Primus inter pares? Steffen Justus: "Gestern hatte ich den besseren Punch beim Laufen"

Kurzstrecke | 22. Juli 2012
Drei Deutsche unter den Top 10 in Hamburg - und der Schnellste von ihnen war Steffen Justus, der damit seine teaminterne Favoritenrolle für die Olympischen Spiele in London unterstrich. Im Interview spricht der Ausnahmeläufer über seine Aussichten auf London 2012.
Steffen Justus, herzlichen Glückwunsch zum dritten Platz in Hamburg. Wichtiger als die Platzierung war hier wohl noch der Test, ob die Olympiaform stimmt. Was genau stand hier auf dem Prüfstand und wie ist der Test ausgefallen?
Das ganze Drumherum ist hier schon etwas anderes. Am Donnerstag und Freitag vor dem Rennen habe ich gemerkt, dass der Rummel größer geworden ist, auch um meine Person und das ganze Team. Da kann man kaum mal länger als eine halbe Stunde auf dem Hotelzimmer seine Ruhe haben. Im Rennen habe ich gemerkt, dass mein Training angeschlagen hat. Nach dem Wettkampf in Kitzbühel und dem Höhentrainingslager konnte ich gleich wieder anfangen, Tempo zu trainieren. Die Fortschritte im Training waren deutlich spürbar und seit gestern weiß ich, dass ich diese auch im Wettkampf umsetzen kann. Das war alles sehr wichtig für meine innere Ruhe vor dem Olympiarennen in London. Mental bin ich drauf eingestellt: Das Schwimmen passt - wenn ich die Form auch in London umsetzen kann, ist die erste Hälfte schon getan. Auch das Radfahren lief gut und mit dem Laufen kann ich auch voll zufrieden sein. Wenn man die Anlaufzeiten hört - 2:39 Minuten auf dem ersten Kilometer - oder die Laufzeit von tiefen 14 Minuten über die gesamten fünf Kilometer - dann kann auch gern noch ein Javier Gomez oder ein Richard Murray vor mir sein, die haben das dann auch verdient.
Nicht erst seit gestern ist es kein Geheimnis mehr, dass Ihnen sowohl im Team als auch von außen die Favoritenrolle unter den deutschen Startern zugesprochen wird. Wie gehen Sie, wie gehen Ihre Kollegen damit um?
Einerseits ist das schon ein positives Feedback und auch eine Ehre, wenn die Leute an mich glauben. Ich will das nun natürlich auch zeigen, dass ich diese Rolle nicht ohne Grund trage. Im Endeffekt sind Maik Petzold, Jan Frodeno und ich aber über alle drei Disziplinen sehr gut, das waren am Ende ja nur Sekundenabstände. Wir können in jeder Rennsituation mitmischen. Einer von uns wird auf jeden Fall durchkommen - ob ich es bin, werden wir sehen. Gefallen würde mir das schon.
Gibt es eine Teamorder, dass zwei Deutsche für den dritten arbeiten müssen?
Nein, dafür sind wir einfach zu gut. Jan Frodeno ist Olympiasieger, Maik Petzold ist seit Jahren über alle drei Disziplinen saustark. Gestern hatte ich vielleicht den besseren Punch beim Laufen - aber wenn das mit meiner Schwimmform so weitergeht, dann werden wir versuchen, uns über das Rennen gegenseitig zu unterstützen und uns alle drei in eine gute Position zu bringen. Davon haben wir dann alle etwas.
Sie sind der einzige der drei DTU-Männer, der noch keine Olympiaerfahrung hat. Was haben Ihnen die anderen berichtet, was bei den Spielen anders ist als in jedem anderen Rennen?
Natürlich haben wir schon hin und wieder darüber geredet. Aber nun haben wir noch zwei Wochen, uns zusammenzuraufen. In unserem letzten Trainingslager in Kienbaum haben wir noch viel Zeit zwischen den Einheiten, um das Thema Olympia auszudiskutieren und einen schönen Fokus auf London zu legen.
Wie sieht der Fahrplan nach London genau aus?
