Ironman Germany Leder und Bracht gewinnen EM-Thriller

Langstrecke | 1. Juli 2007
Nur viereinhalb Stunden dauerte das "Duell der Giganten" bei den Ironman-Europameisterschaften in Frankfurt. Doch obwohl die deutschen Hawaiisieger Stadler und Al-Sultan die Erwartungen nicht erfüllen konnten, entwickelte sich eines der spannendsten Ironman-Rennen der Geschichte.
Nach 150 Kilometern war der Auftritt des Hawaiisiegers vorbei. Eingangs der Kleinstadt Friedberg stieg Normann Stadler genervt und mit Rückenschmerzen vom Rad, und sein vermeintlich größter Konkurrent Faris Al-Sultan kämpfte weiter in einer Verfolgergruppe mit Timo Bracht, Frank Vytrisal und Michael Göhner um den Anschluss an den Spitzenreiter Jan Raphael. Bereits nach dem 3,8 Kilometer langen Schwimmen im Langener Waldsee hatte sich der 27-jährige Raphael am Morgen angriffslustig gezeigt, als er unmittelbar hinter den beiden Schwimmspezialisten Christoph Streiß und Christoph Fürleger als Dritter und noch vor Favorit Al-Sultan ("Ich habe keinen Rhythmus gefunden") die Wechselzone erreichte. Stadler hatte als 23. bereits vier Minuten Rückstand – eine lösbare Aufgabe allerdings für den Mannheimer, der auf dem Weg zu Al-Sultan nacheinander Göhner und Bracht aufsammelte.

„Jetzt gibst du einfach mal alles“

Doch dann blieb der erwartete Angriff des "Norminators" aus. Stattdessen begnügte sich der 34-Jährige mit einem Platz im Mittelfeld der Gruppe, die trotz einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gut 41 Kilometern pro Stunde in den beiden ersten Rennabschnitten weiter Zeit auf Raphael verlor. Bedeckter Himmel, wenig Wind und Temperaturen von etwa 23 Grad sorgten für Rekordbedingungen auf dem 2-Runden-Radkurs, vielleicht verleiteten sie den Hannoveraner dazu, etwas mehr Kraft zu investieren, als gut war: Nach 140 Kilometern jedenfalls begann Raphaels Vorsprung plötzlich zu schmelzen und das ermutigte nun Vytrisal zum Konter. Der 40-jährige Lehrer und Teilzeit-Triathlonprofi aus Darmstadt erreichte die zweite Wechselzone am Mainufer mit gut einminütigem Vorsprung als Erster vor Bracht, Raphael, Göhner – und Al-Sultan. „Jetzt gibst du einfach mal alles, die anderen laufen sowieso schneller“, beschrieb Lokalfavorit Vytrisal nach dem Rennen seine Motivation.
Schon nach wenigen Kilometern war Bracht herangelaufen an Vytrisal, der gar nicht erst versuchte, den Rhythmus des Eberbachers anzunehmen. „Er hat mir viel Glück gewünscht, es war wie ein Déjà-vu. Vor einem Jahr habe ich an ganz ähnlicher Stelle Normann Stadler passiert, am Ende bin ich Zweiter geworden“, erzählte Bracht. Erst auf den letzten Kilometern war er damals von Cameron Brown gestellt worden, doch der Neuseeländer hatte in diesem Jahr verletzungsbedingt absagen müssen. „Es ist manchmal besser, Zweiter zu werden“, sagte Bracht im Rückblick. „Das sind die Rennen, aus denen man etwas lernt, von denen aus man sich weiter entwickelt.“

