„Windschattenfahren ist kein Kavaliersdelikt!“

Wer mit Drafting ein Problem habe, solle ihren Rennen lieber fernbleiben – mit dieser Aussage sorgte Ironman-Europachef Thomas Dieckhoff während einer Pressekonferenz vor dem Ironman Hawaii für Gesprächsstoff. Wir haben noch einmal nachgefragt.

Von > | 28. Oktober 2014 | Aus: SZENE

Michael Dieckhoff

Foto >ironman.com

„Windschattenfahren ist kein Kavaliersdelikt!“

Thomas Dieckhoff, Sie sagten bei einer Pressekonferenz im Rahmen des Ironman Hawaii, dass Triathleten, die ein Problem mit Windschattenfahren hätten, einigen Ironman-Rennen lieber fernbleiben sollten. Heißt das, Sie nehmen Windschattenfahren als Teil des Wettkampfs in Kauf?

Das Zitat wurde meiner Meinung nach aus dem Zusammenhang gerissen. Ich hatte aufgezeigt, dass wir uns wie jedes Jahr auch 2015 um Dinge kümmern werden, bei denen wir Verbesserungspotenzial sehen. In diesem Zusammenhang hatte ich auch Vorschläge genannt, die sich positiv auf die Verhinderung von Windschattenfahren auswirken werden. Und ich hatte erwähnt, dass es trotz allem immer Rennen geben wird, die anfälliger für Windschattenfahren sind als andere. Dafür wollte ich die Athleten sensibilisieren. Wenn es 800 Meter nach dem Start einen Anstieg gibt, ist das dort geringer ausgeprägt als bei flachen Rennen wie in Barcelona oder Florida. Das heißt nicht, dass wir nicht auch dort die Problematik bearbeiten werden. Aber es wird dort immer ein höheres Restrisiko geben.

Wir haben den Eindruck, das Thema wird immer dringlicher.

Ja, das sehen wir genauso. Die Rennen sind ausgebucht, heute wie vor fünf Jahren. Allerdings hat sich die Leistungsdichte geändert. Das ist für alle Veranstalter eine Herausforderung.

Wurde das statistisch erfasst?

Wir schauen uns genau an, wie viele Personen in Fünf-Minuten-Abständen durch die Wechselzone gehen. Und es kommen immer mehr Teilnehmer zwischen 55 und 65 Minuten aus dem Wasser. Als Maßnahme begannen wir daher vor zwei Jahren in Frankfurt und Klagenfurt Wellenstarts einzuführen.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Die gewonnenen Erfahrungen setzen wir zurzeit um. Deswegen haben wir auch in Kona dieses Jahr eine andere Startvariante mit vier Startfeldern gewählt. Aber jedes Rennen ist anders, jedes hat eine andere Ausgangssituation. In Kona zum Beispiel haben wir bezüglich der Dauer des Rennens keinerlei Beschränkungen. Bei anderen Rennen ist das schwieriger. Und es gibt sicher bei manchen Rennen Möglichkeiten, mittels Streckenänderungen die Situation zu verbessern. Auch das werden wir im Einzelfall angehen.

Wie sieht Ihr weiteres Vorgehen denn konkret aus?

Erstens: Regeln. Wir stehen in sehr engem Austausch mit der ITU, um zu einer globalen Lösung zu kommen. Und wir arbeiten mit den nationalen Verbänden (DTU) und deren Schiedsrichtern. Zunächst einmal sollten die Regeln überall identisch sein. Und die Schiedsrichter müssen entsprechend geschult werden. Wir machen uns auch Gedanken darüber, die Strafen zu verändern. Bisher konnten Athleten trotz Zeitstrafe noch gewinnen. Ist das so richtig? Strafen müssen spürbar sein, und ich hätte kein Problem damit, auf eine Acht-Minuten-Zeitstrafe zu erhöhen.

Zweitens: die Um- und Durchsetzung von Regeln. Manche Schiedsrichter greifen manchmal noch nicht mit der nötigen Härte durch. Es soll eigentlich keine Vorwarnungen in Bezug auf Windschattenfahren geben. Die Strafen werden unmittelbar ausgesprochen. Das fällt manchen Schiedsrichtern aus ganz menschlischen Gründen schwer.  Dennoch werden bereits jetzt viele Strafen ausgesprochen. Allein in Barcelona gab es 266 Zeitstrafen auf der Radstrecke – und das bei ungefähr 2.200 Teilnehmern.  

Drittens: Erwartungen. Man muss den Athleten klipp und klar sagen: Windschattenfahren ist Betrug und kein Kavaliersdelikt. Und wer beim Betrügen erwischt wird, bekommt eine Strafe. Es ist schon erstaunlich wie selten wir Athleten erleben, die sagen „Ja, ich bin zurecht wegen Windschattenfahrens bestraft worden.“ Es ist dann immer die Strecke schuld oder der Schiedsrichter. Was ich bei meiner eigenen Teilnahme auf Rügen erlebt habe, deutet auf ein anderes Problem hin.

Welches denn?

Vielleicht hat das mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun: Auf der einen Seite haben wir eine höhere Leistungsdichte, und die Leute werden immer besser und ehrgeiziger. Auf der anderen Seite tendiert unsere Gesellschaft immer häufiger dazu, „nachzuhelfen“ oder Regeln zu mißachten. Wir müssen ganz klar kommunizieren, wie wir zu Leuten stehen, die betrügen.

Es gibt Menschen, die ihr Leben komplett auf das eine Ziel ausrichten, einmal auf Hawaii zu starten. Denen ist vielleicht auch jedes Mittel recht.

Klar, aber das ist ein individuelles Thema. Als Veranstalter kann ich nur versuchen, darauf einzugehen, indem ich Rahmenbedingungen schaffe, um Windschattenfahren zu bekämpfen. Ansonsten muss man Betrügern den Spiegel vorhalten. Es gibt Limits. So funktioniert unsere Gesellschaft und Sport ist Teil unserer Gesellschaft.