Ironman 70.3 Germany Raelert rennt zum Titel

Langstrecke | 15. August 2010
Die Revanche gegen Kienle ist geglückt: Mit einem taktisch perfekten Rennen baute Michael Raelert seine Ironman-70.3-Siegesserie aus, gewann in Wiesbaden den EM-Titel und stellte bei schlechten äußeren Bedingungen einen neuen Streckenrekord auf.
Es begann mit Regen. Mit dem Eintreffen der ersten Sportler am Schiersteiner Hafen öffneten sich die Wolken über Wiesbaden und es begann wie aus Eimern zu schütten. Als einer der ersten überhaupt hatte sich Sebastian Kienle, der Vorjahressieger und zugleich einzige Athlet, der es jemals geschafft hat, Michael Raelert auf einer Mitteldistanz zu schlagen, in die Wechselzone begeben, um sein Material für die anstehende Schlacht auf der Radstrecke zu rüsten. Der Regen störte ihn dabei kaum. „Ich bin ja kein Schönwetterfahrer. Wer hin und wieder auch im Regen trainiert, kommt damit schon zurecht“, gab sich Kienle gelassen. Etwas weniger glücklich mit den Bedingungen wirkte dagegen Mathias Hecht, der beim Ironman Switzerland vor wenigen Wochen wegen der äußeren Bedingungen nicht auf Betriebstemperatur kam und nach dem Radfahren aufgab. Am Tag vor dem Rennen holte er sich bei seinen Fans und Freunden über Facebook noch Ratschläge ein, wie er sich bei dem kühlen Wetter denn warmhalten kann.

Anderson fährt los, Kienle verhalten

Wie Kienle ließ sich auch Michael Raelert vor dem Rennen nicht aus der Ruhe bringen. „Das war kein Donner, das ist nur ein Feuerwerk“, kommentierte der Ironman 70.3-Weltmeister ein lautes Grollen am Himmel. Ein Feuerwerk wollte er auch auf der Strecke starten – und er begann stark. Nachdem der Regen pünktlich zum Start der Profis über den Schiersteiner Hafen hinweggezogen war, stieg Raelert als Vierter aus dem Wasser, direkt hinter dem Tschechen Filip Ospaly, Sean Donnelly (GER) und Stanislav Krylov (RUS). Dicht hinter ihm: Philip Graves, Uwe Widmann, Mathias Hecht – und der Schwede Björn Andersson, der sich für dieses Rennen offenbar viel vorgenommen hatte. Denn er setzte sich nach dem ersten Wechsel schnell gemeinsam mit Raelert an die Spitze, um das Rennen von vorne zu erleben. Selbst Michael Raelert konnte oder wollte dem 31-jährigen Schweden bald nicht mehr folgen: Nach rund 50 Kilometern setzte der sich ab und fuhr den Konkurrenten davon. Nur rund fünf Kilometer später hatte er sich bereits 40 Sekunden Vorsprung erarbeitet, nach 75 Rennkilometern waren es drei Minuten Vorsprung auf Raelert und sogar fünf Minuten auf Sebastian Kienle. Denn auch der Vorjahressieger, der vor vier Wochen bei der Challenge-Roth seine erste Langdistanz bestritten hatte und dabei prompt unter acht Stunden blieb, fuhr auf dem Rad nicht so schnell, wie viele es im Vorfeld erwartet hatten - wenn auch fast genauso schnell wie im vergangenen Jahr bei wesentlich besseren Bedingungen. Vielleicht war er auch deshalb etwas zurückhaltender, weil die kurvenreiche Strecke durch die heftigen und immer wiederkehrenden Regenfälle so gefährlich war und Kienle schon bei der Challenge Kraichgau schlechte Erfahrungen mit risikoreichen Fahrten gemacht hatte.

Kienle dreht auf

Schlechte Erfahrungen machte auch der Tscheche Filip Ospaly, der mit seinem Sieg beim Ironman 70.3 in St. Pölten auf sich aufmerksam gemacht hatte und unter den Athleten als einer der Topfavoriten galt. Als er, ein starker Läufer, mit sechs Minuten Rückstand auf Andersson den zweiten Wechsel erreichte, ließ er sich erst behandeln und stieg dann ganz aus. Er war zuvor, wie auch Kienle, am Eingang zur Wechselzone gestürzt und konnte das Rennen nicht fortsetzen.
Sebastian Kienle dagegen konnte weitermachen – und hatte offenbar viel Kraft für die abschließenden 21 Kilometer gespart. Mit 4:24 Minuten Rückstand auf Andersson und gut einer Minute auf Raelert erreichte er den zweiten Wechsel und konnte die Lücke zum Rostocker, der seit der Ironman 70.3-Weltmeisterschaft in Clearwater ungeschlagen ist, innerhalb der ersten sieben Kilometer bis auf 20 Sekunden schließen. Anderson dagegen hatte sich auf dem Rad nicht genug Vorsprung erarbeitet, um sich noch länger an der Spitze halten zu können: Keine elf Kilometer waren absolviert, da zog erst Michael Raelert, wenig später dann auch Sebastian Kienle an dem 31-jährigen Radspezialisten vorbei.

Raelert zum Streckenrekord

Und jetzt schien sich Michael Raelert wirklich warmgelaufen zu haben. Plötzlich flog er den Verfolgern davon, machte Sekunde um Sekunde gut und erreichte das Ziel mit einem Vorsprung  von mehr als zwei Minuten vor dem Zweitplatzierten, dem Vorjahressieger Sebastian Kienle. 4:03:47 Stunden bedeuten auf der schwierigen Strecke zugleich einen neuen Streckenrekord, obwohl die Bedingungen alles andere als bestzeitentauglich waren. Björn Andersson, der Radspezialist, konnte sich noch auf dem dritten Platz halten – sehr zum Ärger von Felix Schumann, der die Ziellinie wenige Sekunden nach dem Schweden überquerte und aus Wut über die verpasste Podiumsplatzierung seine Trinkflaschen auf den Boden feuerte. Mathias Hecht dagegen hätte das gar nicht mehr gekonnt, selbst wenn er gewollt hätte: Als der Vorjahresdritte die Ziellinie als Elfter überquerte, klappte er fast zusammen, weil er wegen großer Rückenschmerzen kaum mehr stehen konnte.
Ironman 70.3 European Championships Wiesbaden
15. August 2010, Wiesbaden (GER)
1,9 km Swim90 km Bike21,1 km RunGesamt
1Michael RaelertGER23:262:21:551:15:334:03:47
2Sebastian KienleGER26:122:20:261:16:194:05:55
3Björn AnderssonSWE23:272:18:351:23:504:09:09
4Felix SchumannGER23:482:26:401:16:004:09:22
5Boris SteinGER29:382:21:551:15:444:10:35
6Ollie WhistlerAUS23:322:28:151:20:044:15:07
7Maik TwelsiekGER23:322:27:341:21:484:16:37
8Joel JamesonGBR26:202:31:261:16:234:17:28
9Philip GravesGBR23:262:26:521:24:314:18:05
10Uwe WidmannGER23:272:33:251:19:274:19:07