Ironman Hawaii 2011 Alexander setzt einen neuen Standard

Langstrecke | 8. Oktober 2011
Die Ironman-Weltmeisterschaft 2011 ist entschieden. Der Australier Craig Alexander siegt nach 2008 und 2009 mit neuem Streckenrekord von 8:03:56 Stunden zum dritten Mal. Andreas Raelert erkämpft als Dritter erneut einen Platz auf dem Podium.
"Den größten Druck mache ich mir selbst" - diesen Satz betete der Rostocker Andreas Ralert in den letzten Tagen vor dem 35. Ironman auf Hawaii in den Interviews und Pressekonferenzen immer wieder herunter wie ein Mantra. Ebenso den: "Vielleicht war mein dritter Platz vor zwei Jahren oder der zweite im vergangenen Jahr bereits mein bestes Rennen." Ob man ihm diese Statements nun abkaufen wollte oder nicht, sie waren wichtig, um die Verhältnisse klarzustellen: Die öffentliche Erwartung eines fünften deutschen Siegs auf Big Island war seit dem phänomenalen Auftritt des Rostockers in Roth Anfang Juli so groß wie seit Jahren nicht mehr. Doch Raelert betont - und dies muss man ihm abnehmen - er mache diesen Sport nicht für Ruhm oder Geld, sondern aus purer Leidenschaft.

Die fast ideale Vorbereitung

Zwar konnten auch Timo Bracht, Andreas Böcherer und Faris Al-Sultan in der jetzt auslaufenden Saison 2011 bei Rennen unter dem Ironman-Label überlegene Siege feiern und, jeder für sich, als Podiumskandidaten gelten. Doch es schien, als müsse Raelert die Favoritenbürde am Ende doch allein schultern. Als lade ihm das vom Rother Rennen berauschte Triathlon-Deutschland die gesamte Verantwortung für den Rennausgang am Pier von Kailua-Kona auf. Raelert ertrug das mit bemerkenswerter Geduld und in vorbildlicher Haltung, aber auch sein Nervenkostüm soll in den letzten Tagen vor dem Rennen bisweilen etwas dünner gewesen sein: Das trotz allem kräftezehrende Rennen um die Punkte im Kona Pro Ranking in Regensburg, eine Verstauchung im Sprunggelenk, die Verletzung seines Bruders und Trainingspartners Michael - all das mögen für sich genommen kleinere Störungen sein, die nicht weiter ins Gewicht fallen. In der Summe können sie aber doch eine ideale Vorbereitung auf einen Ironman zu einer nur fast idealen machen. Und das - so ahnte man spätestens seit dem Auftritt des zweifachen Hawaiisiegers Craig Alexander vor vier Wochen bei der Ironman-70.3-WM in Las Vegas - wäre wohl zu wenig.
Selbstbewusst äußerte sich der Australier in Interviews zu seinen Erwartungen, er sei auf dem Weg zum dritten Titel "auf jedes Szenario" vorbereitet. Nach einem holprigen Jahresbeginn hatte Alexander erst spät seine Topform erreicht - Las Vegas war ein Fingerzeig. Und Las Vegas hatte auch entlarvt, dass der 38-Jährige hart an seiner großen Schwäche gearbeitet hatte: dem Radfahren. Bei jedem seiner bisherigen vier Starts hatte Alexander dort wichtigen Boden verloren, während für einen deutschen Mitfavoriten, den Eberbacher Timo Bracht, die große Gefahr regelmäßig in der Auftaktdisziplin liegt.

Potts wieder erster Tempomacher

Erwartungsgemäß setzt der US-Amerikaner Andy Potts, ehemaliger Eliteschwimmer seines Landes, schon auf dem Weg zum Katamaran erste Akzente, der nach 1,9 Kilometern den Wendepunkt markiert. Dahinter findet sich unter der Tempoarbeit der Australier Luke McKenzie, Pete Jacobs und Craig Alexander sowie des Münchners Faris Al-Sultan eine gut 20 Mann starke Gruppe zusammen, in der sich auch Andreas Raelert und Andreas Böcherer aufhalten. Bracht dagegen kämpft zwei Kilometer lang um den Anschluss, kassiert aber dann doch wieder jene gut 90 Sekunden Rückstand, die ihm schon in den vergangenen Jahren alle Möglichkeiten nahmen, das Rennen mitzugestalten.
Denn es geht gleich gewaltig los in der großen Verfolgergruppe hinter Potts, dessen zwei Minuten Vorsprung schon nach weniger als einer Rennstunde auf dem Rad aufgezehrt sind. Vor allem McKenzie, der Amerikaner Chris Lieto, der Vorjahresdritte Marino Vanhoenacker (BEL), Dirk Bockel (LUX) und Faris Al-Sultan schrauben, kurz bevor Bracht die Gruppe erreicht, das Tempo kräftig in die Höhe. Für Raelert kein Problem, er hat gelernt, abzuwarten und nicht mit sinnlosem Nachsetzen kostbare Energie zu verschleudern. Und so zuckt er auch nicht, als Lieto immer wieder versucht, die Gruppe auseinanderzureißen.
Und dann zieht ausgerechnet Alexander auf dem Rückweg vom Wendepunkt im 650 Meter hoch gelegenen Hawi plötzlich die Trumpfkarte und setzt gemeinsam mit seinem Landsmann McKenzie US-Boy Lieto nach, der versucht, für den abschließenden Marathon Boden gutzumachen. Und Raelert muss überraschend ebenso reißen lassen wie Al-Sultan. Mit mehr als vier Minuten Rückstand zu Alexander stürmt Raelert im sub 3:40er-Kilometerschnitt auf die Marathonstrecke und sagt dazu später: "Als ich meinen Abstand hörte, wusste ich, ich muss was riskieren."

