe automatisch sehr hoch. Die schnellen, harten Trainingseinheiten sind die „Highlights“ im Trainingsplan. Hier kommt die gesamte Squad zusammen und erstürmt die Laufbahn oder den Pool. Wir versuchen, voneinander zu profitieren und mit Hilfe der anderen über uns hinauszuwachsen. Ansonsten haben wir am Rest des Tages aber viele Freiheiten, die wir auch nutzen. Schließlich befinden sich in unserer Gruppe die unterschiedlichsten Charaktere.

Ein stiller, aber unermüdlicher Beobachter ist Joel Filliol. Auch wenn er kein Mann vieler Worte ist, so entgeht seinen wachsamen Blicken nichts. Manchmal scheint er sogar mehr zu sehen als ich selbst - und er gibt mir scheinbar aus dem Nichts Anweisungen. „Gregor für dich heute kein zweites Lauftraining“, heißt es dann plötzlich. Verwundert hake ich nach: „Warum, sah es denn so schlecht aus?“ - „Nein alles gut!“, versichert er mir. „Ich habe aber das Gefühl, dass es reicht.“ Das funktioniert natürlich auch in die andere Richtung - dahin sogar noch etwas öfter. Lange „Leidensgeschichten“ werden dann mitunter nur kurz abgenickt und quittiert: „Okay, weiter geht's!“

Also dann: Weiter geht's. Und das schon recht bald auch in den ersten Wettkämpfen. Gleich beim ersten Rennen in Abu Dhabi am 5. März kann man sich mit einer Top-8-Platzierung die Qualifikation für Rio erkämpfen. Bis dahin werde ich meinen Weg weitergehen. Ohne Abkürzungen.