Matthias Epping Glatte Männerhaut.

Szene | 25. Februar 2013
Das erste Trainingslager, der erste Wettkampf oder die ersten Sonnenstrahlen. Zu einem dieser drei Termine kommen sie jedes Jahr spätestens wieder runter: Die Beinhaare. Nach dem letzten Wettkampf sprießen sie bei mir dann auch wieder so schnell, wie sie im Frühjahr verschwunden sind. Im Winter geht's also auch mal mit, aber warum geht's im Sommer nur ohne? Eine kritische Betrachtung.

Das Schönheitsideal.

Ein Argument, das man kaum gelten lassen kann. Ist eine glatte Beinhaut bei den Damen der Schöpfung zwar schon ein lang verbreitetes Schönheitsideal, so lassen sich doch die wenigsten von rasierten Männerbeinen zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Als ich mir in Klasse 9 das erste Mal für die Duathlon-DM in Viernheim die Beine rasierte, log ich meine Freunde an, ich hätte eine Wette verloren. Dennoch war ich im Sportunterricht das Gespött der ganzen Klasse.
Fragt man allerdings die meisten Triathleten, so finden sie rasierte Beine ästhetisch.
Aber kann man als neutraler Beobachter einer Spezies glauben, die weiße, leicht durchsichtige Spandex-Klamotten ins Feld führt? Die bis vor knapp zehn Jahren einen, eigens für diese Randgruppe entwickelten, "Männerbikini" trug? Und die Aerozipfelmützen und bunte Sonnenbrillen für den letzten Schrei hält? Wohl kaum!
Es müssen also technische Argumente her:

Die Aerodynamik.

Diesen Punkt brauche ich eigentlich gar nicht ausführen, denn jeder weiß doch, dass Triathleten beim Wort "Aero" taub für rationale Argumentation werden und schon mal drei bis vier Monatsgehälter für einige hundert Gramm Plastik aufbrauchen. Daher werde ich hier wohl kaum dagegen schreiben können. Wer lieber Geld zum Fenster rauswirft und für Keramiklager oder den neusten GPS-Schnick-Schnack blecht, anstatt in eine Sitzpositionsanalyse oder noch besser in ein Trainingslager zu investieren, der wird auch nicht einsehen, warum er die 0,98443 Watt verschenken sollte, die er mit Beinrasur (bei günstigen Anströmwinkel) möglicherweise gewinnen kann.

Die Massage.

Ok, die Hände gleiten wirklichen angenehmer über die Haut und es kommt zu weniger Hautirritationen. Aber wie entschuldigt der Triathlet von Welt die meist aus Bequemlichkeit vernachlässigte Oberhaut des Gluteus Maximus (Hinterteil)? Und überhaupt: wie viele können sich finanziell und zeitlich Massagen leisten?

Das Schwimmen.

An sich eine gute Idee. Ein präziseres Wassergefühl, sowie verbesserte Gleiteigenschaften sind sogar wissenschaftlich bewiesen, und der Wissenschaft räumt der Triathlet gern viel Vertrauen ein. Zumindest, so lange der Test das unterstreicht, was er eh schon weiß, oder besser: Was er glaubt. Blöd nur, dass kein Triathlet beim Schwimmen um Zehntelsekunden kämpft und die schönen Haxen auch noch bei weiteren zwei Drittel der Rennen entweder vom Neo und/oder Compression Calf Guards, Half Socks oder wie die Dinger auch immer heißen, bedeckt werden.

Die Wundheilung.

Naja. Verbände wachsen nicht ganz so schnell ein. Wenn die Tapete aber erstmal ab ist und man keine Seite mehr hat, auf der man schlafen kann, dann ist das wohl nur der sprichwörtliche Tropfen auf die heiße Carbonfelge. Ich habe das dumpfe Gefühl, dieses Argument wird generell nur genannt, um vor den Kollegen zu unterstreichen, was für ein unglaublich harter Hund man ist.
Also: Warum machen wir es nun? Wir wollen uns abgrenzen. Abgrenzen von den Schönwettersportlern und Hobbyathleten. Denn wir müssen es allen zeigen: Wir sind die Geilsten! Zumindest glauben wir das meistens.
Die Senioren, die mich mit meinen glänzenden Waden, dem Finishershirt sowie Kompressions-Flip-Flops und Visor am Hotelbuffet letztens etwas irritiert beäugt haben, sahen das glaube ich anders.
Euer Matthias