London 2012 - Warten auf die olympische Eröffnungsformel

Frank Wechsel / spomedis

London 2012, Tower Bridge
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London vor der Eröffnungsfeier Der Funke muss noch überspringen

Szene | 27. Juli 2012
Von 7.12 bis 7.15 Uhr erklang am Freitagmorgen die berühmte Glocke des Big Ben in London. Unzählige Türme, Tür- und sogar Fahrradglocken - so der Plan des britischen Künstlers und Klingel-Konzert-Intiators Martin Creed - sollten einstimmen. Vielleicht lässt sich die Olympiastimmung ja herbeiläuten, auf die viele Briten am Tag der Eröffnungsfeier noch warten.
Ein eindeutiges Wort für "Vorfreude" gibt es im Englischen nicht. "Anticipation" vielleicht, "Erwartung" - und bei besonders freudigen Anlässen darf man auch das Adjektiv "pleasant" voranstellen, also "pleasant anticipation". Dieses royale Gefühl "freudiger Erwartung" kennen die Briten gut: Die Wochen vor dem 60-jährigen Thronjubiläum von Queen Elizabeth der Zweiten waren voll von "pleasant anticipation". Doch ausgerechnet vor dem heute Abend beginnenden größten Sportfest der Welt will sich dieses Gefühl noch nicht so richtig in London breitmachen, jedenfalls nicht vorbehaltlos. Man weiß, die kommenden 16 Tage werden zu einer gewaltigen Bewährungsprobe - und die ganze Welt schaut dabei zu.

Drohkulisse dämpft die Euphorie

Rund 18.000 Soldaten und mehrere Tausend private Sicherheitskräfte, patrouillierende Kamerawagen, Helikopter, Scharfschützen, sogar Luftabwehrraketen sind in der englischen Hauptstadt postiert, um ihre Bewohner und die mehr als zehn Millionen erwarteten Besucher vor Angriffen von Terroristen zu schützen. Londons U-Bahn-Netz, das älteste der Welt, soll neben den ohnehin schon 2,7 Millionen Fahrgästen täglich eine weitere Million aus der Stadt Richtung Olympiapark und zurück transportieren - und fährt schon jetzt streckenweise nur im Schrittempo. Die Taxifahrer drohen mit Streiks, weil sie die für hohe olympische Gäste reservierten Fahrspuren nicht nutzen dürfen und die Grenzbeamten am größten Londoner Flughafen Heathrow konnten erst in letzter Minute von einem Streik abgebracht werden. Nein, "pleasant anticipation" ist auch wenige Stunden vor der offiziellen Eröffnungsformel aus dem Mund ihrer 86-jährigen Monarchin längst nicht für alle Briten das tragende Gefühl. "Möglicherweise", meinte vor wenigen Tagen Londons Bürgermeister Boris Johnson, "gehen wir als Nation und als Stadt gerade durch diese vor dem Heben des Vorhangs notwendige Depression, bevor am Freitag die große Aufregung beginnt."

Werbung in eigener Sache

Neun Milliarden Pfund hat sich das wirtschaftlich gebeutelte Großbritannien seit dem Zuschlag des Internationalen Olympischen Komittees am 6. Juli 2005 die 30. Olympischen Spiele der Neuzeit kosten lassen - die dritten übrigens in London. Der gigantische Olympiapark verwandelte ein 2,5 Quadratkilometer großes Brachland im Osten der Stadt in einen hochmodernen Sportkomplex mit Stadion, Schwimmsport-Zentrum und Radrennbahn, Wasserball-, Hockey- und Basketball-Arena und einer gigantischen Multifunktionshalle (Copper Box). Innovative Architektur und modernste Technologien sollen hier und an anderen Sportstätten im Land mit Ästhetik, ökologischer Verträglichkeit und Funktionalität punkten. "Die Spiele werden der Welt zeigen, wozu wir wirklich fähig sind", sagte jetzt Großbritanniens Olympia-Geschäftsführer Jeremy Hunt. Für seine Gastgeber ist Olympia vor allem eins: eine gigantische Werbeveranstaltung in eigener Sache. Auch in diese Rolle müssen sich viele Briten offenbar in den kommenden Tagen noch hineinfinden.

Die Briten verstehen sich eigentlich aufs Feiern

Vielleicht kann ja der Vorrundensieg der britischen Fußballdamen gegen Neuseeland dazu beitragen, dass der sportliche Funke bei den Gastgebern bald überspringt. Mehr als 16.000 Sportler aus über 200 Nationen werden bis zum 12. August in 302 Wettbewerben um  Gold, Silber und Bronze kämpfen - oder mindestens darum, möglichst lange dabeizusein. Ihn endlich zu leben, ihren ganz eigenen olympischen Traum. Und seien die Zimmer im olympischen Dorf noch so eng und laut, wie manche bereits klagen. "Die Sportler aller Nationen hocken da doch ganz schön eng aufeinander", berichtet etwa Schwimmtrainer Frank Embacher, dessen Schützling Paul Biedermann schon am Samstag im Vorlauf über 400 Meter Freistil ran muss. Auch Biedermanns Lebensgefährtin Britta Steffen ist dann bereits in der 4x100-Meter-Freistilstaffel gefordert. Unwahrscheinlich, dass sich beide heute am späten Abend noch bei der Eröffnungsfeier in die deutsche Mannschaft einreihen, die von einer nun fünfmaligen Olympiateilnehmerin, der Hockey-Nationalspielerin Natascha Keller, ins Stadion geführt wird.
Auch die deutsche Triathlon-Nationalmannschaft wird bei dem feierlichen, 34 Millionen Euro teuren Auftakt der Olympischen Sommerspiele 2012 fehlen, den über 60.000 Zuschauer im neuen Londoner Olympiastadion, darunter 120 Staatsoberhäupter, und mehrere Hundert Millionen Fernsehzuschauer weltweit am Bildschirm erleben werden. Und so werden sie auch den Auftritt ihres Kollegen, des viermaligen Olympiateilnehmers und zweifachen Medaillengewinners Simon Whitfield, verpassen, der als Fahnenträger die kanadische Delegation ins Stadion führen wird. Nach dem gelungenen Formtest am vergangenen Wochenende in Hamburg hat sich das Team von Sportdirektor Wolfgang Thiel an den 35 Kilometer östlich von Berlin liegenden Olympiastützpunkt Kienbaum zurückgezogen, um sich noch einmal zu konzentrieren und den Feinschliff zu holen für die Rennen am 4. (Damen, Start um 9.00 Uhr Ortszeit) und 7. August (Herren, 11.30 Uhr).
Vor allem die Männer zeigen sich angriffslustig, die von vielen herbeigeredete Hierarchie "Brownlee, nochmal Brownlee, Gomez und dann die anderen" wollen sie nicht akzeptieren. "Es gibt viele Vorhersagen, aber nur die wenigsten werden eintreffen", glaubt etwa Titelverteidiger Jan Frodeno. Die olympischen Triathlonrennen, so viel ist jedenfalls sicher, werden auch für die Gastgeber eins der Highlights dieser Spiele. Spätestens dann werden Hundertausende Fans im und um den Hydepark zeigen, dass sie ausgelassen feiern können. Vielleicht mehr als jede andere Nation in Europa.

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