2011 schaffte Craig Alexander als erster Profi das Double aus Ironman- und Ironman-70.3-Weltmeisterschaft.

Jens Richter / spomedis

Craig Alexander
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Ironman 70.3 World Championship Wüsten-Gipfel mit Raelert und Alexander

Langstrecke | 6. September 2012
Ein Aperitif soll bekanntermaßen Lust auf den Hauptgang machen. Die siebte Auflage der Ironman 70.3 World Championship am Wochenende ist so etwas wie eine Vorspeise - ein Appetizer für den großen Showdown am 13. Oktober auf Big Island. Alle vier bisherigen 70.3-Weltmeister stehen bei den Männern am Start. Wer verdaut den Kraftakt in der Wüste am besten? Und wer verschluckt sich an seinen hochkarätigen Konkurrenten?
Es ist zweifellos das beste Starterfeld in der Geschichte der Ironman-70.3-WM, das sich am Sonntag (Start 15.30 Uhr MESZ) vor den Toren von Las Vegas um einen der wichtigsten und prestigeträchtigsten Titel der Saison streitet. Alle vier bisherigen Weltmeister sind beim Gipfeltreffen der 70.3-Szene dabei - und auch bei den Frauen sind zumindest zwei am Start, die den Titel über die halbe Ironmandistanz schon einmal gewinnen konnten. Selten waren die Rennen so offen wie in diesem Jahr - zumal sich einige der Stars in den vergangenen Monaten sehr rar gemacht haben und damit nicht nur für die Beobachter, sondern vor allem auch für ihre Gegner extrem schwer auszurechnen sind. Allen voran Craig Alexander.

Raelert vs. Alexander: "Heiß, aber nervös"

Mit einer zwei Siegen startete der Australier in das Unternehmen Titelverteidigung. Wie schon in den vergangenen Jahren zog Alexander die fokussierte Vorbereitung auf Las Vegas und Kona allzu weiten und stressigen Wettkampfreisen vor und hielt sich den Großteil der Saison zum Trainieren in Boulder (Colorado) auf. Nach seinem Heim-Ironman in Melbourne im März ließ er sich noch beim 70.3 Eagleman Mitte Juni blicken - und gewann auch dort. Beim Ironman 70.3 Racine allerdings erwischte Alexander einen rabenschwarzen Tag und wurde mit über 15 Minuten Rückstand auf Sieger Marko Albert (EST) Neunter. Das macht ihn umso schwerer auszurechnen.
Eine etwas andere Taktik wählte Alexanders vermeintlich härtester Konkurrent Michael Raelert. Der Rostocker setzte wie in den vergangenen Jahren mehr auf Wettkampfhärte. Nach einem etwas missglückten Auftakt in Texas läuft der Motor des 30-Jährigen seit dem Ironman 70.3 auf Mallorca rund. Drei Siege sammelte er auf dem Weg nach Henderson, nur bei seinem Pflicht-Ironman in Regensburg musste sich Raelert dem Luxemburger Dirk Bockel geschlagen geben. In Las Vegas kommt es nun zum ersten Kräftemessen mit Craig Alexander. "Ich bin gespannt und heiß auf das Rennen, aber auch ziemlich nervös", ließ er seine Fans vor wenigen Tagen wissen. Doch wenn er den Australier schlagen und den Titel zurück nach Deutschland holen will, muss er alles zeigen - das weiß der Weltmeister von 2009 und 2010. Eine überragende Laufzeit von 71 Minuten brannte der damals bereits 38-jährige Alexander 2011 in den Asphalt der Kleinstadt Henderson vor den Toren von Las Vegas. Und nach seiner sparsamen Saison zweifelt eigentlich  kaum jemand daran, dass er das auch dieses Mal wieder schaffen kann.

Kienle und sein Kämpferherz

Und noch ein Deutscher möchte am Sonntag im Konzert der Großen mitmischen: Sebastian Kienle. Auch für den Zweiten des Ironman Germany ist die 70.3-WM eine Zwischenstation auf dem Weg nach Hawaii. Dennoch erwartet der schlagfertige Mann aus Knittlingen in Henderson seine ganz persönlichen "Laktatfestspiele". Er wird den beiden Topfavoriten einen großen Kampf liefern, so viel steht fest. Kienle misst sich mit den Besten - sicher nicht der falsche Weg, wenn man sie eines Tages auch bezwingen will. Dass es in diesem Jahr reichen kann, sich auf der nur bei Wind ausreichend selektiven Radstrecke einen Vorsprung auf die übermächtigen Läufer zu erarbeiten, scheint - auch beim Blick auf die weiteren Konkurrenten - eher unwahrscheinlich.

