Fabelzeit in Roth Wellington bricht den Rekord

Langstrecke | 12. Juli 2009
Ein geplatzter Hinterreifen kurz vor dem Start, viel Geschlage und Getrete beim Schwimmen: Chrissie Wellington hat sich von all dem nicht irritieren lassen und bei der Challenge Roth die Weltbestzeit deutlich unterboten.
Um 14 Minuten unterbot die Britin die im Vorjahr an gleicher Stelle aufgestellte Bestmarke der Niederländerin Yvonne van Vlerken (8:45:48 Stunden). Nur 19 Männer waren schneller als die 32-jährige zweifache Siegerin des Ironman Hawaii. Gerade einmal 36 Minuten mussten die Zuschauer am Festplatz in Roth nach dem Zieleinlauf von Michael Göhner auf die britische Ausnahmeathletin warten.

Trio auf kurzer Flucht

Sie sei zwar gut, aber nicht überragend in den Tag gestartet, sagte Wellington nach dem Rennen und meinte damit sicher nicht nur den geplatzen Hinterreifen, dessen Wechsel sie wenige Minuten vor dem Start noch einige Nerven gekostet haben dürfte. Auch mit ihrer Schwimmleistung war sie nicht ganz zufrieden. "Es wurde viel geschlagen und getreten", so Wellingtons Fazit zu den 3,8 Schwimmkilometern im Main-Donau-Kanal. Dennoch beendete sie die Auftaktdisziplin nach guten 50:28 Minuten, nur wenige Sekunden hinter der Australierin Rebekah Keat und etwa eineinhalb Minuten hinter einem Trio, dem neben der Neuseeländerin Gina Ferguson und Leanda Cave aus Schottland auch die Deutsche Anja Ippach angehörte. Unter dem Tempodiktat der zeimaligen Hawaiisiegerin machten sich Keat und Wellington auf die Verfolgung. Ippach und Ferguson schnappten sie sich schon nach 30 Kilometern - noch bevor es zum ersten Mal den Gredinger Berg hinaufging. Cave hatte dort noch etwas mehr als eine Minute Vorsprung, musste ihre Führung wenig später aber auch an Wellington abtreten. Danach entwickelte sich das Rennen zu der erwarteten One-Woman-Show - auf der Jagd nach einer neuen Weltbestzeit.

Wellington zerlegt das Feld

Den Solarer Berg stiefelte Wellington dann schon eine Minute vor Cave und fast vier vor Keat hinauf. Doch das war erst der Anfang der "Chrissie-Show": Auf den folgenden 50 Kilometern nahm die Britin das Feld ihrer Gegnerinnen komplett auseinander. Fast fünf Minuten lag sie bei der zweiten Durchfahrt am Gredinger Berg bereits vor der Australierin Belinda Granger, die sich nach ihrem Verkehrsunfall am Dienstag vor dem Rennen, vor allem auf der zweiten Radrunde überraschend stark präsentierte. Gemeinsam mit der Schottin Catriona Morrison hatte sich der Publikumsliebling in die erste Verfolgergruppe gearbeitet. Der Vorsprung Wellingtons wurde derweil immer größer. Fast zehn Minuten Vorsprung nahm das Energiebündel aus dem Südosten Englands mit auf ihre Lieblingsdisziplin. Doch im ersten Drittel des Marathons litt die sonst immer fröhlich lächelnde 32-Jährige sichtlich. Mehr als zwei Minuten büßte sie allein auf den ersten 15 Kilometern gegenüber Keat und Morrison ein. Auch das Verfolgerduo lief da schon am Limit und dürfte sich bei noch immer acht Minuten Rückstand kaum mehr Hoffnungen auf den Sieg gemacht haben.

Kleine Schwäche groß gemeistert

Als nach zehn Kilometern die Beine "ein wenig" zu schmerzen begannen, habe sie den Kopf ausgeschaltet, beschrieb Wellington nach dem Rennen ihre kurze physische Schwächephase. Doch schon als sie wenig später an der Lände in Hilpoltstein die Halbmarathonmarke passierte, war von einem möglichen Einbruch nichts zu erkennen. Im Gegenteil: Spätestens am zweiten Wendepunkt, bei Kilometer 30 in Eichelburg, war klar, dass die Weltbestzeit von Yvonne van Vlerken nicht nur wackelte, sondern tatsächlich zu stürzen drohte. "Ich habe erst dort wirklich an meinen Sieg geglaubt", behauptete Wellington in den Interviews nach dem Rennen. Der Rückweg entlang des Kanals und durch den Rother Stadtwald geriet dann zum Triumphlauf, an dessen Ende eine Siegzeit stand, von der man vor zwei Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. 8:31:59 Sekunden zeigte die Uhr in der Arena am Rother Festplatz. "Ich bin überwältigt und unglaublich glücklich", jubelte die seit heute schnellste Langdistanztriathletin der Welt. Auch Challenge-Kraichgau-Siegerin Keat, die in dem unglaublichen Rennen in 8:39:24 Stunden Zweite wurde, konnte ihr Glück kaum fassen: "Ich musste meinen Jubel ein wenig abkürzen, weil ich erst auf der Zielgerade gemerkt habe, dass ich noch unter 8:40 Stunden bleiben kann." Die mehrfache Duathlon-Weltmeisterin Catriona Morrison komplettierte bei ihrem ersten Triathlon über die Langdistanz das Sub-9-Podium der Frauen. Selbst die Viertplatzierte Ungarin Erika Csomor blieb noch unter dieser Marke. Der Deutsche Meistertitel ging etwas überraschend an die Koblenzerin Katja Rabe, die den Marathon in starken 3:12 Stunden lief und damit die schnellste eines deutschen Quartetts war, das in der Endabrechnung auf die Plätze sieben (Rabe), acht (Nicole Best), neun (Anja Ippach) und zehn (Christine Waitz) kam.
Challenge Roth
12. Juli 2009, Roth
3,8 km Swim180 km Bike42,2 km RunGesamt
1Chrissie WellingtonGBR50:284:40:282:57:328:31:59
2Rebekah KeatAUS50:214:50:102:55:288:39:24
3Catriona MorrisonGBR51:464:48:553:03:578:48:11
4Erika CsomorHUN53:164:54:373:08:298:59:42
5Belinda GrangerAUS51:484:48:263:28:149:12:12
6Jessica JacobsUSA1:02:275:06:563:11:009:25:24
7Katja RabeGER53:155:16:453:12:519:25:43
8Nicole BestGER55:545:14:043:18:109:31:02
9Anja IppachGER48:545:12:073:32:589:37:08
10Christine WaitzGER56:005:13:583:29:289:42:21