Startverbot und lange Strafen Dopingdiskussion: "Das Recht nicht aus den Augen verlieren"

Szene | 18. Juni 2013
Seit Wochen kochen die Emotionen in der Szene hoch. Dass des Dopings überführte Triathleten wie Lisa Hütthaler nach ihrer Sperre wieder bei Wettkämpfen starten, schmeckt vielen Konkurrenten, aber auch Agegroupern nicht. Im Interview mit tri-mag.de bringt Rechtsanwalt Dr. Sebastian Longrée Licht ins juristische Dunkel und die Diskussion um Startverbote und längere Sperren für Dopingsünder.
Herr Dr. Longrée, darf ein privater Rennveranstalter wie die World Triathlon Corporation (WTC) oder die TEAMChallenge einem Profi-Triathleten, der eine Dopingsperre abgesessen hat, den Start bei einem seiner Rennen verbieten?
Im Grundsatz gilt für beide, wie für alle anderen privaten Veranstalter, die sogenannte Privatautonomie. Sie können sich grundsätzlich also aussuchen, mit wem sie einen Vertrag schließen und wer bei ihren Rennen startet.
Ohne Einschränkung?
So kann man das wohl nicht sagen. Es können Bindungen an das nationale und internationale Regelwerk bestehen. Die Deutsche Triathlon Union erkennt das Regelwerk der International Triathlon Union (ITU, Triathlon-Weltverband, Anm. d. Red.) an und setzt es durch. Dazu gehört auf internationaler Ebene auch der WADA-Code, dem national der NADA-Code entspricht. WTC und Challenge binden sich bei Rennen, die im Bereich der DTU stattfinden, an dieses Regelwerk und haben sich demnach auch dem NADA- beziehungsweise WADA-Code unterworfen. Soweit mir bekannt ist, haben sowohl WTC als auch Challenge den Code ausdrücklich anerkannt. Dieser enthält keine Regelung, die in zeitlicher Hinsicht eine Sanktionierung über die derzeit bei einem Doping-Erstverstoß vorgesehene Regel-Sperre von zwei Jahren vorsieht. Nach Ablauf dieser – oder einer im Einzelfall verkürzten oder verlängerten Sperre ist der Athlet also unter denselben Bedingungen wieder startberechtigt, wie jeder andere Sportler auch.
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Der Triathlet und mehrfache Hawaii-Finisher Dr. Sebastian Longrée (Ironman-Bestzeit: 8:56 Stunden) promovierte über Schadensersatzansprüche von Sportlern nach einer (rechtswidrigen) Dopingsperre. Longrée ist Rechtsanwalt und Partner der Essener Kanzlei Kümmerlein Rechtsanwälte & Notare. Dort berät u.a. Sportler sowie Unternehmen und Verbände aus dem Bereich des Sports.
Trotzdem fordert einige Athleten die Veranstalter auf, des Dopings überführte Athleten von ihren Rennen auszuschließen, weil sie nicht zusammen mit ihnen starten möchten. Können Veranstalter solche Wünsche überhaupt erfüllen?
Ich fände es aus Sicht eines Veranstalters zumindest widersprüchlich zu sagen, dass das nationale beziehungsweise internationale Regelwerk gilt, aber in diesem Punkt ein eigenes aufgestellt wird. Darin läge dann wohl auch ein Verstoß gegen den NADA- beziehungsweise WADA-Code. Als Beispiel ein relativ aktueller und ähnlicher Fall: Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat vor einiger Zeit einen lebenslangen Olympiaausschluss durch das britische Olympische Komitee für unwirksam erklärt (Osaka-Regel). Begründung: Der WADA-Code in seiner derzeitigen Fassung sieht das nicht vor.
Wie schätzen Sie die Erfolgschancen eines „unerwünschten“ Profis ein, der sich sein Startrecht vor einem Gericht erstreiten möchte?
Ich denke, dass er durchaus Aussichten auf Erfolg hat, wenn er alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt. Wenn also insbesondere eine etwaige Sperre abgelaufen ist und nicht etwa – im Wiederholungsfall – eine lebenslange Sperre ausgesprochen wurde. Der Profi könnte sich zum einen auf vertragliche aber wohl auch auf wettbewerbs- und kartellrechtliche Anspruchsgrundlagen berufen. Im Wesentlichen dürfte es bei einem Streit zwischen Veranstalter und Athlet auf eine sogenannte Billigkeitsabwägung hinauslaufen. Man darf annehmen, dass der Ausschluss eines nach dem anerkannten Regelwerk gesperrten Sportlers „billig“, also gerechtfertigt, und das Startverbot für einen ungesperrten und damit auch „nicht mehr“ gesperrten Athleten „unbillig“, also unangemessen, sein dürfte. Um sein Startrecht durchzusetzen, könnte der betroffene Athlet in Deutschland vor einem staatlichen Gericht im Eilrechtsschutz eine einstweilige Verfügung erwirken. Dennoch sind die Erfolgschancen immer eine Frage des Einzelfalls.
Der WADA-Code sieht bei einem Erstverstoß derzeit eine Sperre von zwei Jahren mit der Option einer Verkürzung oder Verlängerung vor. Derzeit wird diskutiert, diese Sperre auf vier Jahre zu erhöhen. Halten Sie das für durchsetzbar?
Eine Dopingsperre bedeutet für Profis grundsätzlich ein zeitlich befristetes Berufsausübungsverbot. Dieses muss insbesondere verhältnismäßig sein. Nach Rechtsprechung deutscher Gerichte ist die Sanktion von vier Jahren oder gar einer lebenslange Sperre für einen Erstverstoß davon nicht mehr gedeckt. Nach deutschem Recht dürfte eine Vierjahressperre damit angreifbar und im Streitfall schwierig durchzusetzen sein. Maßstab hierfür ist auch Artikel 12 im Grundgesetz, nach dem jedem Deutschen das Grundrecht zusteht, seinen Beruf frei zu wählen und auszuüben. Dieses Grundrecht strahlt auch auf privatrechtliche Beziehungen aus.
Gerade in sozialen Netzwerken wurde und wird in den vergangenen Wochen heftig über das Thema diskutiert. Erleben wir hier eine moralische und emotionale Diskussion, deren Forderungen juristisch schlicht nicht haltbar sind?
Sport ist immer mit Emotionen verbunden, was ganz wichtig ist. Es steht auch jedem frei, seine eigenen moralischen Ansprüche für sich zu definieren. Allerdings darf man dabei nicht das Recht aus den Augen verlieren. Startverbote für nicht gesperrte Athleten und lebenslange Regel-Sperren sind damit nach meiner juritischen Bewertung nicht in Einklang zu bringen.
Inwiefern würde sich die juristische Sachlage ändern, würde Dopingbetrug als Straftatbestand im Gesetz verankert?
Bei der Frage der Startberechtigung dürfte das keine Rolle spielen. Sollte es einmal einen eigenen Doping-Straftatbestand geben – über dessen Eignung und Erforderlichkeit zur Dopingbekämpfung weiter Streit besteht – dürfte dafür weiterhin das sportliche Regelwerk, also der WADA- beziehungsweise NADA-Code, maßgeblich sein.