Packendes Sprintfinale Schweizerin Nicola Spirig holt Olympiagold

Kurzstrecke | 4. August 2012
Zwölf Jahre nach dem Triumph von Brigitte McMahon hat Nicola Spirig die olympische Goldmedaille im Triathlon zum zweiten Mal in die Schweiz geholt. Die amtierende Europameisterin wurde nach Auswertung des Zielfotos zur Siegerin erklärt. Silber ging an die Schwedin Lisa Nordén, Bronze sicherte sich Erin Densham aus Australien. Anne Haug landete als beste Deutsche auf Platz elf.
Packender kann ein olympisches Finale kaum sein: Schulter an Schulter gehen Lisa Nordén und Nicola Spirig auf die letzten 100 Meter, schenken im Kampf um Gold keinen Zentimeter her. Die Schweizerin erobert einen kleinen Vorsprung, doch die Schwedin kann wenige Meter vor dem Zielstrich noch einmal kontern. Am Ende ist mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, wer die Nase, oder besser die Brust, als Erste im Ziel hat. Doch die Schweizer Uhren lügen nicht. Zwei Zielfotos werden binnen Minuten ausgewertet und Nicola Spirig zur Siegerin erklärt. Nach einem denkwürdigen Rennen, bei dem die meisten taktischen Pläne schon beim Schwimmen über Bord gegangen waren.

Hall zu hastig, Haug im Pech

Das Rennen beginnt am Samstagmorgen im von vielen befürchteten Höllentempo. Lucy Hall, der als Edelhelfer für Topfavoritin Helen Jenkins nominierte Youngster, macht genau das, was die britischen Trainer von ihm erwarten: Schnell schwimmen. Doch schon nach wenigen Hundert Metern ist klar, dass nur eine Handvoll der 55 Athletinnen das Tempo von Hall halten können. Jenkins gehört nicht dazu. Die unerfahrene Hall bekommt das offenbar nicht mit, so dass die große Gruppe um Jenkins und alle anderen Favoriten viel Boden verliert und der Plan der Britinnen, ihre Goldfavoritin in eine Ausreißergruppe zu hieven, schon früh scheitert. Nach 18:16 Minuten klettert Hall als Führende aus dem trüben See im Herzen des Londoner Hyde Parks. Knapp dahinter: die Dänin Line Jensen, Mariko Adachi aus Japan, die Brasilianerin Pamela Oliveira, Claudia Rivas (MEX) sowie die US-Amerikanerin Laura Bennett und Mitfavoritin Jessica Harrison aus Frankreich. Dann passiert lange nichts. Mehr als eine Minute später sprintet der große Pulk um Jenkins, die Deutschen Svenja Bazlen und Anja Dittmer und alle weiteren Favoriten zum ersten Wechsel. Anne Haug gibt in ihrer Wackeldisziplin alles, liegt keine 20 Sekunden hinter den Teamkolleginnen. Doch es reicht nicht. Sie verpasst den Anschluss. Wenige Meter fehlen. Entscheidende Meter, die die 29-jährige Münchnerin wahrscheinlich die Olympiamedaille gekostet haben. Sie rutscht in die zweite Verfolgergruppe. Ist dort zwar in prominenter Gesellschaft, doch Barbara Riveros Diaz (CHI), Ex-Europameisterin Emmie Charayron (FRA) und die enttäuschend agierende Britin Vicky Holland, unterstützen sie in der Führungsarbeit nur sparsam.

Stürze, Spannung, Schrecksekunden

Auch die Australierinnen kassieren früh den ersten Rückschlag. Emma Moffatt, die Weltmeisterin von 2009 und 2010 rutscht - wie ein Dutzend ihrer Konkurrentinnen - in einer tückischen Linkskurve auf dem schmierigen Asphalt weg und gibt das Rennen auf. Nach Bronze in Peking geht sie dieses Mal leer aus. Im Quintett an der Spitze des Rennens grübeln Hall und ihre Begleiter derweil, ob man weitere Energie in die Flucht investieren oder sich in die große Gruppe zurückfallen lassen soll. Bazlen und Spirig nehmen ihnen die Entscheidung ab. Beide drücken mächtig aufs Tempo, kassieren die Führenden noch vor Ende der zweiten von sieben Runden und sitzen nun in einer 22-köpfigen Spitzengruppe. Eine Rennsituation, die vor allem Jenkins nicht gefallen kann. Haug und einige ihrer abgeschlagenen Konkurrentinnen bemühen sich zwar weiter verzweifelt um Anschluss, verlieren aber Runde für Runde weitere Sekunden. Mehr als zwei Minuten sind es zwischenzeitlich. Dann beginnen die Favoriten zu taktieren. Bazlen schaut einige Momente zu und übernimmt mit einem kraftvollen Antritt die Initiative. Wenige Kilometer vor dem zweiten Wechsel vielleicht die falsche Entscheidung. Doch die Stuttgarterin zeigt im Rennen ihres Lebens viel Mut und Kampfgeist, geht volles Risiko. Eine Einstellung, die man bei einigen ihrer 54 Gegnerinnen zeitweise nicht erkennen kann. Doch die taktischen Geplänkel an der Spitze spielen Haug in die Karten. Die Vierte des WM-Rennens von Hamburg kann den Rückstand in der letzten Radrunde auf etwa 100 Sekunden verkürzen. Geht da doch noch was?

