Bleiente mit hohen Zielen

An irgendeinem Samstagmorgen im Winter 2014 um 7 Uhr morgens: Normalerweise sollte ich bereits im Wasser sein. Denn wie jeden Samstag ist Schwimmtraining. Doch ich liege noch im Bett und frage mich, ob ich wirklich aufstehen sollte? Schließlich ist es draußen noch dunkel und ja, ich glaube, da war gerade eine Schneeflocke. Wahrscheinlich ist es glatt auf den Straßen. Außerdem bin ich diese Woche schon sechs Kilometer geschwommen. Also bloß nichts überstürzen.

Von > | 13. Januar 2015 | Aus: Szene

Fabian Rahn | Fabian Rahn

Fabian Rahn

Foto > Privat

Vielleicht schüttelt ihr jetzt gerade den Kopf und denkt: 'Der Typ hat sie doch nicht mehr alle'. Oder: 'Was für eine schwache Einstellung.' Aber vielleicht erkennen sich einige von Euch darin auch wieder. Fakt ist auf jeden Fall, dass es so war. Und wahr ist auch, dass ich fast immer liegen geblieben bin oder gerade noch so „pünktlich“ ins Training gegangen bin, dass es noch für 2.000 Meter reichte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dabei sehr selten. Viel schlimmer waren die Gedanken, wenn der Wecker klingelte und ich mir hunderte Male den Kopf darüber zerbrach, ob ich nun aufstehen soll oder nicht. So etwas zehrt an den Nerven und ist nicht wirklich leistungsfördernd.

Aber warum war das in den vergangenen Monaten oder Jahren so? Ich denke ein Grund war die Angst vor dem Versagen. Ich habe es jahrelang in Kauf genommen, schlecht zu schwimmen, nur damit ich nicht ständig zum Schwimmtraining musste. Ich konnte es nicht ertragen, immer hinterher zu keuchen und kaum einen Fortschritt zu sehen. Hinzu kam, dass ich ständig müde vom Rad- und Lauftraining beim Schwimmtraining aufkreuzte und so natürlich noch mehr zu kämpfen hatte. Nach spätestens drei Kilometern war meist Schluss. Natürlich hatte ich tagsüber schon Kräfte verschlissen, aber es allein darauf zu reduzieren, wäre viel zu einfach. Mein größtes Problem war definitiv der Kopf. Ein Schwimmtraining lief in etwa so ab (meine negativen Gedanken, welche ich bereits vor dem Training hatte, möchte ich mal außen vor lassen, jedoch „zerstörten“ sie mich bereits zu 50 Prozent, bevor das Training überhaupt angefangen hatte): Einschwimmen. Ging noch so gerade. Beim Techniktraining muss ich aber auf jeden Fall dabei bleiben, "Okay, gib Gas", machte ich mir Mut. Geschafft! 4 x 50 Meter Steigerungen. "Reiß dich zusammen, danach ist ein Drittel des Schwimmtrainings bereits geschafft." (Anmerkung: auch wenn 4,5 Kilometer auf dem Plan standen). "Boah, ist das hart, aber ehrlich gesagt war das am Ende kein Vollgas, Fabian. Egal, hast ja auch schon kräftig in der Kälte gestrampelt heute". "Puuh … der letzte 50er ist auch geschafft. Endlich!" "Mal schauen was jetzt kommt. Was? 4 x 100 Meter Lagen und danach 10 Mal 100 Meter Kraul?! Das schaffe ich nie!" Und genau so kam es dann auch immer. Im Normalfall bin ich dann in etwa 3 x 100 Meter Lagen und 7 x 100 Meter Kraul geschwommen und danach ausgeschwommen. Ich war mit mir im Reinen und freute mich auf die Sauna.

Das liest sich für viele wahrscheinlich sehr lustig, aber für mich war es teilweise die Hölle auf Erden. Ich hatte stets hohe Ziele und scheiterte jedes Mal an mir selbst. Ich hoffte immer auf ein Wunder und meinen Neoprenanzug von Sailfish, auf den ich mich auch immer verlassen konnte. Denn anders kann ich mir, bei solch einem Schwimmtraining, nicht erklären, wie ich binnen 1,9 Kilometern nur fünf Minuten auf die Spitze verloren habe. Allerdings bekam ich die Quittung immer und immer wieder auf dem Rad. Ich war durch bevor das Rennen richtig losging. Bei meinem letzten Wettkampf Mitte Oktober 2014 bei der Mitteldistanz-EM in Paguera, belegte ich den undankbaren 11. Platz. Mit mehr als acht Minuten Rückstand (ohne Neo) entstieg ich den Fluten. Zwar kam ich durch die zweitbeste Radzeit noch weit nach vorn, aber ich war es danach endgültig satt. Ich hatte keinen Bock mehr und genoss eine vierwöchige Auszeit ohne Sport.

Als ich Mitte November zurückkam, nahm ich meinen 3-Säulen-Plan in Angriff: Technik, Kopf und Körper. Für die Technik habe ich mit meinem jetzigen Schwimmtrainer Erik einen Plan erarbeitet, der vorsieht, dass bis Ende Februar das Schwimmen über allem steht. Seitdem schwimme ich sechs Einheiten pro Woche und an zwei Tagen sogar zweimal. Um den Kopf kümmert sich Wolfgang, mein Mentaltrainer aus Österreich, damit genau solche Situationen, wie ich sie eben beschrieben habe, nicht mehr vorkommen. Und damit auch der Körper mitspielt, kümmert sich Axel nach der Liebscher&Bracht-Methode um mich. Die macht aus einem steifen und unbeweglichen Triathleten vielleicht keinen Schlangenmensch, aber ich merke schon jetzt die enormen Fortschritte in meiner Beweglichkeit. Unglaublich, kann ich nur sagen! Diese drei Säulen sind seither der Schlüssel zum Erfolg und ich bin mir sicher, dass dies erst der Anfang ist. In diesem Zusammenhang gab es auch zwei Schlüsseleinheiten im Wasser, die mich nun so viel schwimmen lassen und mir das schmerzlich vermisste Selbstvertrauen gegeben haben. Die erste Erfahrung war, dass ich Anfang Dezember das erste Mal mehr als vier Kilometer geschwommen bin. Erkenntnis: Wow, ich kann das ja doch! Und die zweite war, dass ich kurz vor Weihnachten morgens 4,5 und abends nochmals 3 Kilometer geschwommen bin und gerade diese zweite Einheit lief unglaublich gut. Dieses Glücksgefühl, endlich über meinen Schatten gesprungen zu sein, war unglaublich befreiend und seither gibt es einfach keine Zweifel mehr.

Neben den deutlichen Verbesserungen meiner Schwimmzeiten, fühle ich mich zum ersten Mal als jemand, der wirklich drei Sportarten betreibt. Seither ist für mich der Triathlonsport wirklich eine Passion geworden, in der ich mich pudelwohl fühle.

Auf, dass ein jeder von Euch seine Passion im Leben findet und sich diese bewahrt.

Bis bald,
Euer Fabian