Raelert vor Kienle

Spannender hätte die Challenge Kraichgau kaum verlaufen können: Erst drei Kilometer vor dem Ziel kam es zur entscheidenden Attacke, als Andreas Raelert zum Führenden Sebastian Kienle aufschloss. Das Frauenrennen gewann Yvonne van Vlerken vor Julia Wagner.

von | 5. Juni 2011 | Aus: Szene

Andreas Raelert und Sebastian Kienle

Andreas Raelert und Sebastian Kienle im Ziel der Challenge Roth 2011

Foto > Nis Sienknecht / spomedis

Ein Andreas Raelert kann es sich durchaus leisten, die Konkurrenz mit einem gewissen Vorsprung auf die Laufstrecke zu lassen. Wenn er aber mehr als vier Minuten hinter dem Führenden aus der zweiten Wechselzone läuft und dieser Sebastian Kienle heißt, sind Zweifel, dass Raelert den Spieß noch umdrehen kann, durchaus angebracht. Schließlich ist auch Kienle kein schlechter Läufer. Und schließlich hatte das Rennen für Raelert alles andere als optimal begonnen.

Raelert: Beutel-Fehlgriff in der Wechselzone

Zwar stieg Raelert nach den 1,9 Kilometern im Hardtsee in Ubstadt-Weiher kurz hinter dem Buschhüttener Simon Jung als Zweiter und an der Spitze einer neunköpfigen Spitzengruppe aus dem Wasser. Den Vorteil dieser Position verspielte er aber in der Wechselzone, als er den falschen Beutel griff und diesen Irrtum nicht gleich bemerkte. 40 Sekunden kostete ihn dieser Patzer – 40 Sekunden und den Anschluss an die schnellste Radgruppe mit den Mitfavoriten Francois Chabaud, Thomas Hellriegel, Jimmy Johnsen und Horst Reichel. Gut für Sebastian Kienle und Normann Stadler, die erwartungsgemäß mit Rückstand aufs Rad wechselten, diesen aber schnell aufholten. Auch Raelert bügelte seinen Fauxpas auf den ersten Radkilometern wieder aus – und so bildete sich bis Kilometer 30 eine zehnköpfige Spitzengruppe, in der sich alle Favoriten belauerten.

Die erste ernsthafte Attacke setzte Kienle, der in einer der kniffligen Abfahrten seine Ortskenntnis ausspielte und aus der Zehner- eine Fünfergruppe mit Chabaud, Stadler, Hellriegel und Raelert machte. Nach 55 Kilometern dann das Aus für Stadler: Ein Platten zwang den Vorjahressieger zur Aufgabe. Nach dem ersten Frust schien die Enttäuschung darüber nicht besonders groß: „Ich hätte um den Sieg heute sowieso nicht mitkämpfen können. Dafür kennt sich Kienle hier zu gut aus und Raelert hat einen unglaublichen Lauf.“

Vier Minuten auf 21,1 Kilometern

Treffend ausgedrückt, angesichts des weiteren Rennverlaufs: Bis zum zweiten Wechsel baute Kienle seinen Vorsprung aus, nur Chabaud, der Dritte der ITU-Langdistanz-Weltmeisterschaften, konnte einigermaßen mithalten und kassierte nur 41 Sekunden Rückstand. Als Dritter und Vierter wechselten Raelert und Hellriegel auf die abschließenden 21,1 Kilometer. Und das Tempo, mit dem Raelert auf die Laufstrecke stürmte, machte deutlich, dass die einträchtige Zusammenarbeit des ungleichen Duos nun ein Ende hatte. Musste sie auch, schließlich war Kienle da schon seit vier Minuten in Laufschuhen unterwegs – fast schon unwahrscheinlich, dass Raelert diesen Rückstand noch aufholen könnte.

Er konnte – denn er flog förmlich über die Strecke. Auch Kienle war nicht langsam unterwegs, er wusste, dass Raelert ihm im Nacken saß, dass er jederzeit mit einer Attacke rechnen musste. Diese Attacke kam spät, aber sie kam: Bei Kilometer 18 löste Raelert Kienle an der Spitze ab, drei Kilometer vor dem erlösenden Zielstrich, in den letzten zehn Minuten des Rennens. Nach 3:51:05 Stunden, fast vier Minuten schneller als Stadler im vergangenen Jahr, entschied Raelert sein erstes Challenge-Rennen für sich. Kienle, der nach dem Überholmanöver nur noch Platz zwei nach hinten sicherte, kam nach 3:52:49 Stunden zwei Minuten vor Chabaud ins Ziel. „Kienles Fans haben mich wirklich sehr fair angefeuert“, bedankte sich Raelert drei Wochen nach seinem Sieg beim Ironman 70.3 Mallorca bei den Zuschauern. Vierter wurde Cross-Spezialist Felix Schumann, Altmeister Hellriegel freute sich über Platz fünf.

