ITU-Wahlen Bittere Niederlage für Europa

Szene | 30. November 2008
Auch wenn die International Triathlon Union (ITU) mit Marisol Casado aus Spanien eine Europäerin als Präsidentin hat, ist der Einfluss des alten Kontinents mit der Neuwahl von Madrid gesunken. Die Schuld tragen die Europäer dabei größtenteils selbst.
Sportlich gesehen geben die Europäer im internationalen Triathlonsport derzeit den Ton an: Vanessa Fernandes (Portugal) und Javier Gomez (Spanien) sind die dominierenden Einzelathleten bei vielen internationalen Rennen, von den letzten sechs Elite-Weltmeistern kommen fünf aus Europa, 60 Prozent der Teilnehmer und fast die Häfte der Medaillengewinner bei den drei Olympischen Spielen stammt vom europäischen Kontinent. Doch so stark die Übermacht auf den Wettkampfstrecken derzeit auch ist: Sportpolitisch mussten die Europäer beim diesjährigen ITU-Kongress eine herbe Niederlage einstecken.

Drei Europäerinnen in der Führungsetage

Mit Präsidentin Marisol Casado (Spanien), Vizepräsidentin Dr. Sarah Springman (Großbritannien) und Excutive-Board-Mitglied Ria Damgren Larsson schafften es die 41 europäischen Nationalverbände, gerade einmal drei der insgesamt 14 Führungsposten der International Triathlon Union zu besetzen. Starke Triathlonnationen wie Frankreich, Deutschland oder auch die Schweiz sind gar nicht vertreten.
Ganz besonders hart trifft es den deutschsprachigen Triathlonsport, der sich auf dem Tiefpunkt seiner internationalen politischen Einflussnahme befindet: Unter den 14 Mitgliedern der ITU-Exekutive und den 24 Gewählten in den verschiedenen Kommissionen befindet sich mit dem Saarbrückener Dr. Lothar Schwarz, der bei sieben Kandidaten für sieben Plätze kampflos ins Medical Committee eingezogen ist, ein einziger Vertreter der Länder Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg. In vielen Gremien stellten sich überhaupt keine Kandidaten aus den deutschsprachigen Ländern zur Wahl, in anderen scheiterten diese: Sowohl der Luxemburger Eugene Kraus als auch der neu gewählte Präsident des Rheinland-Pfälzischen Triatlonverbands Helmut Menger verloren trotz hoher Anerkennung ihrer bisherigen Arbeit ihren Sitz in der wichtigen Technischen Kommission, die für die Erarbeitung und Durchsetzung des Regelwerks und Wettkampfbetriebs zuständig ist.

Hochmut vor dem Fall

Dabei hatte alles ganz anders kommen sollen, hatte sich doch ein Deutscher schon auf dem Präsidententhron gesehen: Nach der erfolgreichen Triathlon-WM 2007 in Hamburg hatte der damalige DTU-Präsident Dr. Klaus Müller-Ott in verschiedenen Kreisen sein Interesse an einer Nachfolge des ITU-Präsidenten Les McDonald bekundet. Doch der in Deutschland im Nachhinein gelegentlich als Kronprinz verklärte Norddeutsche galt international wohl eher als Sonnenkönig und hätte gegen die wesentlich einflussreichere Spanierin Casado und andere zum damaligen Zeitpunkt gehandelte Kandidaten wohl kaum eine Chance gehabt.
Zur Kandidatur kam es jedoch erst gar nicht, nachdem die Landesverbände der Deutschen Triathlon Union im Februar die Notbremse wegen der vielen Alleingänge Müller-Otts gezogen hatten. Insider behaupten, in den Plänen für die von Müller-Ott geplante neue DTU-Geschäftsstelle in Hamburg, an denen der Streit mit den Landesverbänden entbrannte, sei sogar ein Büro für den ITU-Präsidenten vorgesehen gewesen.
Die wenigen Nominierungen aufgrund der Querelen in der Deutschen Triathlon Union, der lange offenen Präsidentenfrage in der Schweiz und der Konzentration auf eigene (Doping-)Problematiken in Österreich ist jedoch nur ein Teil der Ursache dafür, dass die Europäer bei dieser Wahl weitgehend leer ausgingen.

Europa steht vor einem Neuanfang

Die weitaus wichtigere Faktor, der auch kurzfristig noch abwendbar gewesen wäre, war ein Kommunikationsmangel unter den europäischen Verbänden. Vor allem die Amerikaner und die Asiaten waren sich einig, ihre Stimmen bestmöglich einzusetzen und strategisch auf ihre Kandidaten zu verteilen. Die Europäer hingegen agierten wie ein politischer Flickenteppich und wählten ohne Absprachen drauflos - mit der Quittung, in der erst nach den Olympischen Spielen 2012 endenden neuen Legislaturperiode in weiten Teilen nur Zuschauer zu sein.
Thematisiert wurde die Problematik gleich am Sonntagmorgen, als sich die Vertreter der europäischen Verbände zu einem Meinungsaustausch trafen und Schadensanalyse betrieben. Auf europäischer Ebene wird am ersten Juliwochenende im Rahmen der Europameisterschaften im niederländischen Holten gewählt. Die bisherige Präsidentin der European Triathlon Union, Marisol Casado, wird nach ihrem Aufstieg zur ITU-Präsidentin nicht mehr kandidieren. Schon im Frühjahr wollen sich die Vertreter der größten europäischen Triathlonverbände treffen, um eine gemeinsame Strategie für die Zukunft festzulegen - mit dem Ziel, beim nächsten ITU-Wahlkongress im Herbst 2012 wieder auf die sportpolitische Weltbühne zurückzukehren.
Schlimmer als die Europäer hat es nur noch die Afrikaner erwischt: Der Kontinent mit den meisten Ländern konnte keine einzige der 38 gewählten Positionen in der International Triathlon Union bekleiden. Ein schwacher Trost.