Rachel Joyce (GBR) gewinnt die Challenge Roth 2012.

Frank Wechsel / spomedis

Rachel Joyce (GBR) gewinnt die Challenge Roth 2012.
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Die Spannung ist zurück Rachel Joyce gewinnt Challenge Roth

Langstrecke | 8. Juli 2012
Europas traditionsreichste Langdistanz besinnt sich auf ihre Stärke: Packende Rennen vor fachkundigem Publikum. Dass in Abwesenheit der Überfliegerin Chrissie Wellington trotzdem eine Britin im Alleingang siegt, tut der Spannung diesmal keinen Abbruch.
Falls die Britin Rachel Joyce je auf Verstärkung gesetzt haben sollte bei ihrem Vorhaben, auf der Radstrecke einen Sicherheitsabstand zwischen sich und ihre vermeintlich gefährlichsten Konkurrentinnen für den Marathon zu bringen – die Deutsche Julia Gajer und Sonja Tajsich aus Regensburg –, dann ist der erste Abschnitt hinunter nach Greding ein Moment der Erkenntnis. Zwar weiß die ehemalige Leistungsschwimmerin, wie man gut besetzte Rennen von vorn bestreitet, aber ein bisschen Unterstützung, ein bisschen Gesellschaft durch ihre Mitstreiterin aus dem Main-Donau-Kanal, die Tschechin Lucie Zelenkova-Reed, wäre doch ganz schön gewesen. Gemeinsam hatten sich beide im Feld der stärksten Männer behauptet, hatten sich beobachtet, vielleicht die taktischen Optionen für die kommenden 222 Rennkilometer noch einmal durchgespielt, die eine solche Zweckgemeinschaft eröffnet. Doch 40 Kilometer später ist alles hinfällig, Zelenkova-Reed erweist sich auf dem Rad heute als zu schwach und büßt bereits auf diesem Abschnitt den gesamten zweiminütigen Vorsprung auf Gajer ein, die ihrerseits aber 45 Sekunden auf Joyce gut machen kann. Spätestens jetzt wird der wohl klar: Sie muss im Kampf um den EM-Titel ihr eigenes Ding machen.

Verfolgungsjagd eines Uhrwerks

Ab jetzt erhöht die Britin ihren Rhythmus deutlich: Aus knapp zwei Minuten Vorsprung werden bis zum Fuß des Solarer Bergs in Hilpoltstein (Kilometer 70) dreieinhalb, ihr breites Lächeln zeigt, wie sehr sie diesen Abschnitt genießt: die Wertschätzung des fachkundigen Publikums, die es so wohl auf keinem anderen Triathlonkurs der Welt zu erleben gibt. „Ich habe ein perfektes Rennen“, gibt sie euphorisch den Spottern des Livetickers mit, als sie in Eckersmühlen in die zweite Runde rast. Gut 30 Kilometer später, als Joyce die Rampe des Kalvarienbergs zum zweiten Mal in Angriff nimmt, beträgt ihr Zeitpolster auf Gajer bereits über sechs Minuten, lediglich die Niederländerin Mirjam Weerd hält ihren Rückstand in der Deckung der schnellen Altersklassen-Männer etwa konstant – man lässt sie offenbar gewähren.
Als Joyce mit über acht Minuten Vorsprung vor den beiden Deutschen die berühmteste Straße Hilpoltsteins zum zweiten Mal erklimmt, sprechen viele bereits von einer Vorentscheidung. Denn die 34-jährige Juristin gilt als starke Allrounderin, sie selbst verkündete vor dem Rennen selbstbewusst: „Meine Stärke ist, dass ich keine Schwäche habe.“ Dennoch gibt es keinen Grund, sich auf dem erarbeiterten Polster auszuruhen – zumal, wenn die schärfste Verfolgerin Sonja Tajsich heißt. Wie ein Uhrwerk hat die Regensburgerin die 180 Kilometer abgespult, ihren erwarteten Schwimmrückstand von knapp neun Minuten eingefroren und dabei auch Gajer überholt, die für ihre vielleicht etwas zu offensive Anfangstaktik offensichtlich ein wenig büßen muss. „Es war unheimlich windig heute, tausendmal mehr als im letzten Jahr“, wird die Vorjahreszweite später sagen. Doch auch Tajsich, jene Frau, die wie kaum eine Andere in der Lage ist, bis zum letzten Marathonmeter Druck zu machen und jeden Moment der Schwäche bei Ihren Konkurrentinnen auszunutzen, ist angegriffen.  „Ich bin mit Volldampf losgelaufen und habe mir gesagt: Das machst du jetzt solange wie es geht. Es ging 21 Kilometer“, gesteht sie.

