Zwei Deutsche vor Lance Armstrong Kienle Zweiter in Texas, Raelert auf Platz vier

Langstrecke | 1. April 2012
In einem der packendsten Rennen der 70.3-Geschichte ist Sebastian Kienle nur um wenige Sekunden an seinem vierten Titel vorbeigeschrammt. In einem dramatischen Finish unterlag er nur dem US-Amerikaner Timothy O'Donnell. Michael Raelert musste sich nach einem unglücklichen Rennverlauf hinter dem Schweizer Ronnie Schildknecht mit Platz vier begnügen. Lance Armstrong wurde Siebter.
Einmal mehr geht Sebastian Kienle an seine Grenzen, vielleicht sogar darüber hinaus. Als Timothy O'Donnell etwas mehr als einen Kilometer vor dem Ziel des Ironman 70.3 Texas an ihm vorbeiläuft, scheint das Rennen entschieden. Doch Kienle kontert. Legt einen unfassbaren Zwischenspurt ein. O'Donnell kann zunächst nicht folgen, schiebt sich aber wieder heran. Kienle wagt den zweiten Versuch. Erst als auch der scheitert und der US-Amerikaner kurz danach auf dem Flugfeld selbst attackiert, ist der Widerstand des Deutschen gebrochen.

Taktisches Geplänkel

Das bestbesetzte Rennen der Ironman-70.3-Geschichte hält, was sich die Triathlonfans von ihm versprechen. Beim Schwimmen tun sich die vielen Favoriten erwartungsgemäß noch nicht weh. Fast ein dutzend Athleten, darunter Michael Raelert, Tim O'Donnell, der hoch gehandelte Marino Vanhoenacker, Stéphane Poulat aus Frankreich und Lance Armstrong, steigen nach etwas mehr als 23 Minuten aus dem salzigen Golf von Mexiko. Perfekter hätte die Ausgangslage für den siebenfachen Toursieger kaum sein können. Zumal Sebastian Kienle, sein mutmaßlich schärfster Rivale auf der Radstrecke, im Wasser fast drei Minuten verliert. Doch Armstrong hält sich zunächst zurück. Die erwartete Attacke bleibt aus und auch die Anderen belauern sich auf den ersten 30 Kilometern. Ernsthafte Tempoverschärfungen? Fehlanzeige.

Armstrong attackiert, Raelert repariert

Doch plötzlich kommt Bewegung ins Feld. Armstrong erhöht Trittfrequenz und Tempo und binnen weniger Minuten klafft eine Lücke zwischen dem gefürchteten Rückkehrer und seinen Herausforderern. Weder Vanhoenacker, noch O'Donnell oder Poulat können oder wollen folgen. Einer, der gern am Hinterrad Armstrongs bleiben würde, kann nicht. In den Sekunden der Attacke platzt der Reifen am Scheibenrad von Michael Raelert. Verzweifelte Schulterblicke, Kopfschütteln. Erst nach mehreren hundert Metern auf der Felge naht ein Materialwagen und der Rostocker wechselt das Laufrad selbst. Gerade als Raelert wieder Fahrt aufnimmt, jagt Sebastian Kienle wie entfesselt an ihm vorbei. Kurzer Blickkontakt - das Zweckbündnis ist beschlossen. Doch Raelert ist schon angeschlagen und verliert kurz darauf den Anschluss zu Kienle, der an diesem Tag in einer anderen Liga unterwegs ist. Selbst Armstrong, der sich an der Spitze inzwischen fast eine Minute Luft verschafft hat, wird trotz Geschwindigkeiten von mehr als 50 Kilometern pro Stunde am Ende fast eineinhalb Minuten langsamer sein als der Badener. Nach zwei Dritteln der Radstrecke ist etwas überraschend immer noch der Franzose Poulat Armstrongs erster Verfolger.
Dahinter löst sich Kienle, dessen Rückstand auf die Spitze weiter schmilzt, von Vanhoenacker und O'Donnell - der 28-Jährige ist nun schon Dritter. Währenddessen verliert Raelert weiter wertvollen Boden. Gemeinsam mit Ronnie Schildknecht versucht er mehr als drei Minuten hinter Armstrong, nicht schon vor dem Laufen sämtliche Siegchancen zu verspielen. Der Amerikaner schlüpft nach zweieinhalb Rennstunden zwar etwas ungelenk, aber noch immer an der Spitze in seine Laufschuhe. Knapp dahinter Poulat, dann wechselt Kienle. Auch O'Donnell, der junge Jeremy Jurkiewicz und Vanhoenacker sind vor dem entscheidenden Halbmarathon noch in Schlagdistanz. Für Raelert scheint das Rennen gelaufen.

Raelert ringt Armstrong nieder

Danach überschlagen sich die Ereignisse. Zunächst zieht Poulat an Armstrong vorbei. Kurz darauf kassiert auch Kienle den umstrittenen Ex-Radprofi, wenige Minuten später schnappt er sich Poulat und verschafft sich mit raumgreifenden Schritten ein komfortables Polster. Poulat und Armstrong hat er damit geschlagen, doch seine wahren Gegner lauern dahinter. Allen voran Tim O'Donnell, der noch vor der 10-Kilometer-Marke auf den zweiten Platz nach vorn läuft und Kienle auf dem letzten Kilometer den Sieg entreißt. Und auch Schildknecht gibt noch nicht auf. Der Schweizer mobilisiert alles und liegt wenige Kilometer vor dem Ziel plötzlich auf dem vierten Rang. Kurz darauf stößt der schnellste Läufer des Tages Armstrong vom Podium. Der wird auf den letzten Kilometern immer langsamer und noch bis auf Platz sechs durchgereicht. Ans Führungsduo kommt Schildknecht aber nicht mehr heran. Raelert beißt sich nach einer kurzen Schwächephase zurück ins Rennen - für seinen Kampfgeist wird er immerhin noch mit dem vierten Platz belohnt. Viel wichtiger dürfte für ihn allerdings sein, dass er im ersten Vergleich mit Lance Armstrong schließlich doch noch das bessere Ende für sich hat. Marino Vanhoenacker glückt das nämlich nicht.
Ironman 70.3 Texas | Männer
1. April 2012, Galveston Island (Texas, USA)
NameNationGesamt1,9 km Swim90 km Bike21,1 km Run
1Timothy O'DonnellUSA3:47:4023:202:07:481:14:10
2Sebastian KienleGER3:48:0326:102:03:431:15:29
3Ronnie SchildknechtSUI3:48:4924:332:08:081:13:27
4Michael RaelertGER3:50:0823:172:09:261:14:54
5Stephane PoulatFRA3:52:3523:202:05:521:20:30
6Jordan JonesUSA3:54:3224:322:11:201:15:14
7Lance ArmstrongUSA3:54:3223:382:05:101:22:38
8Marino VanhoenackerBEL3:54:5523:322:07:131:21:12
9Jeremy JurkiewiczFRA3:55:2823:222:08:341:20:40
10Axel ZeebroekBEL3:55:4323:192:12:391:16:31