Timo Bracht: "Es ist wichtig, dass man Respekt hat"

Nach Roth ist Kopenhagen, nach Dänemark kommt Mallorca. Timo Bracht blickt nach Platz drei beim Ironman in Dänemarks Hauptstadt bereits voraus auf das nächste große Event. In fünf Wochen startet er auf den Balearen in sein drittes Langstreckenrennen binnen zehn Wochen.

Von > | 26. August 2014 | Aus: Szene

Timo Bracht

Foto > Frank Wechsel / spomedis

Fünf Wochen nach seinem herausragenden Sieg bei der Challenge Roth hat Timo Bracht seinen neunten Ironman-Titel beim KMD Ironman Copenhagen knapp verpasst. Das Resultat sprach zwar letztlich deutlich für den Dänen Henrik Hyldelund, der sich dank einer exzellenten Radleistung bereits frühzeitig ein großes Zeitpolster verschaffen konnte und in 8:03:39 gewann. Doch der 39 Jahre alte Deutsche war zwischenzeitlich gefühlt deutlich näher am Führenden dran, als es die Ergebnisliste auswies. Bracht fand lediglich im Marathon nicht den gewohnten Rhythmus und kam als Dritter wenige Sekunden hinter dem Spanier Clemente Alonso-McKernan ins Ziel. Nach dem Rennen blickte der Eberbacher zurück und voraus auf die kommenden Ziele.

Timo Bracht, wie haben Sie Ihre Premiere bei einem Ironman in Skandinavien erlebt?
Es ist ein ziemlich großes und durchgestyltes Rennen, sehr professionell organisiert. Wenn man von einem Rennen wie Roth hierherkommt, das aus puren Emotionen besteht und natürlich auch von einem riesigen Erfolg gekrönt war, dann ist es fast ein bisschen "business as usual". Trotzdem habe ich mich extrem auf das Rennen gefreut und hatte auch eine gute Vorbereitung. Es war ja auch von langer Hand geplant, hier zu starten. Es war ein Versuch, fünf Wochen nach dem Hauptwettkampf in Roth noch einen Ironman nachzuschieben. Bis nach dem Radfahren hat das auch gut geklappt.

Der Däne Henrik Hyldelund hatte im Rennen aufgrund seines Solos den Großteil der Aufmerksamkeit auf seiner Seite, aber dahinter war es auch nicht wirklich langsam?
Ich habe die gleiche Schwimm- und Radleistung gebracht wie in Roth, und ich war auch nicht am absoluten Limit. Nur beim Laufen habe ich sehr schnell gemerkt, dass die Beine nicht so wollen, wie ich es wollte, und ich auch keine mentalen Tricks mehr aus meinem Köcher holen konnte, um sie davon zu überzeugen, dass sie schneller rennen können. Dann bin ich nur noch auf Schadensbegrenzung aus gewesen. Das Ziel war es, den Ersten noch einzuholen, der als Athlet ja auch eher unbekannt ist – er hat aber eine abartige Radleistung gezeigt. Schlussendlich war ich aber froh, aufs Podium zu kommen. Dass es letztlich nur 40 Sekunden zu Alonso-McKernan waren, hat mich am Ende selbst überrascht. Es war sehr viel los auf der Strecke, und ich habe unterwegs relativ schlechte Informationen bekommen. Viele Dänen feuern einen zwar an, aber andere schauen eben auch auf ihr Smartphone, während der Wettkampf läuft. Durch das ganze Gewirr von Athleten auf der Laufstrecke habe ich gar nicht gesehen, dass der Clemente so knapp vor mir war.

Ärgert Sie der geringe Rückstand auf Platz zwei, wäre es noch drin gewesen, die Lücke zuzulaufen?
Wenn ich einen Kilometer früher gewusst hätte, wie eng es ist, hätte ich es bestimmt noch geschafft. Ich habe selbst aber auch schon viele Rennen gehabt, in denen ich kurz vor dem Ziel noch jemanden überholt habe. Insofern war das ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit. Für Clemente freut mich das Ergebnis sehr, wir kennen uns ja schon länger. Er hat eine harte Saison mit Verletzungen gehabt und hat es auch verdient. Entscheidend ist, auf dem Podium zu stehen, das ist wichtig. Ob man dann Zweiter oder Dritter ist, macht nicht den ganz großen Unterschied.

Wie schwierig war es für Sie, nach dem großen Rennen in Roth wieder ins Training einzusteigen und sich gerade emotional und mental nach diesem extremen Erlebnis neu zu motivieren?
Die ersten zwei, drei Wochen nach einer Langdistanz sind immer verdammt schwer. Ein normaler 12-Kilometer-Lauf kommt dir vor wie ein 30er. Man muss sich erst wieder an das ganze Training gewöhnen. Durch so einen Hauptwettkampf ist bei mir auch ein gesamter Prozess abgeschlossen, wie ein Kapitel. Das ist wie mit einem neuen Buch, das man anfängt zu lesen. Du hast gerade ein anderes Buch abgeschlossen und fragst dich, ob das nächste Buch überhaupt etwas für dich ist. So eine Phase endet aber auch wieder. Ich bin insgesamt gut reingekommen ins Training und habe auch ein paar coole Events gemacht, war mit X-Bionic in Hamburg Rad fahren, bei Rad am Ring aktiv und dann eine Woche später zum Radfahren in den Alpen; drei Tage lang Pässe und immer voll am Anschlag. Danach habe ich mich dann schon wieder auf jede einzelne Trainingseinheit gefreut, ich musste nicht ganz so hart trainieren und hatte auch gute Ergebnisse im Training. Das Fokussieren auf das Rennen hier in Kopenhagen, das hat schon gut funktioniert. Nur in den letzten ein, zwei Tagen habe ich erst so richtig gemerkt, dass da wieder ein Riesending bevorsteht.

