Ironman Hawaii 2012 Krimi ohne Chrissie

Langstrecke | 11. Oktober 2012
In den vergangenen fünf Jahren wehte beim Zieleinlauf der Ironman World Championships der Frauen vier Mal der Union Jack über dem Alii Drive von Kailua-Kona. Weil Chrissie Wellington 2012 freiwillig pausiert, wird es am Samstag eine neue Weltmeisterin geben. Wie die heißt, ist so offen wie schon lange nicht mehr. Das deutsche Quintett - angeführt von der Vorjahres-Siebten Sonja Tajsich - will sich in jedem Fall so teuer wie möglich verkaufen.
Bei einer Autogrammstunde eines ihrer Sponsoren hat Caroline Steffen wenige Tage vor dem Rennen schon einmal die Luft der Champions schnuppern dürfen. Gemeinsam mit den Ironman-Legenden Mark Allen und Dave Scott, die es zusammen auf zwölf Hawaiisiege bringen, signierte die 34-jährige Schweizerin geduldig Kappen, T-Shirts und Poster ihrer Fans. "Inspiriert von zwei großen Namen", meldete sie wenig später via Facebook. Bei den inoffiziellen Buchmachern und in den Straßen von Kona wird Steffen als große Favoritin auf die Nachfolge von Chrissie Wellington gehandelt. Sie selbst weist das schon seit Monaten von sich. "Ich sehe mich nicht als Favoritin", erklärte sie nach dem starken Saisonstart in Australien. Dabei könnte sie sieben Jahre nach dem letzten Erfolg von Natascha Badmann den Ironman-WM-Titel zum siebten Mal in die Schweiz holen - und das bei ihrem dritten Profistart.

Vor- und Nachteile

Die Saisonbilanz von Steffen ist makellos: Siege bei den Ironman-Events in Melbourne (Siegerzeit: 8:34:51 Stunden) und Frankfurt, dazu der Titel bei der Langdistanz-WM der ITU in Spanien - allein beim Abu Dhabi Triathlon reichte es "nur" zum dritten Rang. Und sogar das etwas veränderte Reglement könnte der Spiezerin, deren Lebensmittelpunkt seit vielen Jahren Australien ist, in die Karten spielen: Zum ersten Mal in der mehr als 30-jährigen Geschichte des Rennens werden die Profifrauen fünf Minuten nach den Männern in die Fluten des Pazifiks geschickt. "Eine sehr faire Variante", wie die Deutsche Anja Beranek findet. Die Damen sind also auf den ersten 3,86 Rennkilometern unter sich. Was für die schwächeren Schwimmerinnen, zu denen auch die beiden Deutschen Sonja Tajsich und Kristin Möller zählen, ein eklatanter Nachteil ist, könnte Steffen und einer Handvoll ihrer Konkurrentinnen - wie Rachel Joyce, Leanda Cave (beide GBR), Amanda Stevens (USA) oder Rookie Anja Beranek - schon früh im Rennen einen entscheidenden Vorteil in Form von einigen Minuten Vorsprung verschaffen. Tajsich, Möller und einige andere der 31 Qualifizierten dürften schon nach wenigen Hundert Metern auf sich allein gestellt sein, und sich nicht wie bisher in Gruppen mit schwächeren Männern über den Kurs retten können.

Marathon. Der Vorsprung hält oder nicht

In einem von vielen möglichen Szenarien schmieden Steffen, Cave, Joyce und vielleicht auch Beranek nach einem schnellen Schwimmen eine Allianz auf Zeit, um die starken Läuferinnen wie Mirinda Carfrae und Caitlin Snow, aber auch Tajsich und Möller schon auf dem Weg nach Hawi entscheidend abzuschütteln. Möller hat sich mit Teamkapitän Faris Al-Sultan darauf eingestellt und angekündigt, nach dem Schwimmen ihr eigenes Rennen machen zu wollen. Etwas anderes wird der gebürtigen Thüringerin auch nicht übrig bleiben. Ganz vorn gibt es keine zwei Meinungen darüber, dass Caroline Steffen ihre Überlegenheit auf dem Rad nutzen und die Begleiterinnen eine nach der anderen abschütteln wird. Die alles entscheidende Frage bleibt wie schon 2010 und 2011: Wie weit kommt die Schweizerin weg und wie schnell kann sie nach einem Husarenritt zwischen Kona und Hawi noch laufen? Neben Carfrae und den beiden US-Girls Caitlin Snow und Kelly Williamson hat in diesem Jahr nur noch eine weitere Konkurrentin das Zeug dazu, den Marathon in einer Zeit unter drei Stunden zu laufen - und das ist Kristin Möller.

Deutsche Damen ohne Druck

Schon zweimal hat Mirinda Carfrae Steffen gegen Ende des Rennens noch abgefangen - doch 2011 musste die Australierin dafür einen Marathon von 2:52 Stunden auspacken. Den kann Roth-Siegerin Rachel Joyce sicher nicht laufen, dennoch könnte die Britin im Kampf um den Sieg ein wichtiges Wort mitreden. Nach den Plätzen sieben, fünf und vier in den vergangenen drei Jahren würde eine weitere Steigerung zumindest einen Platz auf dem Podium  bedeuten. Auf den Tippzetteln vieler Experten ist ihr Name jedenfalls weit oben vermerkt.
Beste Zutaten also für einen packenden Krimi, bei dem auch Susan Dietrich und Maren Hufe - beide Schützlinge des erfahrenen deutschen Trainers Ralf Ebli -, nicht nur Statisten sein wollen. Gleiches gilt für Anja Beranek, die mit der eindrucksvollen Empfehlung des zweiten Platzes aus Frankfurt und dem EM-Titel auf der 70.3-Distanz nach Hawaii gekommen ist. Auch für die Fürtherin ist die Hawaiipremiere das i-Tüpfelchen auf eine überragende Saison. In der "Form ihres Lebens" startet Beranek am Samstagmorgen 6.35 Uhr Ortszeit in ein Rennen, das sie - auch wegen ihrer fehlenden Hawaiierfahrung - lieber passiv als mit der Brechstange angehen möchte. "Meine Strategie ist eher, auf bestimmte Rennsituationen zu reagieren ", sagt die 27-Jährige und damit Jüngste im Profifeld der Frauen. Dann werde man sehen, was dabei herauskommt. Über mögliche Zeiten oder gar Platzierungen mache sie sich wenig Gedanken, so Beranek weiter. Mit einem ganz konkreten Ziel geht Sonja Tajsich, die Erfahrenste im Bunde des deutschen Quintetts, ins Rennen des Jahres. "Meinen Traum von einer Top-Ten-Platzierung habe ich mir im vergangenen Jahr als Siebte erfüllt", so die Regensburgerin. "Das nächste Ziel sind die Top 5." Beim Radfahren und im Laufen sei sie in besserer Form als 2011, sagt Tajsich, die sich vor allem auf der Marathonstrecke nicht vor den starken US-Amerikanerinnen und Australierinnen verstecken braucht.