Till Schenk bloggt Der "10-Stunden"-Profi

Szene | 28. Mai 2013
Spätestens wenn es für mich an die Rennvorbereitung geht und ich die Profistartlisten aufarbeite, überkommen mich immer wieder die folgenden Fragen: Welche Voraussetzungen muss man als Triathlonprofi erfüllen, warum entschliesst sich ein Profi dazu Profi zu werden. Und: Sollte ich vielleicht auch eine Proflizenz ziehen?
Zuletzt war es wieder soweit - bei der Vorbereitung für den Ironman Lanzarote. Ein ums andere mal scheiterte ich daran, in der hintersten Ecke meines Gehirns herauszufinden, weshalb ich von so vielen Profis auf der Startliste noch nie gehört haben. Beim Blick auf die athleteneigenen Hochglanz-Webseiten schrie es mich unter der Rubrik "Erfolge" dann förmlich an. Akkumulierte fünf Altersklassensiege, die durch das Verstecken des Alterklassenzusatz in Klammern, noch ein wenig aufgehübscht wurden. "1. Ironman Lanzarote (AK)" stand da zum Beispiel. Stolz werden Langdistanzbestzeiten zwischen 10:01 und 10:36 Stunden angepriesen. Damit ist man immerhin nur etwa zwei bis zweieinhalb Stunden langsamer als Sebastian Kienle bei seinem Langdistanzdebüt und landet gerade noch unter den ersten 300 der Gesamtwertung. Ein Phänomen, dass bei fast allen größeren Triathlonrennen zu sehen ist. Versteht mich nicht falsch, ihr habt meinen Respekt, ich würde das nicht schaffen. ABER WIESO PROFI? Nur weil Mutti sagt, dass ihr die Besten seid, muss das nicht immer stimmen.
Gründe dafür gibt es viele. Bei zwei Ironmanrennen im Jahr ist es günstiger eine Profilizenz zu ziehen, als die Startgelder für den Alterklassenstart zu bezahlen. Wo Profi drauf steht, muss auch Profi drin sein, scheinen viele Firmen noch immer zu denken und lassen sich bei der Sponsoringvergabe gern von der glänzenden Webseite und dem Profilabel blenden. Es scheint also auch gleichzeitig eine geeignete Sparmaßnahme auf der Suche nach Material zu sein. Vielleicht ist es auch das eigene Ego, das ab und zu aufpoliert werden muss. Wer kann schon von sich behaupten im Rennprogramm auf einer Seite mit den späteren Siegern und Athleten, die den Titel ihrer Leistung verdanken, zu stehen. Triathlonprofi ist schon eine ziemlich coole Berufsbezeichnung.
Manchmal bekomme ich beim Blick auf das Profifeld den Eindruck, dass Triathlon das neue BWL- oder Jurastudium ist. Während es früher noch die klassischen "Ich weiss nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll"-Studiengänge waren, wird man heute einfach erstmal Triathlonprofi. Frei nach dem Motto: ich habe keine Ahnung, was ich machen soll, aber als Profi habe ich ja eine Rechtfertigung dafür, weshalb ich mich neben dem Training um nichts anderes kümmern kann. Und weil mehr als zwei oder drei Langdistanzrennen in der Saison auf dem eigenen Höchstniveau nicht drin sind, kann man als "10-Stunden"-Profi damit schonmal drei oder vier Jahre ins Land ziehen lassen, bevort einem die Ausreden für ein weiteres vergurktes Rennen ausgehen.

Die Top5-Ausreden, die jeder Triathlonprofi beherrschen sollte
1. Der Magen
Variante 1: "Da muss was im Wasser gewesen sein - die Wasserqualität beim Schwimmen war sowas von schlecht."

Variante 2: "Ich habe auf der Radstrecke meine Radflasche fallen lassen, und mit dem Zeug, dass im Rennen ausgeschenkt wird, bin ich einfach nicht klar gekommen".

2. Die Konkurrenz

Variante 1: "Wahnsinn, wie die da vorn alle gedraftet haben. Das war ja wie ein Teamzeitfahren. Da habe ich mich entschlossen, einfach mein Rennen zu machen, auch wenn ich damit weiter hinten lande."

Variante 2: "Da stimmt doch was nicht. Der kann überhaupt nicht so schnell laufen und dann fehlen dem auch noch 2 Splitzeiten da draußen."

3. Das Mitleid

Variante 1: "Ich verstehe das einfach nicht. Ich habe alles im Training richtig gemacht und eigentlich war ich so geil drauf, aber irgendwie war da einfach kein Druck."

Variante 2: Siehe Variante 1 - nur als Endlosschleife.

4. Der technische Defekt

Variante 1: "Mir ist da so ein Depp direkt nach der Wechselzone von hinten ins Rad gefahren und ich hab erst nach 160 Kilometern gemerkt, dass dadurch die Bremse die ganze Zeit geschliffen hat."