Dittmer im Finale vorn dabei

An der Spitze halbiert sich die Riege der Medaillenkandidaten schon in der Wechselzone zum Laufen. Elf Athletinnen, darunter Jenkins, die beiden Australierinnen Erin Densham und Emma Jackson, das US-Duo Laura Bennett und Sarah Groff, die Schweizerin Nicola Spirig, Lisa Nordén aus Schweden und Rekord-Olympionikin Anja Dittmer, lösen sich gleich auf dem ersten Kilometer. Es folgt das von vielen gefürchtete erbarmungslose Ausscheidungsrennen. Ein Szenario, das die meisten Protagonisten schon aus früheren Rennen kennen - leichter macht das die Sache allerdings nicht. Zumal in einem olympischen Triathlon. Dittmer und Bennett fallen dem Tempodiktat Denshams schon in der ersten Runde zum Opfer. Kurz darauf verliert auch die junge Jackson den Anschluss. Etwas überraschend, denn die 20-Jährige war auf der Radstrecke keinen Meter im Wind gefahren und hatte sich so fürs Laufen geschont. Groff und Ainhoa Murua (ESP) werden in der zweiten Runde abgeschüttelt. Als auch die Neuseeländerin Andrea Hewitt nach einer weiteren Tempoverschärfung den Kontakt zur Spitze verliert, scheinen sich nur noch vier um die drei Medaillen zu streiten. Doch Groff will sich noch nicht geschlagen geben. Die 30-Jährige kommt zurück; kann die Lücke zum Führungs-Quartett mit einem Kraftakt noch einmal schließen.

Jenkins scheitert, Spirig jubelt

Keine zwei Kilometer vor dem Ziel wird es erst tragisch, dann hochdramatisch. Zunächst kann die britische Goldhoffnung Helen Jenkins das Tempo von Densham, Spirig und Nordén nicht mehr halten. Die so akribisch geplante und vermeintlich sichere Olympiamedaille ist futsch. Auch der letzte verzweifelte Versuch der 28-Jährigen, sich festzubeißen, scheitert. Am Ende landet sie auf dem für sie enttäuschenden fünften Platz. Die tapfere Groff wird Vierte - für den Schlusspurt fehlt ihr die Kraft. Der Kampf um Gold wird in einem Sprint ausgefochten, den Spirig im Stil einer Dampflokomotive 80 Meter vor dem Ziel anzieht. Densham kapituliert eingangs der Zielgerade, holt Bronze und setzt mit der insgesamt fünften Medaille die Erfolgsgeschichte der Australierinnen bei Olympia fort. Über Gold und Silber entscheidet am Ende nicht mehr als ein Wimpernschlag. Spirig und Nordén werfen sich ins Ziel und jubeln zunächst beide. Die Schweizerin ist letztlich die Glücklichere. Das Kampfgericht spricht ihr nach Auswertung der beiden Zielfotos den Olympiasieg zu. Zwölf Jahre nach dem Sensationserfolg ihrer Landsfrau Brigitte McMahon jubeln die Eidgenossen damit zum zweiten Mal über olympisches Gold.

Anne Haug wird nach einem überragenden Lauf noch Elfte und damit beste Deutsche. Besonders ärgerlich: In 33:42 Minuten war sie genauso schnell wie die drei Medaillengewinnerinnen. Auch wenn Konjunktive im Sport keinen Wert haben: Wäre Haug nur zehn Sekunden schneller geschwommen, hätte sie um den Titel gekämpft. Anja Dittmer verpasst bei ihren vierten Olympischen Spielen mit Platz zwölf ihr Ergebnis von Athen nur knapp. Ihren Platz in den Geschichtsbüchern hat die Neubrandenburgerin damit sicher. Svenja Bazlen verfehlt ihr Ziel, unter die besten 15 zu kommen zwar deutlich; doch auch sie kann London nach einem mutigen Rennen und Platz 32 erhobenen Hauptes verlassen.
Olympische Spiele 2012 | Frauen
4. August 2012, London (GBR)
NameNationGesamt1,5 km Swim40 km Bike10 km Run
1Nicola SpirigSUI1:59:4819:241:05:3333:41
2Lisa NordénSWE1:59:4819:171:05:3333:42
3Erin DenshamAUS1:59:5019:251:05:3333:42
4Sarah GroffUSA2:00:0019:201:05:4033:52
5Helen JenkinsGBR2:00:1919:191:05:3534:10
6Andrea HewittNZL2:00:3619:281:05:2634:30
7Ainhoa MuruaESP2:00:5619:211:05:3734:47
8Emma JacksonAUS2:01:1619:251:05:3235:07
9Jessica HarrisonFRA2:01:2218:391:06:1635:13
10Kate McIlroyNZL2:01:2819:311:05:2635:14
11Anne HaugGER2:01:3519:441:06:5933:42
12Anja DittmerGER2:01:3819:251:05:2735:32
13Irina AbysovaRUS2:01:5219:201:05:3435:41
14Mariko AdachiJAP2:02:0418:251:06:2935:51
15Vendula FrintovaCZE2:02:0819:301:05:2735:57
16Barbara Riveros DiazCHI2:02:1519:441:07:0334:15
17Laura BennettUSA2:02:1718:361:06:2236:10
18Emmie CharayronFRA2:02:2619:481:06:5834:27
19Gillian SandersRSA2:02:2819:291:05:3136:18
20Radka VodickovaCZE2:02:3419:181:05:4036:21
21Claudia RivasMEX2:02:3818:291:06:2636:27
22Kate RobertsRSA2:02:4619:231:07:2134:48
23Line JensenDEN2:02:4718:211:06:3436:37
24Marina DamlaimcourtESP2:02:5019:201:05:3636:40
25Agnieszka JerzykPOL2:02:5219:471:06:5734:55
32Svenja BazlenGER2:04:1119:281:05:2938:01