Die Entdeckung der Aerodynamik

Bei großen Rennen wie dem Ironman Hawaii sieht man immer mehr Profis mit speziellen Rennanzügen, die vor allem auf dem Rad schneller machen sollen. Auf die Spitze getrieben hat das im Oktober Orca, der Ausrüster des Weltmeisters Sebastian Kienle, der allen seinen Athleten unterschiedliches Material gab. Wir haben beim Entwickler nachgefragt.

Von > | 29. Oktober 2014 | Aus: SZENE

Sebastian Kienle | Sebastian Kienle auf dem Weg zum Hawaiisieg.

Sebastian Kienle auf dem Weg zum Hawaiisieg.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Pablo Trujillo, die von Orca unterstützten Profi-Triathleten Asa Lundström, Sebastian Kienle und Andrew Starykowicz trugen auf Hawaii alle unterschiedliche Anzüge. Warum?

Eigentlich wollten wir unsere Profis als Team behandeln und alle den gleichen Anzug tragen lassen. Aber wir haben bemerkt, dass alle drei ganz anders über das Rennen dachten. Dass sie unterschiedliche Anforderungen und Ziele hatten. Deshalb haben wir die Anzüge maßgeschneidert. Dabei haben wir unseren eigenen Produktionsprozess umgedreht. Von „wir fertigen, was wir für das Beste halten und geben das unseren Athleten“ zu „wir fragen unsere Athleten was das Beste für sie ist und fertigen das dann“.  Andrew wollte einen kompromisslosen Aero-Anzug, weil er auf dem Rad das Maximum rausholen und sich danach umziehen wollte. Asa wollte sich wohlfühlen, kein Risiko eingehen – und ihr war auch das Aussehen wichtig. Und Sebastian wollte eine „Allzweckwaffe“.

Andrew Starykowicz | Andrew Starykowicz wählte die extreme Aerovariante eines Triathlonanzugs.

Andrew Starykowicz wählte die extreme Aerovariante eines Triathlonanzugs.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Und die wäre?

Die Anzug sollte in der ersten Wechselzone einfach anzuziehen sein, besonders aerodynamisch auf dem Rad und außerdem komfortabel und atmungsaktiv beim Laufen. Die unterschiedlichen Materialien, Schnittmuster und Produktionsmethoden haben uns ganz schön auf Trab gehalten.

Aber das Ergebnis hat Kienle offenbar überzeugt.

Wir hatten den Anzug im Windkanal - und er war verdammt schnell. Verglichen mit unserem eigenen Vorgängermodell ließen sich in Renngeschwindigkeit 15 Watt Leistung einsparen. Das kann man durch den Einsatz unterschiedlicher Materialien und der exakten Anpassung an den Körper erreichen. Das Wichtigste ist dabei die Passform! Aber die größte Innovation haben wir für die Laufstrecke ertüftelt: Der Radeinsatz ist verklebt statt eingenäht. Aber an vielen Stellen ist er nicht fest mit dem Anzug verbunden, was die Bewegungsfreiheit definitiv erhöht.   

Sie haben viel schwarzen Stoff verwendet, ist das auf Hawaii nicht zu heiß?

Wir wussten schnell, welche Faser wir für den Rücken nehmen wollten, weil sie Aerodynamik und Atmungsaktivität am besten verbindet. Leider gibt es diese nur in Schwarz. Wir haben deshalb eine „Cold Black“-Behandlung  genutzt, die ganz ähnliche Eigenschaften aufweist wie weißes Material.

Wie schwierig war es, diese unterschiedlichen Anforderungen für drei Disziplinen unter einen Hut zu bekommen?

Es ist definitiv eine Herausforderung! Auf dem Rad hätte man gern ein dickes Polster. Aber das saugt sich beim Schwimmen voller Wasser und stört beim Laufen. Eine atmungsaktive Faser ist wichtig, beeinflusst aber die Aerodynamik negativ. Ideal wäre ein Anzug für jede Disziplin. Aber in der Wechselzone zählt auch beim Ironman jede Sekunde. Wir sind sehr zufrieden mit dem Anzug, den wir für Sebastian produziert haben und wollen ihn deshalb auch für Agegrouper anbieten. Wir möchten dafür aber erst noch ein paar Dinge weiterentwickeln und testen.

Wo sehen Sie im Bekleidungsbereich für Triathleten insgesamt das größte Potenzial?

In den letzten zwei Jahren hat sich viel getan und diese Entwicklung wird weitergehen. Ich bin sicher, dass die Aerodynamik der Bekleidung ein großes Thema ist, das die Industrie gerade erst entdeckt. Wir zerbrechen uns permanent die Köpfe, wie wir unsere Athleten schneller machen können. Ein Beispiel sind die Aero-Radüberschuhe, die Sebastian Kienle bei der Ironman-EM trug. Niemand hat sich vorher Gedanken um die Füße gemacht. Aber bei frontalem Wind sparen diese kleinen Accessoires acht Watt Leistung. Wir arbeiten daran, diese Überschuhe in den nächsten Wochen auf den Markt zu bringen. In unserer Entwicklungsabteilung rauchen die Köpfe, aber ich will nicht zu viel verraten, unsere Mitbewerber lesen ja mit.

Alles über den Ironman Hawaii, Rennberichte und mit welchem Material die Profis auf dem Queen K Highway unterwegs waren, lesen Sie in unserem 196 Seiten starken Hawaii-Special. 

Hier gibt's eine Leseprobe