Variante 2: "Ich hatte plötzlich totale Probleme mit der Schaltung und bin einfach nicht mehr aufs kleine Ritzel gekommen. Da war mit Druck nichts mehr auf der Radstrecke."

5. Der Schnupfen

Variante 1: "Das gibts einfach nicht, ich war sowas von super drauf und dann habe ich mir schön im Flieger eine Erkältung geholt. Sch... Airconditioning."
Variante 2: "Der Sohn von meinem Bruder hatte letzte Woche den totalen Schnupfen und ich habe noch versucht mich zu wehren, aber hier war dann zwei Tage vor dem Rennen Schluss. Eigentlich hätte ich gar nicht starten sollen." (Mein Tipp an dieser Stelle: Dann starte nicht!)
Mein bisheriges Highlight war der Profi, der direkt nach seinem Abbruch auf der Rennstrecke zu mir in den Zielbereich spaziert kam, um mich zu bitten, seine "Ausrede"', die er später auf Facebook veröffentlichen würde, mit ein paar positiven Worten zu unterstützen. Offenbar weil ihm bewusst war, dass seine Ausreden mittlerweile argwöhnisch betrachten wurden.

Wenigstens geil aussehen

Am Triathleten allein liegt es aber nicht. Das System fordert den Lizenzmissbrauch ja förmlich heraus. Auf der Langdistanz scheint es auszureichen, wenn man in der Lage ist, ein Formular auszufüllen und 750 Euro Taschengeld zusammengespart hat. Ach ja, einen Aerohelm sollte man besitzen. Das ist zwar keine Pflichtvoraussetzung, aber da halte ich es mit meinem alten Golflehrer. "Wenn es für ganz oben nicht reicht, versuch wenigstens geil auszusehen".
Ein klarer Fehler im System, der dringend mal überarbeitet werden sollte. Was ist es denn wert Profi zu sein, wenn man dafür keine besonderen sportlichen Vorraussetzungen mit sich bringen muss?  Klar gibt es auch andere Sportarten, in denen man sich einfach Profi nennen kann, dafür gibt es dort dann aber Richtlinien, die dafür sorgen, dass der Begriff Profi nicht ins Lächerliche gezogen wird. z.B. im Tennis. Da kann man sich noch soviel Profi nennen, wer in der Rangliste nicht weit genug oben steht, wird Du nie auf der ATP-Tour spielen. Soviel Respekt sollte das System in meinen Augen einfach für jeden Profi schaffen, der tatsächliches Talent mit täglicher harter Arbeit kombiniert und sich jahrelang dafür abrackert ganz oben zu stehen.

Als Agegrouper glücklicher?

Liebe "10-Stunden"-Profis! Nehmt es mir nicht übel, auf einer Langdistanz eine Zielzeit von zehn Stunden zu erreichen, ist harte Arbeit. Keine Frage. Auch ihr trainiert viel und Eure Leistungen sind zweifelsohne überdurchschnittlich, aber bei einem Ironman die fünftschnellste Radzeit fahren, reicht einfach nicht. Um den Titel Profi zu verdienen, muss man leider in allen drei Disziplinen ganz vorn dabei sein können. Denkt mal darüber nach. Vielleicht ist es doch besser als Agegrouper an den Start zu gehen. Die scheinen in der Regel sehr viel glücklicher im Ziel zu sein, können sich auch über 10-Stunden-Zeiten freuen, da sie niemandem gegenüber verpflichtet sind und sich zudem nicht auch noch angesprochen fühlen, wenn sie den Blog hier lesen. :-)
Meine Frage also an Athleten da draußen: Was ist Euer Vorschlag, um den Profiwahn ein bisschen einzuschränken? Mein Vorschlag: Das Konzept des Erdinger Teams übernehmen. Wer richtig was drauf hat, kommt ins Profiteam, wer richtig Talent hat, aber noch etwas an der Endschnelligkeit arbeiten muss, kommt ins Perspektivteam. Das wäre doch schön bei Rennen. 1. Startwelle – Profis. 2. Startwelle – Perspektivprofis- 3. Startwelle – Agegrouper! Naja, und wenn Du es dann nach ein paar Jahren nicht geschafft hast als Perspektivprofi zu überzeugen, dann wird es vielleicht doch Zeit Jura zu studieren.
So, ich muss dann mal los. Schnell eine Profilizenz ziehen. Klingt doch eh viel besser. Till Schenk - Moderator und Provinzprofi! Auf meiner Webseite dann die neue Rubrik "Erfolge": U13-Tischtennis-Vereinsmeister in Birk, Bezirksmeister Geräte Sechskampf, AK-Sieger Lauf 6 der Winter-Crosslaufserie. Ach ja und ganz wichtig: Muttis Liebling!
In diesem Sinne - Rock 'n' Roll und denkt dran: Triathlon mach Spass!
Eurer Till