Morgen fahren wir nach Kienbaum - wir drei Jungs, Svenja Bazlen und Anja Dittmer. Anne Haug bereitet sich allein auf die Spiele vor. Sportdirektor Wolfgang Thiel und Bundestrainer Roland Knoll sind zunächst dabei - wenn Herr Thiel abreist, kommt mein Vati dazu, der uns drei Jungs sehr gut kennt. Der wird ein bisschen Ruhe reinbringen - schließlich hat er ja auch Olympiaerfahrung, auch wenn das schon 40 Jahre her ist [Anm. d. Red: Klaus-Peter Justus erreichte 1972 in München für die DDR das Halbfinale im 1.500-Meter-Lauf, zwei Jahre später wurde er Europameister]. Wir Männer fliegen am 2. August nach London, die Frauen sind dann schon da. In den fünf Tagen vor dem Rennen werden wir uns sicher das Frauenrennen anschauen und ein bisschen was aufnehmen von der Olympiaatmosphäre - natürlich nur im positiven Sinne, also ohne zu viel Druck aufzubauen. Und dann ist es hoffentlich bald so weit ...
Wolfgang Thiel spricht von der Abgeschiedenheit Kienbaums - wie einsam wird es dort wirklich?
Kienbaum wird ein kleines Olympisches Dorf. Die Leichtathleten kommen auch komplett dorthin, ich habe mich schon mit den Läufern zum Training verabredet. Ein lockeres Läufchen mit ein bisschen Plauschen - das wird eine schöne Abwechslung. Und die Eröffnungsfeier schauen wir uns dann natürlich mit allen zusammen an. Da wird auch in Kienbaum ein cooles Olympiaflair und ein schönes Mannschaftsgefühl aufkommen!
Was schauen Sie sich außer der Eröffnungsfeier noch im Fernsehen an?
Wenn ich auf dem Zimmer sitze, werde ich mir alles anschauen, was geht! Den Frauentriathlon sehen wir ja live an der Strecke, persönlich interessiere ich mich natürlich für die ganzen Laufentscheidungen. Die Hindernisvorläufe mit Steffen Ulitzka sind noch vor uns dran. Eigentlich interessiert mich alles, aber natürlich besonders die Ausdauerdisziplinen und das Schwimmen.
Im eigenen Land sind die Brownlee-Brüder Alistair und Jonathan natürlich die hohen Favoriten, sie stehen aber auch unter einem besonderen Druck. Möchten Sie mit ihnen tauschen?
Tauschen möchte ich mit denen sicher nicht, auch wenn ich für den Wettkampf gern ihre Arme und Beine hätte. Es ist natürlich nicht leicht, in der Rolle als haushohe Favoriten auf Gold und Silber zu bestehen - und auf diesen Faktor hoffen ich und alle anderen. Aus der olympischen Triathlongeschichte weiß man ja, dass nicht immer die Favoriten am Ende auch vorn sind. Gerade gestern hat man ja gesehen, dass auch in einem Rennen ohne die Brownlees viele Athleten sehr, sehr schnell rennen können. Man muss sich überraschen lassen, wie die Jungs reagieren werden, wenn sie nach den ersten fünf Kilometern der Laufstrecke nicht allein an der Spitze sind.
Wie schnell wird denn der Olympiasieger laufen müssen?
Mittlerweile wird es mit 29:30 Minuten schon schwer, eine Medaille zu gewinnen. Gold, Silber und Bronze werden wohl zwischen 29:15 und 29:30 Minuten weggehen.
Und wie ist Ihre Bestzeit?
Im letzten Jahr war die Strecke in London nach den Messungen unseres Diagnosetrainers Thomas Möller 100 Meter zu lang. Umgerechnet auf 10.000 Meter bin ich da 29:37 Minuten gelaufen. Mit der Leistung würde es in diesem Jahr nicht reichen, ganz nach vorn zu kommen.
Um wie viel haben Sie sich denn gegenüber 2011 gesteigert?
Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube schon, dass ich eine bessere Form als vor einem Jahr habe. Ich fühle mich gut, die Tempoläufe mit Jan Frodeno und Maik Petzold machen Spaß. Wir haben die beste Ausgangsposition, um in London ganz schnell zu rennen.