"Weit außerhalb der Comfort Zone"

Es vergehen nur wenige Meilen, bis Alexander, der ebenfalls mit einem Schnitt deutlich unter vier Minuten unterwegs und soeben dabei ist, die Führung von Lieto zu übernehmen, davon hört: "Andreas hat mir trotz meines Speeds pro Meile mehr als zehn Sekunden abgenommen. Da wusste ich: Wenn ich den möglichen Sieg nicht aus den Händen geben will, muss ich weit raus aus der Comfort Zone." Hinter Raelert, nun schon auf Platz drei vorgelaufen, hält sich Böcherer weiter auf einem starken fünften Rang, Al-Sultan ist zu diesem Zeitpunkt Achter.
Bis auf 2:30 Minuten verkürzt Raelert, doch nach 25 Kilometern ist der Tank plötzlich leer. War der Energieeinsatz zu hoch, war er zu ungeduldig? "Nein, ich würde es wieder genauso machen", insistiert der Rostocker. Hat die Saison in Deutschland vielleicht doch zu viel Kraft gekostet? "Als ich hörte, dass Andreas sein Punkterennen fürs Ranking erst in Regensburg abliefern würde, habe ich gedacht: Der spinnt!", sagt Chris McCormack, der das Rennen vom Streckenrand aus beobachtet. Sein Herz schlägt eher für den Deutschen als für seinen Landsmann Alexander, der ihn zuhause in Australien als nun dreifacher Hawaiisieger wieder überholt hat und ihm einen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit nehmen wird.
Doch Raelert ist am Ende, während eines Toilettenstops zieht mit der schnellsten Laufzeit des Tages auch noch der Australier Pete Jacobs vorbei - und von hinten naht Dirk Bockel. "Die Schmerzen waren so groß, das hätte ich nicht ausgehalten, wenn mein Bruder Michael mir in dieser letzten Phase nicht immer wieder Mut zugesprochen hätte", gesteht Raelert.

Von einer tonnenschweren Last befreit

Über viele Kilometer kämpft auch Alexander mit schmerzhaften Beinkrämpfen, zweimal muss er auf den leztzten Hügeln vor Kona sogar Geh- und Dehnpausen einlegen. Und bricht dennoch im schnellsten Rennen der Geschichte die vor 15 Jahren vom Belgier Luc van Lierde aufgestellte Streckenbestzeit um zwölf Sekunden. Sie steht nun bei 8:03:56 Stunden. Knapp sechs Minuten später erreicht sein Landsmann Pete Jacobs im ebenfalls besten Rennen seiner Karriere Platz zwei.
Die Freude, das Lächeln in Andreas Raelerts Gesicht ist echt, als er bei seinem dritten Start in Kona als Dritter zum dritten Mal einen Platz auf dem Podium erreicht. "Ich bin nicht zufrieden, aber ich bin trotzdem glücklich und stolz, bei diesem geschichtsträchtigen Rennen dabeigewesen zu sein", sagt Raelert - und man sieht, welch tonnenschwere Last in diesem Moment von seinen Schultern abfällt. "Mein Traum ist weiter, dieses Rennen zu gewinnen, das wird mich in den kommenden Jahren motivieren."

Versöhnlicher Ausgang für Bracht

Timo Bracht muss das Rennen vorgekommen sein wie ein Déjà-vu: Wieder der Rückstand nach dem Schwimmen, wieder die vergebliche Hetzjagd nach der Spitzengruppe - und wieder ein sensationeller Marathon, der den Eberbacher noch vom 22. Platz nach dem Radfahren auf den 5. Platz nach vorn katapultiert - das beste Ergebnis bisher. "Ich habe zwischendurch gedacht, ich fahre hier zum letzten Mal", sagt Bracht nach dem Rennen, aber man spürt, das Endergebnis versöhnt ihn ein wenig, es arbeitet schon wieder in ihm. Andreas Böcherer krönt seine starke Saison mit dem siebten Platz, der Sieger von 2005, Faris Al-Sultan, wird zum dritten Mal in Folge Zehnter.
Ironman World Championship 2011
8. Oktober 2011, Kailua-Kona, Hawaii (USA)
3,8 km Swim180 km Bike42,2 km RunGesamt
1Craig AlexanderAUS51:564:24:052:44:038:03:56
2Pete JacobsAUS51:384:31:032:42:298:09:11
3Andreas RaelertGER51:584:26:522:47:488:11:07
4Dirk BockelLUX51:444:24:172:53:048:12:58
5Timo BrachtGER53:374:35:072:47:268:20:12
6Mike AigrozSUI52:314:30:442:54:088:21:07
7Raynard TissinkRSA52:084:28:402:56:378:22:15
8Andreas BoechererGER51:494:25:463:01:448:23:19
9Luke McKenzieAUS51:474:24:163:05:548:25:42
10Faris Al-SultanGER51:554:29:323:01:418:27:18