Schon beim Schwimmen wird eine Vorentscheidung darüber fallen, ob Anne Haug es zu den Olympischen Spielen schafft

Frank Wechsel / spomedis

Anne Haug am Schwimmausstieg
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Fünf Damen, zwei Tickets Showdown in Madrid

Kurzstrecke | 24. Mai 2012
Am späten Samstagnachmittag wird es in Madrid ernst: Dann kämpfen fünf DTU-Damen um die letzten verbliebenen Olympiatickets. Ob es aber wirklich "Tickets" werden oder es doch nur ein einzelnes Ticket gibt, entscheidet sich ebenfalls erst am Samstag auf der Rennstrecke.
Es sah zwischenzeitlich düster aus, doch vor dem großen Showdown in Madrid dürfen die DTU-Damen doch noch ein Mal tief und befreit durchatmen, bevor es am späten Samstagnachmittag rund geht. Nachdem die DTU-Damen um Kathrin Müller zwischenzeitlich schon fast abgeschlagen im Rennen um den dritten Olympiaspot schienen, hat Müller die Schweizerin Daniela Ryf rechtzeitig vor dem letzten in die Wertung zählenden Rennen in Madrid überholt - und Ryf, noch immer mit gesundheitlichen Problemen kämpfend, es in San Diego verpasst, zurückzuschlagen. Rund 280 Punkte hat Ryf Rückstand auf Müller, rund 320 auf Bazlen - überholt sie eine davon und wird wiederum selbst nicht von Anne Haug überholt, die nach ihren zwei siebten Serienplätzen nur noch knapp 70 Zähler hinter Ryf liegt, bekommt die Schweiz den dritten Startplatz. Für diese 280 Punkte müsste Ryf allerdings mindestens 14. werden - und dann hoffen, dass Müller leer ausgeht. Das hat die aber nicht vor.

Drei Favoritinnen, drei verschiedene Profile

Denn für die Deutschen geht es in Madrid nicht nur darum, den dritten Olympiaspot zu sichern - es geht vor allem auch darum, diese Spots endlich fest zu vergeben. Als einzige DTU-Dame hat Anja Dittmer die Qualifikation, nachdem sie den dritten Platz von London 2011 in Sydney mit Platz 20 bestätigt hat, bereits sicher. Um die übrigen ein bis zwei Plätze kämpfen in Madrid Ricarda Lisk, Anne Haug, Kathrin Müller, Sarah Fladung und Svenja Bazlen.
Die Favoritinnen aus diesem Kreis sind eben jene Damen, die auch im aktuellen Olympiaranking eine Rolle spielen: Haug, Müller und Bazlen - wobei alle verschiedene Stärken und Schwächen haben. Als ausgeglichenste Athletin geht Svenja Bazlen ins Rennen, die in Sydney zwar einen schlechten Tag erwischte, in der vergangenen Saison beim Schwimmen aber für gewöhnlich problemlos vorn mithalten konnte, beim Radfahren häufig die Tempoarbeit übernahm und danach noch um eine Top-Ten-Platzierung laufen konnte. Kathrin Müller hat bei einer Laufentscheidung meist größere Probleme, ist aber ebenfalls eine gute Schwimm-Radfahrerin und dürfte sich vorgenommen haben, in der Auftaktdisziplin etwas Zeit zwischen sich und Haug zu legen. Denn das Schwimmen, das wissen Bazlen und Müller, ist Haugs einzige Schwäche. Die nach Australien abgewanderte Münchnerin fährt nicht nur schnell Rad, sondern läuft vor allem sehr stark: Beim WM-Rennen in San Diego gelang ihr aus der Verfolgergruppe heraus die zweitschnellste Laufzeit aller Teilnehmerinnen, nur Weltmeisterin Helen Jenkins war am Ende ein paar Sekunden schneller unterwegs.

Die Strecke spricht gegen Haug

Um diese Stärke nutzen zu können, muss Haug nach dem Radfahren aber noch in Schlagdistanz sein. Das wiederum werden Bazlen und Müller zu verhindern versuchen - und die Strecke hilft ihnen dabei. Madrid gilt als anspruchsvollster Radkurs der Serie, direkt nach dem Wechsel geht es die erste steile Rampe hinauf - wenige Sekunden können hier bereits den Unterschied zwischen Olympia- und Versprengtengruppen ausmachen. Auch die Temperaturen könnten am Samstag eine Rolle spielen: Auf 30 Grad kletterte das Quecksilber in Madrid am Donnerstag gegen 18 Uhr - ungefähr zu der Zeit also, zu der die Frauen am Samstag aufs Rad wechseln werden. Drückende Hitze, die sich bei schlechter Verpflegung rächen wird, auch wenn die Temperaturen bis zum Wochenende auf bis zu 26 Grad fallen sollen.
Aber auch die anderen beiden Deutschen, Ricarda Lisk und Sarah Fladung, haben ihren Traum von Olympia noch nicht aufgegeben. "Meine Vorbereitung war zufriedenstellend", zeigt sich Lisk nach einer langen Negativserie in den vergangenen Monaten zumindest etwas optimistischer. Sarah Fladung, mit 24 Jahren eine der Nachwuchshoffnungen im DTU-Team, hatte Wasser und Rad in San Diego gemeinsam mit Haug verlassen, lief anschließend rund zwei Minuten langsamer und landete auf dem 24. Rang. Eine Top-15-Platzierung muss es für die Deutschen in Madrid sein - gelingt ihnen das, ist auch die noch drohende Gefahr durch Ryf nur theoretischer Natur. Gelingt es ihnen nicht, entscheidet das Punkteranking über die interne Platzvergabe.

Ohne Jenkins und Bennett, aber mit Spirig

In dieser Hinsicht kommt es den DTU-Damen zu Gute, dass einige der prominentesten Namen am Wochenende fehlen. Emma Snowsill und Erin Densham verzichten genauso wie Emma Moffatt auf die Reise nach Spanien, da die Olympia-Entscheidung im Team Australia dem Vernehmen nach bereits gefallen sein soll. Auch die starken Schwimm-Radfahrerinnen Helen Jenkins und Laura Bennett fehlen, was Anne Haug, die mit der Startnummer zwei ins Rennen gehen wird, in die Karten spielen könnte - zumal Nicola Spirig (SUI), zuletzt oft "Zugfrau" für die Verfolgerinnen um Haug, in Madrid zurückkommt. Um den Sieg geht es auch für Andrea Hewitt (NZL) und Emma Jackson (AUS) - auch Rachel Klamer (NED), die Vorjahresdritte Emmie Charayron (FRA), die wiedererstarkte Spanierin Ainhoa Murua und Barbara Riveros Diaz (CHI) sind für vordere Platzierungen gut.
Um 17:46 Uhr fällt am Samstag der Startschuss, ab 19:20 Uhr bis planmäßig 20 Uhr berichtet die ARD aus Madrid - also pünktlich zur Entscheidung auf den letzten Laufkilometern.