„Noch zwei Minuten Reserve“

Unglaublich konstant und konzentriert wirkte der 31-Jährige über die gesamte Marathonstrecke, akribisch hatte er sich über Monate gerade auf diese vier Runden entlang des Mainufers vorbereitet. Und deshalb: Wäre der hart ackernde Reutlinger Michael Göhner noch näher herangekommen, glaubt Bracht, hätte er wohl noch „ein, zwei Minuten Reserve“ gehabt. „Ich habe an meiner Endbeschleunigung gearbeitet, ich hätte immer noch zulegen können.“ Hinter Göhner, der sich für EM-Silber völlig verausgaben musste, erreichte – wie im Vorjahr – Vytrisal als Dritter das Ziel. Raphael wurde nach einer Krise eingangs des Marathons guter Vierter, Petr Vabrousek mit schnellster Marathonzeit (2:46:07 Std.) Fünfter. Der Tscheche stellte kurz vor dem Ziel noch Faris Al-Sultan, der sich trotz offensichtlicher Formschwäche durchbiss und das Ziel als Sechster erreichte. „Ich habe kurz darüber nachgedacht, einfach aufzuhören, aber wer so anfängt, findet beim nächsten Mal noch schneller einen Grund.“ Ob diese  Anmerkung auch an Stadlers Adresse gemeint war, blieb unklar.
Das geplatzte Duell interessierte die mehreren Zehntausend Zuschauer auf dem Römerplatz zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr, denn sie wurden Zeuge eines der packendsten Zweikämpfe, die die Geschichte des Ironman je schrieb: Völlig überraschend nämlich hatte die Darmstädterin Nicole Leder zum Ende des Radfahrens – ihrer Sorgendisziplin – wieder Anschluss gefunden an die Spitze mit der Titelverteidigerin Andrea Brede, mit der Deutschen Meisterin des Vorjahres Wenke Kujala und der „ewigen Zweiten“ des Frankfurter Ironman Nina Eggert. „Als ich sah, wie schnell Andrea wechselte, habe ich gerade noch Zeit gefunden, Socken anzuziehen“, erzählte Leder. „Ich hatte 40 Sekunden Rückstand und dachte natürlich, ich würde das Loch innerhalb weniger Kilometer zulaufen, doch so war es nicht!“

Duell für die Geschichtsbücher

Sekundenweise nur kam die 35-Jährige an Brede heran, ab Kilometer sieben rannten die beiden Deutschen, die zu den besten Läuferinnen der europäischen Ironman-Szene gehören, schließlich Schulter an Schulter, belauerten sich, testeten sich aus. Ein wenig ratlos der Gesichtsausdruck Bredes, wie versteinert Leder. Dann, auf den letzten vier Kilometern, versuchte Brede noch einmal, sich mit langgezogenen Zwischenspurts zu lösen – doch jedes Mal konnte Leder kontern. Die versuchte es dafür auf der letzten Brücke, nur 1.500 Meter vor dem Ziel. „Ich sagte mir, da musst du jetzt dran bleiben, dann kannst du Nicole aussprinten“, erzählte Brede später. Doch die Kölnerin hatte die genaue Topographie der letzten Laufmeter nicht mehr im Kopf – und zog den Spurt zu früh an. Nicole Leder später: „Ich dachte erst: ‚Ja, das war ein schönes Rennen, es kann am Ende leider nur eine gewinnen.“ Doch dann, nur noch vierzig Meter bis zur Ziellinie, war Leders Konkurrentin fast stehend K.o. „Da sah ich, dass ich wieder näher herankam, und bot noch einmal alles auf, was ich hatte. Ich sagte mir: ‚Denk an Miles Stewart’ (den Australier, der im Alter von 19 Jahren bei den Kurzdistanz-Weltmeisterschaften 1991 völlig überraschend im Sprint gegen Richard Wells und Mike Pigg den Titel gewann, die Red.). Und dann sah ich Lothar an der Ziellinie stehen."
Fünf Sekunden betrug der Abstand zwischen Sieg und Niederlage am Ende – ein so packendes Sprintfinale hatte es in der Geschichte des Ironman der Frauen noch nie gegeben. Der Zweikampf zwischen Brede und Leder, den Letztere mit der Weltklassezeit von 9:04:11 Stunden für sich entscheiden konnte, er war zum Duell der Giganten geworden.
Ironman European Championships, Frauen
1. Juli 2007, Frankfurt (Deutschland)
3,8 km Swim, 180 km Bike, 42,2 km Run
1Nicole LederGER9:04:11
2Andrea BredeGER9:04:16
3Nina EggertGER9:12:18
4Imke SchierschGER9:27:31
5Meike KrebsGER9:29:44
6Nicole TöpferGER9:43:21
7Linda SchückerGER9:47:07
8Birgit Schönherr-HölscherGER9:52:02
9Simone AumannGER9:55:23
10Iris TiedekenGER9:56:04
Ironman European Championships, Männer
1. Juli 2007, Frankfurt (Deutschland)
3,8 km Swim, 180 km Bike, 42,2 km Run
1Timo BrachtGER8:09:15
2Michael GöhnerGER8:11:50
3Frank VytrisalGER8:13:34
4Jan RaphaelGER8:19:45
5Petr VabrousekCZE8:21:31
6Faris Al-SultanGER8:23:16
7Tom SöderdahlDEN8:24:46
8Uwe WidmannGER8:29:37
9Hektor LlanosESP8:30:27
10Lothar LederGER8:43:55