Boris Stein: "Dieses Mal konnte ich es richtig auskosten"

Auf Zürich folgt Nizza: Boris Stein hat beim Ironman France den zweiten Ironman-Sieg seiner Karriere gefeiert. Nach einer kontrollierten Radleistung und einem starken Marathon krönte der 30-Jährige eins der besten Triathlonrennen seiner Profikarriere. Wir haben am Tag nach dem Rennen mit dem Westerwälder über sein Meisterstück an der Cote d’Azur gesprochen.

Von > | 30. Juni 2015 | Aus: SZENE

Boris Stein - Nizza 2015 | Boris Stein - Ironman France 2015

Boris Stein - Ironman France 2015

Foto >Getty Images for Ironman

Boris Stein ist ein Mann für die schweren Dinge des Triathlonlebens. „Stein – der Mann aus Eisen“, titelte die regionale Tageszeitung „Nice Matin“ am Tag nach dem Sieg des 30 Jahre alten Deutschen beim Ironman France in Nizza. Im Text ging es dann vor allem darum, dass die französischen Stars nicht so richtig ihren Tag hatten bei der elften Auflage des Ironman France, aber über allem stand der Mann aus Eisen, der sie mit der Brechstange auseinander genommen hatte. Nach dem Sieg beim anspruchsvollen Wettbewerb an der Cote d’Azur freute sich Stein darüber, mit seinem zweiten Ironmansieg nach dem Titelgewinn im vergangenen Juli in Zürich einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht zu haben.

Boris Stein, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem zweiten Ironman-Sieg. Wie hart war dieser Erfolg erarbeitet?
Ich fand es eigentlich gar nicht so schlimm, weil es unheimlich gut lief bei mir. Es wurde erst bei Kilometer 32 beim Laufen etwas schwierig. Ansonsten war es wirklich in Ordnung, allerdings hat sich auf dem Rad lange Zeit nach vorn relativ wenig getan. Das war vom Kopf her nicht ganz einfach, da ich ja schon recht hart gefahren bin. Aber physisch lief es einfach gut.

Der Rückstand auf die Spitze betrug nach dem Schwimmen mehr als sechs Minuten. Mit welchem Gefühl sind Sie aufs Rad gestiegen?
Für mich war es fast die beste Schwimmleistung bei einer Langdistanz, von daher konnte ich mit dem Rückstand ganz gut leben. Ich hatte mir ein bisschen weniger Rückstand erhofft, da ich lange noch jemanden vor mir gesehen habe. Ich hatte gehofft, dass es die Spitzengruppe ist. Sie war es leider nicht. Das einzige, das insgesamt nicht so gut gelaufen ist im Wasser, war, dass ich fast alles allein schwimmen musste. Aber das liegt ja an mir, wenn ich schneller anschwimmen würde, müsste ich auch nicht so viel allein schwimmen.

Gab es auf dem Rad einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass es Ihr Tag werden kann?
Auf dem Rad wusste ich das noch nicht so genau, da habe ich einfach probiert, kontrolliert zu fahren und nicht zu früh zu viel zu riskieren. Ich wusste, dass es hintenraus noch einmal eine Drückerpassage gibt, die wichtig ist. Auf dem Rad war es ganz lange viel Kontrolle – dass es richtig gut lief, habe ich dann vor allem beim Laufen gemerkt.

Auf dem Rad haben Sie durch diese etwas zögerliche Taktik lange kaum Zeit nach vorn gutgemacht.
Auf Romain Guillaume habe ich sogar Zeit verloren. Ich habe unterwegs immer wieder die Abstände bekommen, und da hat sich nicht viel getan. Aber das ist für eine Langdistanz auch normal, gerade auf so einer schweren Strecke entscheidet sich vieles erst spät. Ich bin relativ langsam losgefahren und habe am Col de l’Ecre noch nicht alles riskiert, da es von dort noch sehr weit zu fahren ist. An der Grenze bin ich erst später gefahren. Ich denke, dass ich mit meinem aerodynamischen Paket gerade auf den letzten flachen Kilometern der Radstrecke gut aufgestellt war. Als ich bei Kilometer 120 zum letzten Mal den Abstand auf Romain bekommen habe, habe ich auch meine Taktik etwas geändert und mich fürs offene Visier entschieden. Viel mehr wollte ich nicht mehr verlieren, und das ist auch nicht mehr geschehen.

