"Es war unheimlich schön, dass ich die Freude über meine Medaille gleich mit meiner Familie teilen konnte."

Jens Richter

Nicola Spirig
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Olympiasiegerin Nicola Spirig "Wer Gold will, muss ein Risiko eingehen"

Kurzstrecke | 6. Dezember 2012
Vier Monate sind seit dem packenden Rennen in London vergangen. Wir haben Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig im österreichischen Fuschl am See getroffen und mit ihr über das Sprintfinish in London, die Zeit nach dem Triumph und ihr besonderes Verhältnis zu Erfolgstrainer Brett Sutton gesprochen.
Nicola Spirig, worin besteht der Unterschied zwischen der Jagd auf eine Medaille und jener auf die Goldmedaille?
Der Unterschied ist riesig! Wir sind zu viert auf die letzten 600 Meter gegangen, und wenn man dann eine Medaille will, versucht man alles, um bloß nicht Vierte zu werden. Man geht kein Risiko ein. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man sagt: Ich will die Goldmedaille. Dann muss man ein Risiko eingehen, sonst gewinnt man nicht. Das Niveau ist dort so hoch und die Unterschiede in der Leistung so klein, dass sehr oft nur die mentale Einstellung entscheidet. Wenn ich im Zielsprint nur für den Bruchteil einer Sekunde gedacht hätte, die Silbermedaille wäre auch schön, dann wäre ich den Weg vielleicht nicht zu Ende gegangen.
Hat Lisa Nordén auf der Zielgeraden des olympischen Triathlonrennens genau diesen entscheidenden Sekundenbruchteil zu lange gezögert? Sie ist ja bis zu diesem Moment kein Risiko eingegangen.
Ich denke, es war im Prinzip eine kluge Taktik von ihr. Vielleicht war ihre Renngestaltung manchmal auf andere Weise riskant, weil sie auf dem Rad aus einer hinteren Position keine Chance gehabt hätte, bei einer Attacke mitzugehen, und im ungünstigsten Fall in einen Sturz verwickelt worden wäre. Dem wollte ich unbedingt aus dem Weg gehen und habe deshalb riskiert, vielleicht etwas zu viel zu arbeiten.
War Ihnen die Anwesenheit Ihres Trainers Brett Sutton in London wichtig, weil Sie wollten, dass er in Ihrem gemeinsamen Projekt Olympiasieg auch den letzten Schritt mitgeht?
Nein, eher umgekehrt: Ich wollte Brett damit zeigen, dass er ein Teil meines Erfolgs ist, genauso wie mein Freund Reto (Spirig ist mit dem Schweizer Ex-Triathlonprofi Reto Hug seit zehn Jahren liiert, d. Red.) und meine Familie. Ohne deren große Unterstützung hätte ich in London keine Chance gehabt. Es war unheimlich schön, dass ich die Freude über meine Medaille gleich mit ihnen teilen konnte.
Waren Sie auf das vorbereitet, was nach der Siegerehrung über Sie hereinbrach? Sie hatten sich das ja schon bei zwei Olympischen Spielen aus der Nähe angesehen.
Meine Gedanken reichten genau bis zur Ziellinie, da habe ich alle Energie hineingesteckt. Und dann hatte ich meine Goldmedaille und plötzlich wollten alle etwas von mir. ­Irgendwie habe ich da zuerst so etwas gedacht wie: Ich habe doch jetzt, was ich wollte, was soll ich denn jetzt noch? Ich war wirklich nicht darauf vorbereitet. Nach zwei Tagen ­Interview-Marathon wollte ich dann aber auch wirklich noch ein bisschen was von den Olympischen Spielen sehen und habe mich erst mal etwas zurückgezogen.
Sind Sie damit auf Verständnis gestoßen?
Aus Spaß habe ich in einem Interview mal gesagt: „Ich bin jetzt Olympiasiegerin, ich muss gar nichts mehr.“ Wir haben darüber gelacht, es stimmt ja so auch nicht. Sicher bedeutet ein Olympiasieg einen besonderen Status, aber die Erwartungen an einen Goldmedaillengewinner sind auch besonders groß. In der Schweiz gibt es nicht so viele Olympiasieger. Man hat bestimmte Verpflichtungen, eine Rolle, die man sich dann nicht mehr aussuchen kann. Nur die Richtung kann man ein bisschen steuern.
Es waren Ihre dritten Olympischen Spiele. Können Sie rückblickend erkennen, welche Bausteine Ihnen vor vier Jahren noch fehlten, als Sie in Peking Sechste wurden?
Oh, einige. Ich war körperlich noch nicht so weit, gegen eine Emma Snowsill hatte ich keine Chance. Ich war mental noch nicht vorbereitet und hätte auch für mich selbst niemals das Ziel einer Goldmedaille formuliert. Und ich brauchte Sicherheit, um mich voll auf die Olympischen Spiele in London konzentrieren zu können. Deshalb habe ich 2010 mein Jurastudium abgeschlossen. In dem Punkt waren  Brett und ich uns lange Zeit nicht einig. Er meinte, studieren könne ich auch noch mit 50; er hat mir im Internet herausgesucht, wie viele Tausend Juristen jedes Jahr ihr Studium abschließen und wie viele Leute Olympiasieger werden. Ich habe seinen Punkt natürlich verstanden, aber für mein Selbstwertgefühl, für meine mentale Lockerheit war es unheimlich wichtig, dass ich das jetzt mache ...
Alles über das besondere Verhältnis zu ihrem Trainer Brett Sutton und die Zukunftspläne der Olympiasiegerin lesen im vollständigen Interview in triathlon Nr. 106 (Dezember 2012), die jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich ist. Das Einzelheft kostet 4,50 Euro. Hier können Sie die Zeitschriften "triathlon" und "triathlon training" abonnieren.

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