Podium für den Titel: Jonathan Brownlee hat vor dem Grand Final alles in der Hand. Behält er in Auckland die Nerven?

Janos Schmidt / triathlon.org

Jonathan Brownlee
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WTS Grand Final Auckland Warten auf den Wackler

Kurzstrecke | 18. Oktober 2012
Seine Ausgangslage ist exzellent, doch Jonathan Brownlee darf sich beim Saisonfinale in Auckland keinen Ausrutscher leisten, will er den WM-Titel 2012 in der Familie halten. Erlaubt er sich einen Wackler, könnte der hochmotivierte Spanier Javier Gómez noch einmal angreifen - so wie im Jahr 2010, als er Jan Frodeno im letzten Rennen der Saison den sicher geglaubten Titel noch wegschnappte.
Wenn das Medienteam der International Triathlon Union (ITU) im Anschluss an das Grand Final wieder einen Videotrailer zur Einstimmung für die World Triathlon Series 2013 zusammenstellt, werden sie eine Szene vermutlich ganz bewusst weglassen. Eine, die den Kampf um den WM-Titel am Ende womöglich entscheidend beeinflusst hat. Es war beim Sprintrennen in Stockholm, dem vorletzten Serienrennen vor dem Finale. Brownlee lief Schulter an Schulter mit Alexander Bryukhankov dem Führungsfahrzeug hinterher. Von hinten flog der Spanier Javier Gómez heran. Plötzlich lief das Führungsduo an einer Absperrung vorbei, nahm abseits der Strecke nur eine kleine, aber doch eine Abkürzung. Bryukhankov bemerkte den Fehler, drehte um und lief zurück auf die Strecke. Brownlee lief dagegen weiter, nach einigen Meter auf die Strecke zurück, und gewann das Rennen. Das Verlassen des Kurses, so die nachvollziehbare Entscheidung der ITU, war nicht sein Fehler.

Das Podest bedeutet den Titel

Es war ein Sekundenbruchteil, in dem sich Brownlee entscheiden musste, ob er ebenfalls umkehrt oder einfach weiterläuft - und die Entscheidung, die er traf, könnte den Kampf um den WM-Titel entschieden haben. Wäre er umgekehrt, hätte Javier Gómez aufgeschlossen und ihn mutmaßlich - der Spanier war an diesem Tag der stärkere Läufer - auch überholt. 800 Punkte für Gómez und nur 740 für Brownlee hätte es dann gegeben, der Rückstand im Gesamtklassement läge bei nur 60 Zählern. In der Realität aber gewann Brownlee das Rennen, Gómez wurde Zweiter, und in der Realität beträgt sein Rückstand vor dem Finale 180 Punkte. Das heißt: Brownlee müsste in Auckland das Podest verpassen, damit Javier Gómez überhaupt noch eine Chance auf den Weltmeistertitel hat. Etwas, was dem jüngeren der beiden Brownlee-Bruder in der WM-Serie schon seit Juni 2010 nicht mehr passiert ist. 
„Weltmeister zu werden, ohne Alistair zu schlagen, wird sich seltsam anfühlen. Es ist für mich kein vollwertiger Titel, wenn ich ihn nicht besiegt habe.“ (Jonathan Brownlee in der englischen Zeitung "The Sun")
Das heißt aber noch lange nicht, dass Gómez aufsteckt. Auch 2010 hatte er vor dem Finalrennen scheinbar aussichtslos hinter dem großen Favoriten Jan Frodeno zurückgelegen. Der erwischte in Budapest aber einen miserablen Tag und brach ein. Gómez sicherte sich auf den letzten Drücker doch noch den Titel. Damit ihm das 2012 wieder gelingt, braucht der Galizier Schützenhilfe. Gewinnt er, müssen mindestens zwei Athleten vor Brownlee über die Ziellinie laufen. Das Problem für Gómez: Brownlee hat physisch offenbar keine Schwächen.

Alle Top-Leute dabei

Der Brite würde sich vermutlich sogar freuen, wenn sein Freund Richard Varga (SVK) beim Schwimmen wieder einmal ein hohes Tempo anschlägt und das Feld damit früh unter Druck setzt. Einzig auf dem Rad könnte Brownlee angreifbar sein. Denn ohne seinen Bruder Alistair, der seine Saison nach einer Blinddarmoperation beendet hat, muss Jonathan alle Attacken allein kontern. Und für solche Angriffe gibt es mindestens eine Handvoll Kandidaten: Vor allem die Kiwis um Bevan Docherty, Kris Gemmell - im voraussichtlich letzten ITU-Rennen seiner Karriere -, Ryan Sissons und Clark Ellice sind für eine offensive Gestaltung der zweiten Disziplin bekannt - und vor heimischem Publikum sicher doppelt motiviert.
Beim Laufen gibt es dann viele Kandidaten, die ganz vorn mitreden und vielleicht sogar einen vorermüdeten Brownlee unter Druck setzen können. Mit Ausnahme Alistair Brownlees wird die gesamte Top-20 der Serienwertung in Auckland an den Start gehen - also auch die Russen Bryukhankov und Polyanskiy sowie der Südafrikaner Richard Murray, die sich noch um WM-Bronze streiten. Für den besten Deutschen, Steffen Justus, geht es in der Gesamtwertung noch um eine Top-Fünf-Platzierung. Maik Petzold kann zumindest noch den Sprung unter die besten 15 schaffen. Christian Prochnow und Gregor Buchholz komplettieren das DTU-Team und schielen ebenfalls noch auf die Serienwertung: Eine Top-30-Platzierung im Gesamtklassement würde ihnen einen Startplatz beim WM-Auftakt 2013 - ebenfalls in Auckland - sichern. Für Christian Prochnow, aktuell 38., liegt der tatsächlich noch in Reichweite - für Gregor Buchholz, 54., wird das dagegen eine Mammutaufgabe.
Das WM-Rennen der Herren startet am Sonntag um 2:06 Uhr MESZ und wird per Livestream auf www.triathlon.org übertragen.