Sebastian Kienle holt den WM-Titel über die 70.3-Distanz zum dritten Mal nach Deutschland.

Jens Richter / spomedis

Sebastian Kienle auf dem Weg zu seinem fünften Erfolg in Buschhütten
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Ironman 70.3 World Championship Kienle fliegt zum WM-Titel

Langstrecke | 9. September 2012
Der Ironman-70.3-Weltmeister des Jahres 2012 heißt Sebastian Kienle. Mit einer mutigen Rennstrategie schüttelte er auf dem Rad erst die Favoriten um Craig Alexander und Tim O'Donnell ab - und ließ ihnen auch auf der Laufstrecke keine Chance. Michael Raelert wurde durch eine Zeitstrafe zurückgeworfen und am Ende Achter.
Im Ziel wirkte es, als habe Sebastian Kienle, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, schon lange auf diesen Moment gewartet: Den Moment, all seinen Kritikern und Zweiflern diese Aussage entgegenschleudern zu dürfen: "Seit Jahren erzählt mir jeder, dass drei Minuten Rückstand nach dem Schwimmen zu viel sind und dass ich mindestens zwei Minuten schneller schwimmen müsste. Sonst hätte ich keine Chance, jemals einen WM-Titel zu gewinnen, weil man es auf dem Rad heute nicht mehr rausreißen kann", sagte Kienle da. "Ich sage: Das ist alles nur Gerede von Leuten, die es auf dem Rad nicht drauf haben." Bamm. Das saß.

Drei Minuten Rückstand

Wenig später war Kienle schon wieder selbstkritischer - aber noch immer überglücklich. "Ich muss im Schwimmen definitiv noch zulegen", erzählte er wenige Minuten nach dem Zieleinlauf. Erneut waren es die verflixten drei Minuten, die Kienle auf den ersten 1,9 Kilometern auf die Gruppe der Favoriten um Titelverteidiger Craig Alexander, Michael Raelert und Andy Potts, der sich beim Schwimmen dieses Mal nicht lösen konnte, verlor. Erneut musste er also alles auf die Karte Rad setzen - und tat das auch. Etwas mehr als 40 Kilometer dauerte es, bis Kienle sich durch das Feld in die große Führungsgruppe um Alexander und Raelert hineingearbeitet hatte. Außerdem in der Gruppe, in der sich vor allem Alexander und zu Beginn des Radabschnitts Raelert um das Tempo bemühten: Tim O'Donnell, Andy Potts, Bevan Docherty - fünf gute Läufer, auf die, das wusste Kienle, er sich bis zum zweiten Wechsel zumindest ein kleines Polster erarbeiten musste, um eine Titelchance zu haben.
Doch zumindest um einen seiner Konkurrenten war es wenige Kilometer später auch so bereits geschehen: Michael Raelert kassierte von den Kampfrichtern eine vierminütige Zeitstrafe wegen Draftings - ein Rückstand, der selbst für Raelert in solch einem hochklassigen Feld nicht mehr aufzuholen war. Und erneut nur wenige Kilometer später verabschiedete sich auch der zweite Deutsche aus der Gruppe - aber nach vorn: Nach 50 Rennkilometern startete Kienle die Attacke, mit der jeder gerechnet hatte. Und der doch keiner folgen konnte.

"Eine Selbstmordmission"

