Roth Henning und Kienle schreiben Geschichte

Langstrecke | 18. Juli 2010
Rasmus Henning hat die Challenge Roth gewonnen. Mindestens genauso beachtlich wie der Sieg des Dänen ist jedoch die Leistung von Rookie Sebastian Kienle, der bei seiner ersten Langdistanz Zweiter wurde. Normann Stadler gab das Rennen mit muskulären Problemen auf.
Geduld war für Rasmus Henning an diesem langen Sonntag der Schlüssel zum Erfolg: „Diese Geschwindigkeit wird er nicht durchhalten können“, prophezeite der Däne während des zweiten Wechsels, ließ sich vom forschen Tempo Kienles deshalb nicht aus der Ruhe bringen – und wartete einfach. Wartete, während er sein eigenes Tempo lief, dass dem Führenden die Kräfte ausgingen. Und Kienle, der die erste Hälfte des Marathons in knapp 1:18 Stunden gelaufen war – wie sonst bei seinen Mitteldistanzrennen üblich – bekam wenige Kilometer später die Quittung: „Bei Kilometer 28 bin ich gegen eine Wand gerannt. So ein Marathon ist unglaublich. Erst fühlt sich alles total langsam und locker an und plötzlich ziehen sich die Kilometer abartig hin.“ Nach rund 30 Kilometern setzte Henning zu einem Überholmanöver an, gegen das Kienle wehrlos war.
Auch vor dieser rennentscheidenden Situation war es Henning, der das Renngeschehen geprägt hatte: Mit dem Ziel, unter den besten Fünf zu finishen und dabei den dänischen Rekord zu brechen, hatte der Hawaii-Fünfte des vergangenen Jahres schon beim Schwimmen nichts anbrennen lassen: Eine geschickte Attacke an einer Wendeboje, auf die nur der Australier Pete Jacobs reagieren kann, sichert Henning eine gute Ausgangsposition, die von einem Blitzwechsel noch unterstützt wird. Der Däne wechselt zusammen mit Jacobs aufs Rad, kurz dahinter kann nur Eneko Llanos aus Spanien folgen. Mit dem erwarteten Rückstand verlassen wenig später auch Swen Sundberg, Normann Stadler und Sebastian Kienle die Wechselzone – sie formieren sich zu einer Verfolgergruppe, der auch James Cunnama aus Südafrika, Mitfavorit Rutger Beke und der Deutsche Clemens Coenen angehören.

Probleme mit dem Oberschenkel: Stadler steigt aus

Schon jetzt sorgt Kienle immer wieder für das Tempo und versucht, den Rückstand auf das Duo aus Henning und Jacobs oder zumindest auf Llanos zu verkürzen. So richtig erfolgreich ist das nicht – und nach gut 40 Kilometern haben er und der „Norminator“ schließlich genug: Sie schließen sich zu der Zweckgemeinschaft zusammen, die sich schon Anfang Juni bei der Challenge Kraichgau bewährt hat, und sprengen mit einer beherzten Attacke am Berg die Gruppe. Mit gutem Grund: Wenn sie in diesem Rennen noch eine Rolle spielen wollen, dürfen sie die schnellen Läufer vorn nicht allzu weit wegfahren lassen. Im Gegenteil: Um gegen Athleten wie Llanos oder Henning auf der Laufstrecke noch eine Chance zu haben, müssen Kienle und Stadler als nicht ganz so schnelle Läufer möglichst weit vor den Konkurrenten vom Rad steigen. Soweit der Plan. Umsetzen kann ihn aber nur Kienle. Denn nachdem das Duo mit rasender Geschwindigkeit erst zu Llanos und wenig später zur Spitze mit Henning und Jacobs aufgeschlossen hat, muss der Hawaiisieger von 2006 plötzlich passen.
Lange Zeit weiß niemand, was mit Stadler passiert ist – er taucht einfach nicht mehr auf in den Zwischenergebnissen, wird von den Spottern auf dem Motorrad nicht mehr entdeckt. Irgendwann erreicht sein Commerzbank Triathlon Team ein Anruf: Stadler ist bereits in ärztlicher Behandlung. Er hat sich beim Schwimmen die Hüfte verdreht, was muskuläre Probleme im Oberschenkel verursacht hat. So große Probleme, dass sich der Mannheimer nicht mehr in der Lage sieht, das Rennen, bei dem er im vergangenen Jahr seine persönliche Bestzeit aufgestellt hat, zu beenden. Vorn also nun folgendes Bild: Kienle fährt an der Spitze, als gäbe es danach keinen Marathon mehr, hinter ihm kämpfen Henning, Llanos und Jacobs um den Anschluss. Vergeblich: Alle zehn Kilometer nimmt der Langdistanz-Rookie ihnen eine Minute ab – mit einem Polster von mehr als vier Minuten geht er schließlich auf die abschließende Marathonstrecke. Und mit einem Blick auf seine Splitzeit von 4:14:07 Stunden wird klar: Kienle hat soeben Triathlongeschichte geschrieben. Er hat den elf Jahre alten Radstreckenrekord von Jürgen Zäck um neun Sekunden unterboten.