Im Kopf läuft noch die Verarbeitung, während schon der nächste Startschuss wartet?
Zehn Minuten, bevor es losging in Kopenhagen, hatte ich fast schon ein bisschen Muffensausen. Ich wusste, dass ich jetzt acht Stunden Leiden vor mir habe, und ich habe das Leiden vom letzten Rennen noch gar nicht komplett verkraftet. Deshalb hatte ich extrem viel Respekt vor der Aufgabe. Es ist aber auch wichtig, dass man diesen Respekt hat, das zeigt einem, dass man Athlet ist, dass man die Aufgaben nicht nur einfach so mitnimmt. Das war sicher der Schlüssel zum Erfolg in Kopenhagen, dass ich vorher Respekt hatte, im Rennen dann aber Feuer und Flamme für den Wettkampf war. Ich habe beim Schwimmen gleich die Beine der drei Schnellsten gehalten und auf dem Rad ganz allein mein Tempo kontinuierlich hoch gehalten. Ich bin konstant zwischen 280 und 290 Watt gefahren, also noch mehr als in Roth. Nur beim Laufen macht eine 2:44 in Roth natürlich viel mehr Spaß und tut nicht so weh wie hier eine 2:54. Roth war genial, Roth hat mich aber auch unheimlich viel Kraft gekostet, gerade emotional. Ich war einfach total im Eimer nach dem Rennen. Die erste halbe Stunde nach dem Zieleinlauf war ich völlig fertig. Ich war, glaube ich, noch nie so kaputt nach einem Rennen, nicht nur physisch, es war ja auch eine unheimliche Freude dabei – da ist irgendwie das ganze System zusammengebrochen.

Sie haben im Vorfeld der Saison bewusst entschieden, in diesem Jahr auf Hawaii zu verzichten. Wäre es nach dem emotional und mental extrem auszehrenden Rennen in Roth überhaupt möglich, sich noch einmal voll zu fokussieren für Kona?
Ich denke schon. Ich habe ja auch schon oft bewiesen, dass es geht, auch wenn auf Hawaii nicht der ganz große Sieg herausgesprungen ist. Ich habe oft auf Hawaii meine Leistung abrufen können. Aber das 'Nein' zu Hawaii hat mir in meiner Vorbereitung auf Roth sehr viel geholfen. Ich habe voll darauf gesetzt, auch wenn ich gleichzeitig wusste, dass ein großer Druck da ist. Ich war vier Monate in Kalifornien und habe dort sehr viel allein trainiert, dazu kamen ein neuer Trainer fürs Radfahren und ein verändertes Radtraining. Es war natürlich ein hohes Risiko, voll auf Roth zu setzen, auch PR-mäßig. Wenn ich da Zweiter geworden wäre, wäre sehr schnell die Stimmung gewesen: Der Bracht, der ist jetzt zu alt, da geht nix mehr. Zwischen Platz eins, zwei und drei liegen ja nur ein paar Prozent. Der Verzicht auf Hawaii hat mir da sehr geholfen, weil ich wusste: ganz oder gar nicht, friss oder stirb.

Also nicht Hawaii verloren, sondern Roth gewonnen?
Ganz genau, so sehe ich das.

Wie geht es nun für Sie weiter in der Saison?
Im Gegensatz zu Roth, wo ich anschließend zwei, drei Wochen richtig Pause gemacht habe, sollte Kopenhagen auch eine Art Vorbereitung für den Ironman Mallorca am 27. September sein. Wenn es die Beine hergeben, möchte ich schnell wieder ins Training einsteigen. Wir haben nach dem Rennen zwei, drei Tage mit der Familie geplant, in denen wir durch Deutschland touren, da freuen wir uns sehr drauf. Es stehen auch noch einige Motivationsvorträge auf dem Plan, die ich seit einigen Jahren mache. Ansonsten hoffe ich darauf, dass ich den Sommer über gut trainieren kann. Mit gutem Training steht und fällt alles, man muss sehr genau auf den Körper hören. Ich freue mich schon sehr auf Mallorca, auch wenn ich mich während des Marathons in Kopenhagen mal kurz gefragt habe, ob ich das in fünf Wochen wirklich wieder machen möchte.   

Der anspruchsvolle Kurs des Ironman Mallorca sollte Ihnen eigentlich ziemlich gut liegen?
Schon, ich muss aber die entsprechende Form haben, vor allem beim Laufen. Das Laufen zeichnet mich aus, ein 2:54er Marathon wie in Kopenhagen, das ist für viele Athleten sicher ein Traum, und ich bin letzten Endes auch zufrieden, dass ich durchkam. Aber meinen Ansprüchen genügt das grundsätzlich nicht. Es zeigt am Ende, dass wir alle nur Menschen sind, auch wenn man im Hochleistungssport manchmal brutale Leistungen bringen kann.