Kindergeburtstag. Oder: Die Leiden des Andi B.

Heute stand wieder eine längere Koppeleinheit an: Kraftausdauer am Berg und danach 18 Kilometer Laufen im Grundlagenbereich. Letzte Woche hatte ich bei der gleichen Einheit schlechte Beine auf dem Rad, aber das Laufen ging wider Erwarten gut. Dieses Mal hatte ich Superbeine auf dem Rad.

Von > | 27. März 2012 | Aus: SZENE

Andreas Böcherer | Andreas Böcherer beim Ironman Hawaii 2011

Andreas Böcherer beim Ironman Hawaii 2011

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Als ich dann vom Rad stieg, dachte ich mir: Das Laufen wird ein Kindergeburtstag.

Dachte ich...

Kilometer 1: 3:58 min. Fühlt sich irgendwie hölzern an, aber bei 3:58/km kein Grund zur Sorge.

Kilometer 2: 4:15 min. Die Sonne scheint und mir ist für knappe 20 Grad ziemlich warm. Wie ging das eigentlich auf Hawaii bei 40°?

Kilometer 3: 4:16 min. Irgendwie mühsam. Ich überlege, ob ich nicht zum Pinkeln anhalten könnte. Aber ich muss leider nicht. Die Kunstpause bleibt mir versagt.

Kilometer 4: 4:16 min. Ich mache mir das erste Mal Sorgen, ob ich die Einheit auch gut durchlaufen kann.

Kilometer 5: 4:14 min. Irgendwie fängt der Motor an zu stottern. Auch Gel und Wasser aus meinem Trinkgürtel (ja, ich laufe auch manchmal mit so einem hübschen Accessoire) helfen nicht.

Kilometer 6: 4:20 min. Jetzt sagt auch die GPS-Uhr, dass ich heute wohl nichts Weltmeisterliches vollbringen werde.

Kilometer 7: 4:25 min. Versuche, das Tempo mit Willenskraft oben zu halten, scheitern kläglich. Die Beine wollen einfach nicht.

Kilometer 8: 4:34 min. Nach einer Pinkelpause gehe ich zehn Meter und kann mich nur mit viel "deutschem Pflichtbewusstsein" zum Weiterlaufen motivieren.

Kilometer 9: 4:43 min. Die Hälfte ist geschafft, zurück geht es doch eigentlich immer !

Kilometer 10: 4:37 min. Leider hält sich der Stalldrang heute in Grenzen. Neidisch schaue ich auf den Rollator einer älteren Dame, vom Fassungsvermögen meinem Trinkgürtel deutlich überlegen. Man könnte sich auch heimlich ein bisschen abstützen, ohne dass es jemand merkt.

Kilometer 11: 4:43 min. Mir kommen leise Zweifel, ob ich der richtige Mann für den richtigen Job bin. Irgendwie erinnert mich das an ein Werbeplakat einer Jobagentur zur gleichen Fragestellung mit dem Bild eines Fußballers, der gerade einen Weichteilvolltreffer erlitten hat.  

Kilometer 12: 4:49 min. Beim Überqueren einer Schnellstrasse bleibe ich stehen und beschließe, per Anhalter nach Hause zu fahren. Ob mich wohl jemand mitnimmt ? Mein Blick fällt auf meine grüngelben, fast neuen Laufschuhe, die noch keine hundert Kilometer alt sind, natürlich gesponsert und nicht gekauft. Vor meinem inneren Ohr fangen tausende Fussballfans an zu brüllen: "Scheiß Millionäre" und "wir wollen euch kämpfen sehen". Die Sonnen wärmt meine geschundene Beinmuskulatur und dämpft die Schmerzen ein wenig. Langsam setze ich mich wieder in Trab.

Kilometer 13: 4:43 min. Eine Nachwuchstriathletin kommt mir mit langem Schritt wie eine Gazelle entgegen gerannt. Sie hat sichtlich Spass an ihrer Geschwindigkeit. Ich grüße freundlich und versuche, entspannt zu lächeln. Ich wanke zwischen "jeder kann ja mal explodieren" und "Wo tut sich die nächste Erdspalte auf?".

Kilometer 14: 4:55 min. Ein Seniorenradfahrer kommt mir entgegen. So ein Fahrrad hat schon was.

Kilometer 15: 5:00 min. Ich schiebe mich mühsam an zwei Müttern samt Kinderwägen vorbei. Angstvoll lausche ich noch eine Weile, ob ihre Schritte nicht wieder näher kommen.

Kilometer 16: 4:52 min. Nur noch drei Kilometer. Das habe ich auf Hawaii auf schon mal gedacht. Aua.

Kilometer 17: 5:01 min. Stadtrand von Freiburg. Hoffentlich sieht mich keiner. Und hoffentlich überholt mich keiner von diesen "20°C- und-Sonnenschein-Joggern" mit Sneakern statt Laufschuhen und schlappriger Torwarthose.

Kilometer 18: 5:23 min. Ich komme langsam wieder in meine Nachbarschaft. Morgen gründe ich eine Partei, die sich für die Schleierpflicht für Jogger einsetzt. Wenn es jeder tut, fällt es bei mir auch nicht auf. Ohne Zwischenfälle und "na, wie läuft es denn so ?! komme ich schließlich zu Hause an. Ein extra großes Regenerationsgetränk und eine nicht zu kurze Dusche wecken meine Lebensgeister wieder.

Morgen gibt es den nächsten Kindergeburtstag. Paulas Lieblingscousine wird fünf Jahre alt.