Zehn Kilometer später hatte sich der 28-Jährige auf einer Radstrecke, die, wie er zuvor erklärte, "wie für mich gebaut ist", bereits 40 Sekunden auf die größten Konkurrenten herausgefahren - und die Lücke wurde größer. Bis auf fast drei Minuten enteilte er dem Feld noch bis zum zweiten Wechsel - und hatte dort keine Zeit zu verlieren. Mit langgezogenem Schritt schnitt er die Kurven in der Wechselzone so eng es nur ging, nicht eine Sekunde wollte er den Verfolgern schenken, sie schocken. "Ich bin volles Risiko gegangen", erklärte Kienle später auf die Frage, warum er auch so schnell und kraftvoll losrannte, wie es seine Beine gerade noch hergaben, als handele es sich um ein Zehn- oder gar nur 5-Kilometer-Rennen. "Das war eine Selbstmordmission - und sie war erfolgreich. Ich bin im Himmel!"
Denn obwohl sie sich in der Folge gegenseitig vorantrieben und ebenfalls hart anliefen, machten die Verfolger Alexander, O'Donnell, Potts und Docherty auf den ersten Kilometern keine einzige Sekunde auf Kienle gut - im Gegenteil, der Deutsche vergrößerte seinen Vorsprung zwischenzeitlich sogar bis auf drei Minuten. Und während Alexander weiter drückte, erst Potts, dann O'Donnell und schließlich auch Docherty abschüttelte, hoffte er letztlich doch vergeblich auf den Einbruch Kienles: Der zog seinen Schritt über alle drei profilierten Runden lang, gab nicht nach - und lief am Ende einem deutlichen Sieg entgegen. In 3:54:35 Stunden hielt er den Zweitplatzierten Alexander im Ziel nicht nur um eine Minute auf Distanz, sondern verbesserte nebenbei auch noch dessen Streckenrekord aus dem Vorjahr um einige Sekunden. Hinter Alexander sicherte sich Docherty den dritten Platz knapp vor O'Donnell, Michael Raelert lief noch bis auf den achten Platz nach vorn, Faris Al-Sultan wurde Neunter.
Ironman World Championship 70.3 | Männer
9. September 2011, Henderson (USA)
Gesamt1,9 km Swim90 km Bike21,1 km Run
1Sebastian KienleGER3:54:3526:322:07:541:16:46
2Craig AlexanderAUS3:55:3623:542:13:241:14:59
3Bevan DochertyNZL3:56:2523:512:13:411:15:35
4Timothy O'DonnellUSA3:56:3523:282:14:031:15:52
5Andy PottsUSA3:56:5423:202:13:551:16:16
6Bart AernoutsBEL4:01:1726:302:13:021:18:10
7Josh AmbergerAUS4:02:3023:162:13:471:21:52
8Michael RaelertGER4:03:1123:302:19:301:17:05
9Faris Al-SultanGER4:03:2724:092:13:051:22:16
10Richie CunninghamAUS4:03:5925:112:15:161:20:09

Gajer wird Achte

Und auch im Rennen der Frauen schlug sich eine Deutsche beachtlich - auch wenn es zu einem Podestplatz am Ende nicht reichte. Nachdem sie das Schwimmen mit rund drei Minuten Rückstand auf die Führende Jodie Swallow beendet hatte, kassierte Julia Gajer in einer Gruppe um die Kanadierinnen Heather Wurtele und Magali Tisseyre auch auf dem Rad noch einige Minuten auf ihre ärgsten Konkurrentinnen um die Britin Leanda Cave. Die Hawaii-Dritte von 2011 setzte sich beim Radfahren früh an die Spitze, machte Druck, schüttelte nach und nach die Verfolgerinnen ab und wechselte mit zwei Minuten Vorsprung vor der US-Amerikanerin Heather Jackson auf die Laufstrecke.
Während das Rennen für eine der großen Favoritinnen, Mirinda Carfrae (AUS), dort wegen Magenproblemen früh endete, schenkte Cave wie Kienle vorn keinen Meter ab, baute ihren Vorsprung nach fünf Laufkilometern sogar noch etwas aus. Doch nun flog bedrohlich schnell die US-Amerikanerin Kelly Williamson heran. Mehr als sechseinhalb Minuten schneller als Cave lief sie die 21,1 Kilometer am Ende, trotzdem reichte es rund eine Minute hinter der Britin nur zu Platz zwei. Heather Jackson wurde drei Minuten hinter Williamson Dritte, Julia Gajer erreichte das Ziel mit neun Minuten Rückstand auf die Siegerin als Achte.
Ironman World Championship 70.3 | Frauen
9. September 2011, Henderson (USA)
Gesamt1,9 km Swim90 km Bike21,1 km Run
1Leanda CaveGBR4:28:0526:072:28:181:29:53
2Kelly WilliamsonUSA4:29:2426:052:36:271:23:19
3Heather JacksonUSA4:32:3228:542:27:451:32:13
4Melissa HauschildtAUS4:35:1328:442:29:321:33:05
5Joanna LawnNZL4:36:0828:392:33:441:29:23
6Heather WurteleCAN4:36:5628:172:34:501:29:48
7Magali TisseyreCAN4:37:0328:342:34:451:29:28
8Julia GajerGER4:37:1528:352:34:301:30:16
9Margaret ShapiroUSA4:37:4028:002:33:041:33:04
10Jeanne CollongeFRA4:39:5928:572:35:091:31:40

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