Wiesbaden Böcherer brilliant, Kienle geht K.O.

Langstrecke | 14. August 2011
Andreas Böcherer hat sich in Wiesbaden in die prominente Riege der Ironman-70.3-Europameister eingereiht. Überschattet wurde das Rennen von mehreren Stürzen des großen Favoriten Sebastian Kienle. Zwei Tschechen sicherten sich die Plätze auf dem Podium.
Faris Al-Sultan, Sebastian Kienle, Michael Raelert: Das "Who is who" des deutschen Langsdistanz-Triathlons hat sich in den vergangenen drei Jahren in die Siegerliste der Ironman 70.3 European Championships eingetragen. Nach der fünften Auflage des Rennens durch das Rheingau kommt ein weiterer Name dazu. Andreas Böcherer gehörte sicher zu den Mitfavoriten. Dass er seine deutschen Konkurrenten und das internationale Klassefeld derart dominiert, hatten aber nur wenige erwartet.

Außenseiter verblüfft die Favoriten

Sollte Böcherer vor dem Rennen abergläubisch gewesen sein - nach dem größten Erfolg seiner Karriere dürfte das Geschichte sein. Mit Startnummer 13 und dem Selbstvertrauen aus den Siegen in Heilbronn, Rapperswil und Heidelberg stürzte sich der Freiburger am Morgen in den Raunheimer Waldsee. Nach vier Jahren im Schiersteiner Hafenbecken hatten die Veranstalter den Schwimmstart an den kleinen See knapp 30 Kilometer südlich von Wiesbaden verlegt. Am wohlsten fühlte sich dort offenbar der spanische Außenseiter Francesc Godoy, der beim Landgang nach zwei Dritteln der Strecke schon rund 50 Meter zwischen sich und die erste Verfolgergruppe gebracht hatte. Diese wurde angeführt vom Tschechen Filip Ospaly, der mit Terenzo Bozzone, Mathias Hecht und Böcherer im Schlepptau auf den 700 Metern bis zum Schwimmausstieg weitere Sekunden verlor und insgesamt knapp eine Minute nach dem Spanier den sandigen Trail zum ersten Wechsel unter die Füße nahm. Sebastian Kienle büßte mehr als drei Minuten auf die Führenden ein - bis hierhin noch kein Problem für den Sieger von 2009, der vor dem Rennen als größter Favorit auf die Nachfolge von Michael Raelert gehandelt wurde.

Böcherer ballert, Kienle konsterniert

Auf die hatte es aber auch Andi Böcherer abgesehen. Entsprechend aggressiv nahm der 28-Jährige die spektakuläre Radstrecke durch die Hügel des Rheingaus in Angriff. Kienle so lange wie möglich auf Distanz halten - das war das Ziel. So löste Böcherer schon bei Kilometer zehn Godoy an der Spitze des Rennens ab. Wenig später spielten sich hinter ihm die ersten Dramen des Tages ab. Sebastian Kienle stürzte schon nach wenigen Kilometern auf nasser Straße in einem Kreisverkehr, beim verzweifelten Versuch, Boden auf seinen Freund und Trainingskollegen gutzumachen. Doch er fiel nicht nur einmal. Insgesamt drei Stürze waren letztlich auch für Kämpfer Kienle zu viel. Mit lädiertem Rad und blutenden Ellenbogen gab er das Rennen auf. Währenddessen hatte Böcherer Gesellschaft von Mathias Hecht bekommen - eine deutsch-schweizerische Allianz, die perfekt funktionierte und erst zerbrach, als der Deutsche einen der vielen kraftraubenden Anstiege nutzte, um das Tempo zu forcieren und für eine Vorentscheidung zu sorgen. Unterdessen hatte der Kurs mit dem Australier Richie Cunningham und Allessandro Degasperi weitere prominente Opfer gefordert. Davon unbeirrt, raste Böcherer mit zum Teil mehr als 100 Stundenkilometern zurück Richtung Wiesbaden, sein Vorsprung inzwischen mehr als drei Minuten groß. Hinter Hecht hatte sich Ospaly auf der zweiten Hälfte der Radstrecke eine glänzende Ausgangsposition für den Halbmarathon geschaffen. Er lag beim zweiten Wechsel aber auch schon stattliche vier Minuten zurück.

Schrei zum Sieg

Hecht, der das Rennen in der hessischen Landeshauptstadt aus dem vollen Training und ohne große Erwartungen angegangen war, musste seinen zweiten Rang dann schon auf dem ersten Laufkilometer an Ospaly abtreten. Der Tscheche startete furios in die vier Schleifen durch den Kurpark in Sichtweite des imposanten Wiesbadener Kurhauses. Doch Böcherer hielt unter dem Jubel der Zuschauer an der Strecke dagegen, verlor auf den ersten zwei Runden nur etwas mehr als eine seiner vier Minuten Vorsprung. Das virtuelle Schleifchen um den größten Erfolg des Schwarzwälders. Etwas mehr als vier Stunden zeigte die Wettkampfuhr vor dem Kurhaus, als Böcherer auf die Zielgerade einbog und Sekunden später mit einem gewaltigen Schrei das Zielbanner in den Himmel reckte. Kurz darauf herzte er zunächst Töchterchen Paula und seine Lebensgefährtin Corinna, wenig später begrüßte der neue Europameister dann Ospaly, der noch bis auf eineinhalb Minuten an ihn herangelaufen war. Mathias Hecht musste sich am Ende mit dem undankbaren vierten Platz zufriedengeben. Ospalys Landsmann Martin Krnavek schnappte dem Schweizer den letzten freien Platz auf dem Podium mit dem drittschnellsten Halbmarathon noch weg.
Ironman 70.3 European Championships
14. August 2011, Wiesbaden (Deutschland)
1,9 km Swim90 km Bike21,1 km RunGesamt
1Andreas BöchererGER23:312:25:051:16:334:08:36
2Filip OspalyCZE23:282:29:431:13:514:10:19
3Martin KrnavekCZE23:312:31:121:16:444:15:02
4Mathias HechtSUI23:392:28:541:20:374:17:01
5Daniel NiederreiterAUT25:392:30:001:20:384:20:23
6Dmitry RosryagaevRUS23:322:31:341:23:164:22:06
7Mike AigrozSUI24:222:37:571:17:574:23:53
8Brandon MarshUSA23:372:36:041:20:544:24:28
9Julian MuttererGER26:532:34:061:20:024:24:49
10Thomas HellriegelGER23:442:32:141:24:304:24:51