Steffen Justus: Mit neuem Spaß zu alter Stärke

„Ende Februar habe ich im Trainingslager gerade einmal bei den C-Kader-Mädchen im Wasserschatten mithalten können“, sagt Steffen Justus – und doch steigt er schon am Sonntag nach schwerer Schulterverletzung wieder ins WM-Geschehen ein. Im tri-mag.de-Interview mutmaßt er, dass ihn die Zwangspause mittelfristig sogar stärker machen könnte.

Von > | 24. April 2015 | Aus: Szene

Steffen Justus

Steffen Justus steigt am Sonntag in die World Triathlon Series 2015 ein

Foto > Jo Kleindl / DTU

Seit weit über einem Jahrzehnt ist Steffen Justus im Hochleistungssport aktiv. Ernsthaft verletzt war er in dieser Zeit fast nie. Erst in den vergangenen zwei Jahren traf es ihn, dafür aber mit erhöhter Schlagzahl: Schienbeinprobleme, eine hartnäckige Plantarsehnenentzündung – und zuletzt ein Unfall, bei dem Justus sich schwer an der Schulter verletzte und operiert werden musste. Trotzdem wird er bereits am Sonntag in Kapstadt wieder in die World Triathlon Series eingreifen. Zunächst noch ohne Druck – dafür aber mit neu entdeckter Freude an seinem alten Sport. Der Vizeweltmeister von 2010 im Inteview.

Steffen Justus, kurz vor dem WM-Start im März hörte man aus DTU-Kreisen noch, Sie sollten keinesfalls vor Ende Mai wieder ein größeres Rennen bestreiten. Am vergangenen Wochenende wurden Sie beim Supersprint in Wallisellen Zweiter, am Sonntag steigen Sie in Kapstadt bereits in die WM-Serie ein. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Eigentlich war es von vornherein mein Ziel, in Kapstadt oder vielleicht sogar schon zwei Wochen vorher in Gold Coast wieder am Start zu stehen. Auch mein Trainer Dan Lorang, der mich ständig im Training sieht, hielt das aufgrund seiner Beobachtungen für realistisch. Unser Cheftrainer Ralf Ebli war da eine ganze Weile lang noch etwas vorsichtiger in seinen Prognosen und seiner Herangehensweise, aber seitdem er mich zuletzt im Trainingslager in Australien hat beobachten können, ist auch er davon überzeugt, dass wir keinerlei Risiko eingehen. Die medizinische Abteilung hat ihr Okay gegeben, der Test in der Schweiz am Wochenende verlief auch sehr gut, also kann ich am Sonntag wieder ganz beruhigt loslegen.

Wieso haben Sie überhaupt so lange aussetzen müssen?
Das war eine blöde Geschichte Mitte November. Ich hatte mir gerade erst eine „neue alte“ Vespa zugelegt, die ich kurz vor dem Abflug ins Trainingslager gerne noch ein bisschen fahren wollte. Deswegen bin ich ein etwa 500 Meter kurzes Stück von der Schwimmhalle zum Cafè bei uns in Saarbrücken mit dem Roller gefahren, statt zu Fuß zu gehen. Irgendwie habe ich mich dabei über ein Auto erschrocken und bin auf der feuchten Straße weggerutscht - bei einer Geschwindigkeit von vielleicht zehn Stundenkilometern. Beim Versuch, mich mit dem angespannten Arm abzufangen, habe ich mir in der Schulter das Labrum abgerissen und auch sonst noch einiges kaputt gemacht. Eine Woche nach dem Unfall wurde ich bereits vom Schulterspezialisten in der Klinik unseres DTU-Präsidenten Martin Engelhardt operiert.

Und dann war es sofort klar, dass Sie so schnell wieder fit sein könnten?
Das Problem war erst einmal, dass meine Bizepssehne umgelegt werden musste, was die Heilungsdauer verlängert. Trotzdem hat mir der Spezialist Mut gemacht und gesagt, dass der Plan „Gold Coast“ zwar sehr, sehr sportlich, aber nicht völlig abwegig wäre. Damit hatte ich ein Ziel, an dem ich mich festhalten konnte. Als zwei Wochen nach der OP die Fäden rauskamen, konnte ich auf dem Ergometer und mit reichlich Stabilisationstraining zur Verletzungsprophylaxe wieder loslegen. Jetzt habe eine richtig gute Radform.

