Matthias Epping bloggt Herz statt Herzfrequenz

Szene | 5. Dezember 2013
Was macht eine Einheit zu einer erfolgreichen Einheit? Manchmal habe ich den Eindruck, es ist für viele entweder Training Stress Score (TSS), normalisierte Leistung (NP) oder wenigstens die Herzfrequenz. Ich möchte hier ein Plädoyer dafür halten, eine Einheit öfter mal in Blut, Schweiß und Tränen - oder einfach in Spaß zu messen.
Die Möglichkeiten, sein Training wissenschaftlich zu erfassen und auszuwerten, sind dank moderner Technik heute günstig (in Relation zu sonstigen Ausgaben des Triathleten von Welt im 21. Jahrhundert) und bequem. Aber nur, weil man es kann, ist es doch keine Pflicht! Auf Hawaii sah ich einen Athleten mit dem T-Shirt-Aufdruck: “If you see me collapse, please pause my GPS (Markenname).” Dieser Spruch war hoffentlich ironisch gemeint, denn ich finde, Athleten sollten sich manchmal mehr auf das Kollabieren konzentrieren als auf das Spielzeug am Handgelenk.
Auf Sprintdistanzen habe ich schon ambitionierte Athleten gesehen, die beim Start eine gute Ausgangsposition verspielten, weil sie noch ihre Uhr starten mussten. Hallo? Sprintdistanz heißt: Vollgas von der ersten Kraulbewegung im Gesicht eines Konkurrenten bis zum Krabbeln über die Ziellinie. Was will ich da pacen oder auswerten? Das Rennen war gut, wenn man mir im Ziel auf die Beine helfen muss.

Hoch soll er gehen!

Aber nicht nur in Wettkämpfen, sondern auch im Training kann die Technikversessenheit negative Blüten treiben. Dazu eine Anekdote aus dem eigenen Trainingsalltag:
Vor einigen Jahren weckte mich im Trainingslager mein Zimmerkollege aus dem Mittagsschlaf. Wir hatten Entlastungstag und wollten „nen Stündchen locker laufen gehen“. Kaum die paar Meter vom Hotel zur Promenade zurückgelegt, zog mein Zimmerkollege erbarmungslos das Tempo hoch. Da ich mich von meinem kurzen Mittagsschlaf noch ziemlich müde und gerädert fühlte, widersprach ich nicht gleich, denn ich wähnte meinen Sinn fürs Lauftempo getrübt. Erst als wir nach 30 Minuten umdrehten, gab ich zu bedenken, dass wir sehr weit gekommen waren in dieser Zeit. Nach einer Stunde zurück im Hotel hatten wir über 15 Kilometer zurückgelegt, wie eine nachträgliche Kartenauswertung belegte. Der Grund für das Tempo, das höchstens für Haile Gebrselassie ein lockeres Läufchen bedeuten würde, war, dass mein Kollege mit einem Auge immer auf die Uhr schielte und darauf wartete, dass sein Puls endlich die entsprechende Zone erreichte. Von einigen Trainingstagen bereits merklich angekratzt, dachte sein Körper aber gar nicht daran, richtig hochzufahren. Und so befahl die Uhr, gnadenlos das Tempo zu steigern, während sein Körper eigentlich um Gnade winselte.

Draufhauen und zurückhalten

Ein anderes Beispiel, wo ein Athlet sich trotz korrekter Anwendung sämtlicher Technik verzettelte, beschrieb Profiathlet Philip Graves, der wegen seiner Hau-Drauf-Renngestaltung einen gewissen Kultstatus innehat, kürzlich in einem englischen Triathlonmagazin. Graves hatte über Jahre die Entwicklung eines befreundeten Athleten verfolgt. Dieser hatte hauptsächlich nach der „lang und locker"-Strategie trainiert und dabei genau darauf geachtet, seine Werte zu treffen und zu halten. Nach mehreren Erfolgen im Agegroup-Bereich, wechselte er ins Profilager. Seine Leistungsfähigkeit war auf Top-Niveau, dennoch fiel der Umstieg schwer. Besonders in unrhythmischen Rennen distanzierten ihn die Konkurrenten immer wieder deutlich. Das Problem des von Graves beschriebenen Athleten war, dass er sich und seinen Körper nicht an diese neue Art Rennen zu bestreiten gewöhnt hatte. Je näher man der Spitze kommt, desto eher muss man in der Lage sein Attacken mitzugehen, sich in ruhigeren Phasen zu erholen - und man muss seinen Körper genau kennen. Eindrucksvoll war dies bei Sebastian Kienle auf Hawaii zu beobachten. Statt mit Starykowicz und McKenzie gegen Ende der Radstrecke mitzugehen, hielt er sich zurück, obwohl die Beine es wohl hergegeben hätten. Eine Schlüsselsituation, in der er den Podiumsrang gewonnen hat.

Gefühl statt GPS

Wenn man spielerische Elemente oder Training nach Lust und Laune, das auch mal zu hart sein kann, nicht zulässt, kann dieser Schritt zu vermeintlich „klügerem“ Training also sogar nach hinten losgehen, wie bei Graves' Kollegen gesehen. Das Körpergefühl spielt dabei eine große Rolle: Den Tag herauszufinden, an dem man sich mal mehr zumuten sollte und genauso, den Tag zu erkennen an dem man vielleicht etwas kürzer tritt. Dabei hilft die Elektronik, die letzte Entscheidung sollten aber immer Herz und Hirn haben.
Natürlich darf man es nicht übertreiben, denn die Erkenntnisse der Trainingswissenschaft haben ihre Berechtigung. Wer aber den Spaß am Sport dauernd hinter Wattmesser, Pulsuhr und Tacho versteckt, wird am Ende nicht nur weniger Freude haben, sondern auch schlechtere Wettkampfergebnisse erzielen. Um dieses vermeidliche Paradox wissen auch die Profis, deswegen lassen sie öfters mal die Elektronik zu Hause und geben sich einfach mal der Faszination Schwimmen, Rad fahren, Laufen hin. Also, tut es ihnen gleich, jetzt ist erst Recht der richtige Saisonzeitpunkt gekommen!