Start für die 1,9 Kilometer: Erst 2011 wurde die Schwimmstrecke vom Schiersteiner Hafen zum Raunheimer Waldsee verlegt

Sina Horsthemke / spomedis

Ironman 70.3 Germany
Bilder 1/1

Ironman 70.3 Germany Wer wird Europameister?

Langstrecke | 9. August 2012
Am Wochenende wird es in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden einen neuen 70.3-Europameister geben. Nach der krankheitsbedingten Absage von Vorjahressieger Andreas Böcherer sind Michael Raelert und Filip Ospaly die Topfavoriten.
Für seine Konkurrenten müssen die letzten Twitter-News von Andreas Böcherer fast wie eine Drohung geklungen haben: „Olala – what a run! Boom!“, zwitscherte es zehn Tage vor der Europameisterschaft aus dem Schwarzwald in Richtung Hessen. Wenige Tage später eine Meldung über die letzte harte Radeinheit: „Last day hammering my bike. Finally restarting my 2012 season. I LOVE RACING!“ Das ließ nur einen Schluss zu: Böcherer ist heiß auf seine zweite Saisonhälfte. Nun hat ihm allerdings ein fiebriger Infekt einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Ich war so richtig bereit anzugreifen, aber die Ärzte haben mir strikt von einem Start abgeraten", schreibt der Freiburger enttäuscht. Den geplanten Start beim Ironman-Rennen im schwedischen Kalmar nächste Woche will er sich offenhalten - je nach Krankheitsverlauf.
Der heißeste Favorit auf den EM-Titel in Wiesbaden heißt nun Michael Raelert. Der hat das Rennen schon 2010 gewonnen und war damals fast fünf Minuten schneller als Böcherer im Jahr darauf. Der Zweite des Ironman Regensburg braucht noch Punkte im Kona Pro Ranking – ein Sieg bei der 70.3-Europameisterschaft käme ihm da gerade recht. Nichts als den Sieg wird sich auch Filip Ospaly vorgenommen haben: Der Tscheche war im vergangenen Jahr hinter Böcherer Zweiter geworden, nachdem er mit 1:13:51 Stunden die mit Abstand schnellste Laufzeit in den Kurpark gebrannt hatte. Steigt er am Sonntag mit Tuchfühlung zu Raelert vom Rad, ist ihm auf den abschließenden vier Runden des Halbmarathons alles zuzutrauen.

Attacken aus Belgien, Frankreich und Italien

Ebenfalls zu beachten: der Belgier Bart Aernouts, der in diesem Jahr schon den Ironman 70.3 in seiner Heimat Antwerpen gewann und über dieselbe Distanz in Rapperswil (SUI) hinter Michael Raelert Zweiter wurde, Stephane Poulat aus Frankreich und der Italiener Alessandro Degasperi. Unberechenbar ist dagegen der Russe Ivan Vasiliev. Hat er sich vom olympischen Rennen in London gut erholt – das ist binnen fünf Tagen möglich – könnte er das Feld ordentlich aufmischen und selbst den großen Favoriten ein Schnippchen schlagen. Ebenfalls direkt aus London reist Kris Gemmell, der Lebenspartner der deutschen Olympionikin Anja Dittmer, nach Wiesbaden. Viele Jahre Erfahrung werfen Thomas Hellriegel und Uwe Widmann in den Ring; Hellriegel schaffte es im vergangenen Jahr immerhin noch unter die Top-Ten. Ob Jungprofi Boris Stein mit den Altmeistern mithalten kann? Zuzutrauen wäre es ihm, zumal ihm sein Sieg bei den Deutschen Meisterschaften über die Mitteldistanz im Immenstadt zusätzliches Selbstbewusstsein gegeben haben dürfte.

Chancen für die deutschen Frauen?

Im Rennen der Frauen wird der Weg zum Sieg nicht an Jodie Swallow vorbeiführen. Die 70.3-Weltmeisterin von 2010 trifft zwar nicht auf Vorjahressiegerin Karin Thürig, dafür aber auf die Zweite des vergangenen Jahres: Eva Wutti aus Österreich, die das Karriereende der Schweizerin nutzen will, um aus der Silber- eine Goldmedaille zu machen. 2011 hatte sich die heute 23-Jährige auf den 90 schweren Kilometern durch den Taunus fast unbemerkt nach vorn gearbeitet, um dann beim Laufen zuzuschlagen. Eines ihrer Opfer war damals Anja Beranek, die deshalb mit dem Rennen in Wiesbaden und der schnellen Österreicherin noch eine Rechnung offen hat. Mit der Zweitplatzierten des Ironman Germany in Frankfurt ist schon beim Schwimmen im Raunheimer Waldsee zu rechnen: Im vergangenen Jahr hatte sie als Erste aller Profifrauen das Ufer erreicht. Eine ihrer großen Herausfordererinnen und Mitfavoritin auf den EM-Titel: Julia Gajer, die Senkrechtstarterin und Dritte der Challenge Roth 2012.
Gute Chancen auf eine vordere Platzierung haben auch die Belgierin Tine Deckers, die in diesem Jahr bereits den Ironman France in Nizza gewann, und Delphine Pelletier aus Frankreich, Dritte der Challenge Kraichgau. Aus deutscher Sicht außerdem interessant: Meike Krebs aus Frankfurt, Daniela Sämmler, die in diesem Jahr beim CityTriathlon Heilbronn Zweite wurde, die mehrfache Deutsche Duathlon-Meisterin Jenny Schulz und, als Dark Horse, Eva Böhrer. Das Rennen mitbestimmen  wollen zwei „alte Hasen“ der Langdistanzszene: Die mehrfache Ironman-Siegerin Gina Crawford aus Neuseeland und Natascha Badmann aus der Schweiz – sechsfache Siegerin des Ironman Hawaii und im vergangenen Jahr starke Dritte.
Wenige Minuten nach den Profis werden am Sonntagmorgen auch knapp 3.000 Agegrouper auf die 113 Kilometer vom Raunheimer Waldsee in den Kurpark geschickt. 50 davon können sich für die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Henderson (Las Vegas) qualifizieren. tri-mag.de ist in Wiesbaden vor Ort und berichtet in Wort und Bild sowie auf triathlonTV.