Steffen Justus

Sieg in Sydney 2012: Steffen Justus will mit neuem Schwung zurück zu alter Stärke

Foto > Delly Carr / triathlon.org

Mit dem Schwimmen und Laufen mussten Sie aber vermutlich noch etwas länger warten.
Die erste leichte Laufbelastung hatte ich am 24. Dezember, seit Ende Januar bewege ich mich wieder in normalen Umfangsbereichen. Im Wasser war ich erstmals wieder kurz vor Silvester, mit Schwimmen hatte das aber noch nichts zu tun. Lange bestand eine Vier-Kilometer-Schwimmeinheit eben beispielsweise aus 2.000 Metern Beinen, 1.000 Metern mit Flossen und in kleinen Häppchen eingestreut 1.000 Metern ganzer Lage. Ende Februar bin ich auf Fuerteventura erstmals wieder 300 bis 400 Meter am Stück gekrault. Da habe ich gerade mal im Wasserschatten unserer C-Kader-Mädchen mithalten können. Das ist erst etwa acht Wochen her – und inzwischen haben wir einen Stufentest gemacht, der zeigt, dass ich im Wasser schon wieder ähnlich gut unterwegs bin wie im Februar des Vorjahres. Wie schnell sich das nun alles wieder zum Guten entwickelt hat, überrascht uns doch alle. Selbst in Gold Coast hätte ich theoretisch schon wieder starten können. Ich habe dann aber lieber zwei Wochen mehr trainiert, als die ins Tapering und in die Regeneration zu investieren. Es warten schließlich noch größere Ziele.

Sie trainieren mittlerweile also wieder völlig normal?
Es geht schon wieder in Richtung der 30 Schwimmkilometer pro Woche, aber noch nicht mit den ganz großen Paddles. Wahrscheinlich würde die Schulter die sogar aushalten, das Problem ist aber die umgelegte Bizepssehne, die nun etwas verkürzt ist. Es dauert ein bis eineinhalb Jahre, bis eine Sehne, die durchtrennt wurde, nerval wieder vollkommen hergestellt ist. Dafür kommt mir in der Wasserlage nun aber offensichtlich das viele Beineschwimmen und all das Stabilisationstraining aus der Verletzungspause zu Gute. Ich mache viele Bewegungen nun etwas bewusster, dadurch wahrscheinlich auch sauberer. Auch beim Laufen kommt mir die Stabilität zugute. Und noch dazu sind die Probleme an der Plantarsehne durch die Zwangspause nun endlich völlig auskuriert, sodass ich im Lauftraining keine Probleme mehr habe.

WTS Madrid Männer_02

Blick voraus - aber nicht zu weit: Steffen Justus konzentriert sich aktuell nur auf sich

Foto > Janos Schmidt / triathlon.org

Man hört aus Ihrem Umfeld, dass Sie seit der Verletzung mit ganz neuer Begeisterung bei der Arbeit sein sollen. Täuscht das?
Nein, das kann sehr gut sein. Ich bin in der Vergangenheit praktisch immer nur vom Trainingslager zum Wettkampf ins nächste Trainingslager gependelt – so lange wie in den letzten Monaten war ich schon seit acht Jahren nicht mehr am Stück in Saarbrücken. Diese Erfahrung und diese Auszeit geben mir eine ganze Menge neue Energie, neue Motivation und auch neuen Spaß, die ich nun ins tägliche Training mitnehmen kann. Es gibt ja sowieso keinen Grund, den Optimismus zu verlieren: Es gibt so viele Beispiele dafür, dass Athleten stärker aus Verletzungen rauskommen, als sie hinein gegangen sind! Vielleicht hat diese Pause meinem Körper nach all den vielen Jahren im Hochleistungssport sogar gut getan.

Das DTU-Trainerteam betont, es stelle für das Rennen in Kapstadt keinerlei Erwartungen an Sie. Und Sie selbst?
Auf jeden Fall gehe ich ohne Druck ins Rennen – natürlich mit einer gewissen und auch notwendigen Grundspannung, aber doch positiv relaxed. Mein zweiter Rang in Wallisellen, auf Augenhöhe mit Sven Riederer, hat das Trainerteam positiv überrascht. Auch die Trainingsergebnisse waren schon wieder gut – aber Training ist Training, und Rennen ist etwas anderes. Ich freue mich ganz einfach darauf.

Also haben Sie keinerlei Platzierungsvorstellungen?
Schwierige Frage. Vielleicht finde ich einen 30. Rang am Ende total geil, vielleicht bin ich aber auch mit einem 20. oder 15. Rang nicht zufrieden. Beantworten kann ich das erst hinterher: Es kommt darauf an, wie sich das Rennen entwickelt. Meine Planungen gelten aber sowieso vor allem der Olympiaqualifikation, die voraussichtlich Anfang August in Rio ausgetragen wird. Ich richte den Blick ganz auf mich. Das sage ich übrigens auch unseren Mädels immer: Vergesst doch für den Moment, was Gwen Jorgensen da aktuell macht. Was ein Alistair Brownlee, ein Mario Mola oder ein Javier Gómez können, damit kann ich mich immer noch dann beschäftigen, wenn es auf die Olympischen Spiele zugeht und ich in der Lage bin, um Medaillen zu kämpfen. Bis dahin will, muss und werde ich mich aber ganz auf mich selbst konzentrieren.