Im Marathon gab es für Sie dann eine ganz neue Konstellation, die Sie auf beeindruckende Weise gelöst haben. Normalerweise räumen Sie ein Feld eher von hinten auf, dieses Mal hatten Sie im Spanier Victor del Corral einen extrem starken Läufer im Nacken. Sie haben ihn dennoch auf Distanz gehalten – wie war das vom Kopf her?
Mein Trainer würde sagen: „Das war nicht ganz so einfach.“ Bei Kilometer 15 habe ich ihm schon zugerufen, dass ich wahrscheinlich nicht mitgehen kann, wenn er mich einholt. Aber entsprechend war auch klar, dass ich genau das verhindern möchte. Ich habe dann versucht, die Geschwindigkeit selbst zu steigern. Das war eine neue Situation für mich, mit der ich auch noch nicht so gut umgehen kann. Ich habe ja schon einige Triathlons gemacht, aber es passiert mir doch sehr selten. Auf Hawaii ist es passiert, und da war die Situation auch nicht einfach. Deshalb versuche ich solche Momente auch zu vermeiden.

Boris Stein - Nizza 2015 | Boris Stein - Ironman France 2015

Boris Stein - Ironman France 2015

Foto >Getty Images for Ironman

Ab wann wussten Sie, dass Sie das Rennen als Sieger nach Hause bringen? Wussten Sie es überhaupt?
Ab Kilometer 30 habe ich versucht herauszufinden, wie sich die Abstände verhalten, ob ich vielleicht ein bisschen rausnehmen kann, um nicht zu viel riskieren zu müssen. Auf dem Rückweg nach dem letzten Wendepunkt der Laufstrecke hatte ich dann mein kleines Loch überwunden. Zu  diesem Zeitpunkt war ich mir dann auch sicher, dass ich es bis zum Ziel gut schaffe.

Konnten Sie den Zieleinlauf trotz des Drucks von hinten richtig genießen?
Ja, da macht sich die Erfahrung vielleicht inzwischen doch etwas bemerkbar. Meine ersten beiden Ironman endeten ja im Sani-Zelt, aber dieses Mal konnte ich es richtig auskosten.

Was nehmen Sie aus dem Rennen an Erfahrungen mit?
Wir haben im Frühjahr schon ein bisschen an den Laufumfängen gedreht. Das scheint angeschlagen zu haben. Dementsprechend gehe ich in diesem Bereich jetzt noch etwas gestärkter in die Rennen. Was vorher auf den Mitteldistanzen gut funktioniert hat, scheint jetzt auch auf den Langdistanzen gut zu funktionieren. Im Schwimmen ist weiterhin Arbeit angesagt.

Es gibt nicht zu viele Athleten, die eine 2:44 im Marathon laufen können. Welchen Stellenwert hat der Erfolg von Nizza für Sie?
Ich denke, man sollte sich immer nur mit den Athleten vergleichen, die auch am Start gestanden haben. Ich bin schon ganz zufrieden, dass ich meine Mitstreiter in Nizza schlagen konnte, denn die hatten ja auch schon einige Ironman-Siege. Mit meiner Laufleistung bin ich natürlich sehr zufrieden, gerade, weil die letzten Trainingswochen nicht so herausragend waren. Da war ich mir meiner Form nicht zu 100 Prozent sicher. Ich denke, dass ich auf den anspruchsvolleren Kursen konkurrenzfähig bin. Was das für andere Rennen bedeutet, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt. Das Schwimmen ist immer noch ziemlich schwierig. Auf den Meisterschaftskursen ist die Rennkonstellation eine ganz andere, da wird es mit meiner Renneinteilung von Nizza sicher schwer.

Was kommt für Sie als nächstes?
Ich gehe davon aus, dass es in Wiesbaden noch Punkte für Hawaii gibt, zumindest ist das meine Lesart der Ironman-Homepage. Entsprechend versuche ich, dort die fehlenden Punkte für Hawaii einzusammeln. Wiesbaden und Kona wären also die nächsten beiden großen Ziele.

Wiesbaden dürfte Ihnen liegen, damit haben Sie ja auch schon gute Erfahrungen gemacht als Dritter im Jahr 2012 und Fünfter 2013. Das Podium könnte, dürfte oder müsste sogar Ihr Ziel sein?
Grundsätzlich ist der Anspruch bei Ironman-70.3-Rennen schon das Podium mit einer Option zum Sieg, aber das hängt natürlich immer davon ab, wer am Start ist. Der Plan wäre, nach dem Radfahren, die Option zu haben, dass der Sieg noch drin ist, und dann beim Laufen zu schauen, was geht. Beim Ironman 70.3 Pays d‘Aix war meine Laufleistung schon sehr gut, von daher möchte ich mal schauen, wie es wird.