Starkes Quartett: Potts, O'Donnell, Ospalý - und Al-Sultan

Denn mit Andy Potts hat nicht nur der 70.3-Weltmeister von 2007, sondern auch der weltbeste Schwimmer unter den Ironman.Profis seinen Start in Henderson angekündigt. Der US-Amerikaner glänzt in diesem Jahr mit einer blütenweiße Weste. Saisonübergreifend bringt es der 35-Jährige auf unglaubliche zwölf Siege in Serie. Auch die Saisonbilanz von Landsmann Tim O'Donnell, 2010 schon einmal Dritter bei den 70.3-Weltmeisterschaften, kann sich sehen lassen: Nach seinem wertvollen Sieg beim Ironman 70.3 Texas sicherte sich der Lebenspartner von Mirinda Carfrae beim Ironman Coeur d'Alene das Ticket für Hawaii. Auch er zeigte sich 2012 nur selten auf der Wettkampfbühne und dürfte die Substanz für einen schnellen Halbmarathon haben. Genau wie Filip Ospalý, der nach vier Siegen in Folge bei der Ironman-70.3-EM in Wiesbaden einen mäßigen Tag erwischte und nur Sechster wurde. Zumindest einen WM-Titel - wenn auch über die Ironmandistanz - hat Faris Al-Sultan dem Tschechen und auch O'Donnell voraus. Zwar feierte der Münchner auch über die halbe Strecke schon einige Erfolge - gegen Spezialisten wie Raelert dürfte er in Henderson an einem normalen Tag aber kaum eine Chance haben.

Kanadisches Duo gegen zwei Champions

Mindestens genauso offen wie bei den Männern ist der Ausgang des Frauenrennens. Mit Melissa Hauschildt (2011 siegte sie unter ihrem Mädchennamen Rollison, Anm. d. Red.) und Mirinda Carfrae stehen immerhin zwei der sechs bisherigen Weltmeisterinnen auf der 70.3-Distanz am Start. Beide allerdings kamen 2012 noch nicht richtig in Schwung. Carfrae gewann lediglich den Eagleman 70.3, Hausschildt wartet sogar noch auf ihren ersten Saisonsieg. Die große Herausfordererin des Duos ist Angela Naeth aus Kanada. Die überraschte schon im März mit ihrem zweiten Platz beim Abu Dhabi Triathlon und sammelte später noch Siege bei den 70.3-Rennen in Panama und St. Croix. Naeth fehlt aber möglicherweise etwas WM-Erfahrung. Die hat ihre Landsfrau Magali Tisseyre, die bei den beiden letzten Austragungen in Clearwater (2009 und 2010) jeweils aufs Podium lief. Das hat auch Leanda Cave schon geschafft. Die Britin wurde 2010 beim Sieg von Jodie Stimpson Zweite, dürfte das schwere Rennen im Westen der USA aber wie Carfrae eher als Formtest für die Ironman-WM in fünf Wochen nutzen. Als letzte im Bunde rechnet sich Cowgirl Linsey Corbin Chancen auf einen Podiumsplatz aus. Die US-Amerikanerin geht immerhin mit der Empfehlung des Siegs beim Ironman Austria in Klagenfurt an den Start. Mit Außenseiterchancen geht die Siegerin des Ironman 70.3 Mallorca, Emma-Kate-Lidbury, ins Rennen.
Die deutsche Fahne hält Julia Gajer in Nevada in den Wind. Für die 30-jährige Challenge-Kraichgau-Siegerin ist es der erste Profiwettkampf außerhalb Europas. Dennoch muss sie sich nach dem eindrucksvollen Sieg in St. Pölten und ihrem dritten Platz bei den 70.3-Europameisterschaften in Wiesbaden nicht vor großen Namen wie Hausschildt und Carfrae verstecken.

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