3:35 Minuten pro Kilometer - ein Rookie im Wahnsinn?

„An der Strecke hat mich ein Freund gefragt, ob ich wahnsinnig sei, so schnell loszulaufen“, so Kienle später. „Aber es fühlte sich alles so langsam an!“ Nach einer Laufzeit von 35:50 Minuten passiert der Führende die 10-Kilometer-Marke – und angesichts dieses Tempos ist man wirklich versucht zu denken, er sei wahnsinnig geworden. Die Zwischenzeitenrechner zeigen an: Kienle ist auf Weltrekordkurs. Dann jedoch bei Kilometer 28 die Wand. Und Rasmus Henning, dessen Geduld am Ende belohnt werden soll. Er verkürzt seinen Rückstand innerhalb eines Kilometers plötzlich um mehr als eine Minute, läuft wenig später am völlig erschöpften Kienle vorbei und muss auch vom Drittplatzierten, Eneko Llanos, nichts mehr befürchten. „Ich habe mich heute sehr müde gefühlt“, so der Spanier, der sich mehr als einen dritten Platz erhofft hatte und sichtlich enttäuscht ist. „Das lag wohl an meiner ersten Saisonhälfte, in der ich bei vielen, vielen Rennen gestartet bin.“

„Gegen dänischen Wind war das nichts!“

Nach 7:52:36 Stunden und einer Marathonzeit von 2:39:43 Stunden läuft Rasmus ins Ziel – der dänische Rekord ist ihm damit ebenso sicher, wie der Sieg und die viertbeste jemals bei einer Langdistanz erzielte Zeit. „Ich habe gehört, dass es heute windiger war als sonst“, so der 34-Jährige später. „Ich habe ja keinen Vergleich, weil ich zum ersten Mal hier am Start war. Aber gegen den Wind in Dänemark war das gar nichts!“ Hinter ihm passiert währenddessen nicht das, was man nach Kienles schwerem Einbruch nach 30 Kilometern erwartet hätte. Im Gegenteil: Der 26-jährige Sieger des Ironman 70.3 Germany 2009 fängt sich auf den letzten Kilometern wieder und kann seine zweite Position wider Erwarten gegen Llanos verteidigen.
„Nur nicht gehen, nur nicht gehen, habe ich die ganze Zeit gedacht“, so Kienle. „Wie ich dann ins Ziel gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr, das war nur noch Willenskraft.“ Willenskraft, die dem Rookie offenbar Flügel verlieh: Bei 7:59:06 Stunden bleibt die Uhr für den völlig entkräfteten Physikstudenten aus Knittlingen schließlich stehen – so eine schnelle Premiere hat auf der Langdistanz noch niemand hingelegt. Dreieinhalb Minuten hinter dem neuen Deutschen Meister wird Llanos Dritter, Jacobs folgt auf Rang vier.

Titel verloren, Platz fünf verdient gewonnen

Als Fünfter kommt nach 8:13:09 Stunden Michael Göhner ins Ziel. Der Vorjahressieger zeigte zwar während des gesamten Rennens eine solide Leistung, reagieren konnte er auf die Attacken der Konkurrenten jedoch vor allem auf dem Rad nicht. Seine Laufleistung von starken 2:48:11 Stunden reichte allerdings, um nach dem zweiten Wechsel noch zahlreiche Plätze gutzumachen: Nur als Elfter war der Sieger des vergangenen Jahres vom Rad gestiegen.
Challenge Roth
18. Juli 2010, Roth
3,8 km Swim180 km Bike42,2 km RunGesamt
1Rasmus HenningDEN46:574:23:252:39:437:52:36
2Sebastian KienleGER52:154:14:072:50:177:59:06
3Eneko LlanosESP47:014:24:262:48:018:02:33
4Pete JacobsAUS46:514:25:422:53:438:08:56
5Michael GöhnerGER52:204:29:332:48:118:13:09
6James CunnamaRSA52:114:28:082:55:368:18:47
7Cyril ViennotFRA52:224:36:572:49:308:22:20
8Richard UssherNZL54:374:35:102:52:188:24:56
9Christophe BastieFRA52:254:29:323:00:248:25:58
10Sylvain RotaFRA52:124:29:353:01:478:26:34