Radikale Aufholjagd im Land der 1.000 Hügel

Die Niederländerin Yvonne van Vlerken kam in den Kraichgau, um „endlich ihren ersten Saisonsieg“ einzufahren. Geschafft hat sie das vor allem dank einer unerschrockenen Rad-Performance. Denn beim Schwimmen im Hardtsee musste die Wahl-Österreicherin zunächst einen Umweg in Kauf nehmen, so dass ihr die Britin Rachel Joyce, Belinda Harper aus Neuseeland und die Duathlon-Spezialistin Julia Gajer im Wasser und beim Wechsel auf die Radstrecke die Show stahlen.

Harper war schnell gestellt – zu ängstlich agierte die Agegroup-Weltmeisterin von Hawaii 2010 auf dem anspruchsvollen Kurs im „Land der 1.000 Hügel“.  Doch vorn bildete sich eine vielversprechende Zweckgemeinschaft aus Joyce und Gajer, die es van Vlerken mit ihren mehr als zwei Minuten Rückstand alles andere als leicht machte. „Radikal“ sei die Niederländerin über die Strecke geflogen, berichteten die Spotter für den Live-Ticker – so radikal, dass auch Joyce bald nur noch van Vlerkens Hinterrad sah. Als hartnäckiger erwies sich Gajer. Die 28-Jährige, die sich im vergangenen Jahr noch mit Platz zehn zufrieden geben musste, ließ sich von der fliegenden van Vlerken nicht so einfach überholen, sondern fuhr mit. Und zusammen baute das Führungsduo seinen Vorsprung auf Joyce und die inzwischen herangefahrere deutsche Meisterin Diana Riesler aus.

Riesler attackiert, Joyce und Gajer jagen van Vlerken

Bis zum zweiten Wechsel konnte sich Riesler sogar an Joyce und Wagner vorbeistehlen; vor allem Gajer hatte das harte Radfahren sichtlich Kraft gekostet. Mit 20 Sekunden Vorsprung vorn: van Vlerken, wild entschlossen, jetzt endlich wieder ein Rennen zu gewinnen. Rieslers Angriff auf die Führenden war mutig und einen Versuch wert – mehr aber auch nicht. Sie blieb auf der Strecke, als Gajer und Joyce gemeinsam noch einmal alle Kräfte mobilisierten, um van Vlerken an der Spitze zu stellen. Die Niederländerin hatte zwischendurch nur noch 45 Sekunden Vorsprung, konnte diesen dann aber bis ins Ziel doch noch etwas ausbauen. Gajer wurde hochverdient Zweite und nur 1:40 Minuten nach der Siegerin freute sich Joyce, die noch den Ironman Lanzarote vor zwei Wochen in den Beinen hat, über den dritten Platz.

Challenge Kraichgau, Frauen

  1. Juni 2011, Bad Schönborn

1,9 km Swim 90 km Bike 21,1 km Run Gesamt

1

Yvonne van Vlerken

NED

27:24

2:31:29

1:24:06

4:26:08

2

Julia Gajer

GER

25:29

2:34:00

1:24:50

4:27:10

3

Rachel Joyce

GBR

24:55

2:34:42

1:25:00

4:27:45

4

Diana Riesler

GER

28:55

2:30:09

1:26:40

4:28:48

5

Yvette Grice

GBR

26:22

2:43:44

1:26:32

4:39:53

6

Natascha Schmitt

GER

25:36

2:42:14

1:29:46

4:40:53

7

Jenny Schulz

GER

31:22

2:40:47

1:27:08

4:42:05

8

Annett Finger

GER

29:25

2:40:01

1:30:32

4:42:59

9

Jana Candrova

CZE

29:16

2:42:26

1:29:33

4:44:28

10

Asa Lundtröm

SWE

29:40

2:39:47

1:33:11

4:45:39

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Challenge Kraichgau, Männer

  1. Juni 2011, Bad Schönborn

1,9 km Swim 90 km Bike 21,1 km Run Gesamt

1

Andreas Raelert

GER

23:22

2:15:14

1:09:27

3:51:05

2

Sebastian Kienle

GER

25:36

2:09:43

1:15:00

3:52:49

3

Francois Chabaud

FRA

24:43

2:11:10

1:16:31

3:54:49

4

Felix Schumann

GER

23:42

2:18:55

1:17:18

4:02:26

5

Thomas Hellriegel

GER

23:27

2:15:33

1:21:47

4:03:28

6

Uwe Widmann

GER

23:25

2:19:20

1:19:00

4:04:12

7

Horst Reichel

GER

23:23

2:24:42

1:15:54

4:06:18

8

Jimmy Johnsen

DEN

23:34

2:24:14

1:17:33

4:07:52

9

Marc Dülsen

GER

25:31

2:20:59

1:09:25

4:08:20

10

Luke Dragstra

CAN

24:48

2:22:57

1:19:45

4:09:59

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