Wie soll man vor solchen Fans aufgeben?

Was sie nicht weiß: Ein Tractus-Syndrom, eine schmerzhafte Überlastung des äußeren Bandapparats am Knie, bremste Joyce’ Marathonvorbereitung wochenlang aus, Selbstvertrauen und Tempohärte haben darunter gelitten, und dann, nach 25 Kilometern, kommen die Schmerzen. „Ich musste unheimlich kämpfen. Ich weiß, was für eine tolle Fighterin Sonja ist, ich liebe die Rennen gegen sie. Aber das heute war extrem“, erzählt Joyce im Ziel – und erinnert sich gleich wieder an die vielen schönen Momente im Rennen, in Greding, am Solarer Berg, in der Rother Altstadt oder draußen an der Lände. „Wie soll man sich vor solchen Fans aufgeben?“, fragt sie. Viereinhalb Minuten Vorsprung rettet die Roth-Debütantin über die Ziellinie – genug, um den Jubel des fachkundigen Rother Publikums über eine weitere Weltklassezeit (8:45:04 Stunden) endlich einmal wieder spannendes Frauenrennen nach drei Jahren Chrissie Wellington auszukosten. Bevor die überglückliche Sonja Tajsich („Ich könnte die ganze Welt umarmen“) mit ihrer Überpräsenz das Publikum für sich einnimmt. Nach einer komplizierten Vorbereitung mit Eröffnung eines eigenen Sportfachgeschäfts und einer hartnäckigen Virusinfektion präsentiert sich die derzeit erfolgreichste deutsche Langstrecklerin mit einer neuen persönlichen Bestzeit auf den Punkt fit.
Auch Gajer wird später sagen, wie sehr ihr die Unterstützung der Zuschauer bei ihrem zweiten Start über die Langdistanz hilft. „Es war ein ständiges Auf und Ab. Mal ging es wieder gut, dann kam das nächste Loch. Aber das gehört wahrscheinlich einfach dazu“, sagt sie. „Ich bin trotzdem unheimlich stolz auf mich – zwei Langstrecken, zwei mal unter neun Stunden, das ist doch eine tolle Bilanz.“
Achja - zwei Top-Ten-Finishes verdienen an diesem Tag vielleicht doch eine besondere Erwähnung: Fünf Tage nach ihrem 43. Geburtstag kommt die Kölner Altersklassenathletin Beate Görtz als Siebte noch drei Plätze vor der nimmermüden Australierin Belinda Granger (42) ins Ziel. Und gleich dahinter  - knapp ein Jahr nach der Geburt ihres ersten Kindes, die Hilpoltsteinerin Wenke Kujala.
Challenge Roth | Frauen
8. Juli 2012, Roth
NameNationGesamt3,8 km Swim180 km Bike42,2 km Run
1Rachel JoyceGBR8:45:0447:374:54:372:59:53
2Sonja TajsichGER8:49:4755:504:55:142:55:43
3Julia GajerGER8:57:0250:145:02:113:01:55
4Gina CrawfordNZL8:59:3550:175:04:553:00:55
5Britta MartinGER9:01:0055:414:56:463:05:35
6Mirjam WeerdNED9:02:3950:114:56:073:12:15
7Beate GörtzGER9:13:2658:265:01:073:10:42
8Wenke KujalaGER9:25:1956:315:03:433:21:51
9Lucie Zelenková-ReedCZE9:26:2047:315:05:303:30:24
10Belinda GrangerAUS9:26:4850:335:07:133:24:57