Ohne Rücksicht auf Verluste

Nun ist also auch für mich das erste Rennen der Saison vorbei. So ein Ironman ist immer mit einer Menge unbekannter Faktoren verbunden. Es ist ein langer Tag und man kann nicht alles planen. Das macht wohl auch einen Teil des Reizes dieser langen Distanz aus: Jeder geht durch ähnliche Hochs und Tiefs.

Von > | 22. Mai 2012 | Aus: SZENE

MathiasHecht_Porträt2012_tbb | Mathias Hecht  startet seit dieser Saison für das Team TBB des Australiers Brett Sutton.

Mathias Hecht startet seit dieser Saison für das Team TBB des Australiers Brett Sutton.

Foto >Team TBB

Irgendwann kommt jeder an den Punkt, wo der Körper nicht mehr weiterlaufen möchte. Man fragt sich: „Wieso tue ich mir das an?“ Es ist nicht immer einfach, in solchen Situationen das Gehirn zu überlisten und die negativen Gedanken auszuschalten. Das eigentliche Rennen läuft dann meistens nicht mehr gegen die anderen Athleten - es wird viel mehr ein Kampf gegen sich selbst.

Am Samstag durchlebte ich beim Ironman Texas diese emotionalen Gefühle so intensiv wie noch nie zuvor. Für mich war vor diesem Rennen der Unsicherheitsfaktor groß. Meine Vorbereitung im Winter war nicht optimal. Eine zweieinhalbmonatige Laufpause (nach einem Riss in der Kniescheibe) hat meinen Saisonstart verzögert. Der Druck stieg, denn ich hatte noch immer „zero points“ im Kona Pro Ranking. Würde das Knie der Belastung standhalten? Werde ich die fehlenden Laufkilometer spüren? Wie sieht es mit meiner Radform aus? Es lagen einige Fragen in der Luft.

Als der Startschuss fiel, war ich zurück im Renngeschehen. Ich krallte mich beim Schwimmen an die Füße der Spitzenschwimmer und sprang hinter Rasmus Henning als Zweiter aufs Rad. Nach etwa zwei Kilometern fuhr ich an ihm vorbei und es folgte eine 178 Kilometer lange Soloflucht. Als ich nach 90 Kilometern auf meine Garmin-Uhr schaute, stand da 2:01:20 Stunden ... also fast ein 45er-Schnitt! Natürlich beeinflusst durch etwas Rückenwind. Ich dachte mir, dass der Rückweg wohl richtig krass werden würde. Nun, der Gegenwind kam zwar auf, aber meine Beine fühlten sich nach wie vor sehr gut an. Es ist schon toll, wenn man mal einen Wettkampf ohne durch Verletzungen verursachte Schmerzen machen kann. Als ich der zweiten Wechselzone näher kam, wusste ich, dass es eine richtig schnelle Radzeit werden würde. Und: es waren 4:18 Stunden. Und laut meiner Garmin-Uhr waren es sogar 180,5 Kilometer. Mit Distanzen und Rekorden ist das ja meist so eine Sache.

Irgendwie war mir schon bewusst, dass diese Soloflucht bei Temperaturen von über 30° Grad und hoher Luftfeuchtigkeit nicht sehr schlau war. Aber erstens war mir klar, dass meine Laufform nicht gut genug war, um mit Leuten wie Rapp, Henning und Co. vom Rad zu steigen. Und zweitens wusste ich wirklich nicht, wieviel Zeit ich herausgefahren hatte. Ich hatte auf dem Rad keine Informationen erhalten, den Vorsprung erfuhr ich erst auf den ersten Laufkilometern.

Trotzdem wurde der Marathon zu einem erbitterten Überlebenskampf. Da gab es kein einziges Hoch, nur ein langes Tief. Auf den letzten 15 Kilometern dachte ich mehrmals, ich falle gleich in Ohnmacht. Mir war richtig schwindlig. Mein Körper wollte einfach nicht mehr. So konnte ich auch nicht mehr reagieren, als mich Justin Daerr auf den letzten 800 Metern noch überholte. Ich strauchelte ins Ziel und konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Ich hatte alles gegeben. Schlussendlich musste ich zufrieden sein, ich hatte es noch aufs Podium geschafft (zum zehnten Mal auf ein Ironman-Podium).

Jetzt steht viel Arbeit an. Mein Trainer Brett Sutton hat mir vor dem Rennen gesagt, wir seien bei 70 Prozent. Und wenn ich dann bei 100 angekommen bin, habe ich vielleicht auch 30 Prozent mehr taktische Varianten zur Verfügung.

Obwohl ich ja schon zugeben muss: Ich mag es, meine Rennen wie der Leichtathlet Steve Prefontaine zu gestalten - von vorn, ohne Rücksicht auf Verluste.

Bis zum nächsten Mal,

Mathias