Ich bin kein Junkie!

Es gibt doch tatsächlich Triathleten, die mich einen Junkie nennen. So geschehen, nachdem ich mich kurz nach dem Ironman Südafrika für meine zweite Langdistanz angemeldet habe. Die Challenge Roth. ‘Junkie? So ein Quatsch. Ich kann auch ohne Triathlon wenn ich will - ich will nur gerade nicht.’

Von > | 6. Mai 2014 | Aus: SZENE

Schenk_Lanzarote | Till Schenk

Till Schenk

Foto >James Mitchell Photography

Nun gut, ich bin ja ein Mensch, der reflektieren kann. Also habe ich die letzten sechs Wochen vor meinem inneren Auge Revue passieren lassen. Auf dem Rad natürlich. Aber nur weil ich gerade Radfahren wollte. Ich hätte es auch jederzeit sein lassen können. Wollte nur gerade nicht.

Zwei Wochen vor dem Ironman. Das Tapering beginnt und ich fühle mich ganz normal. Ich sage doch. Ich kann auch ohne exzessiven Sport. Überhaupt kein Problem. Ich schaue auf die Uhr und habe schon zwei Stunden seit dem Aufstehen geschafft, ohne mich fett zu fühlen oder ein Wehwehchen zu spüren. 

Nach vier Tagen Tapering verspüre ich ein leichtes Ziehen im linken Knie, am fünften Tag bin ich erstaunlich schlapp und an Tag 6 bin ich mir doch ziemlich sicher, dass ich in der Nacht ein Kratzen im Hals hatte. Das sei ‘mental’ sagt mein Reisebegleiter. Mental?????? Was weiss der denn schon. Der soll mal aufhören, so fachmännisch zu tun. Immerhin ist es mein Knie, dass hier schmerzt und mein Hals der kratzt. Und überhaupt: ICH BIN NICHT GEREIZT!

Die erste Woche Tapering ist überstanden und noch habe ich niemanden getötet. Ich weiß gar nicht, was die alle haben. Ich kann total gut auch ohne Triathlon. 

Noch fünf Tage bis zum Rennen und ich denke mir ’also ich könnte auch mit etwas mehr Training'. Muss aber wirklich nicht. Ist ein reines Wollen. Beim gefühlt 570. Blick in den Spiegel in den letzten fünf Tagen entdecke ich plötzlich ein Fettröllchen am Bauch. Ganz klar, dass war vorher nicht da und dann wieder dieser fachmännische Kommentar der Begleitung. ‘Das ist mental. Da ist kein Fett’ - also irgendwer muss mal ehrlich zu ihm sein. Offensichtlich hat er nicht nur keine Ahnung, sondern ist noch dazu blind. Ich nehme mir fest vor, ihn nach dem Rennen darauf anzusprechen. Er wird überrascht sein, wie klar die Welt durch eine Brille aussehen kann. 

Drei Tage vor dem Rennen dann etwas Erleichterung. Das offizielle Einschwimmen, dass dann ganz schnell in einem Wettkampf zwischen vier Leuten endete: Wer kann am schnellsten ins Wasser starten und die ersten 50 Meter schwimmen. Ich persönlich hätte das ja nicht gebraucht. Ich kann ja auch ganz gut ohne, aber wenn die anderen das unbedingt wollen. Na gut. 

Irgendwie habe ich es dann doch geschafft die schlimme ‘Männer-Grippe’ abzuwenden und wie durch ein Wunder sind die Schmerzen im Knie verschwunden, was mit Sicherheit zu großen Teilen an einer Person in unserem Reisegrüppchen lag. Georg Potrebitsch, der von früh bis spät damit beschäftigt war, sicherzustellen, dass wir alle mental richtig eingestellt sind. Ich sage nur ‘wir sind Sieger. Alle. Alle sind wir Sieger’ Das musste sich auch der eine oder andere arme Einheimische anhören, an dem wir auf dem Weg zum Check-in vorbeigefahren sind. Ob sie das nun wollten oder nicht. Wer Sieger ist, muss das anscheinend auch die Welt wissen lassen. 

Am Rennmorgen ist die Begeisterung groß. Endlich wieder ein bisschen turnen. Ich muss mir eingestehen, ein bisschen habe ich es ja vermisst in den letzten zwei Wochen, aber wirklich nur ein bisschen. Absolut kontrolliert. 

Schon während des Rennens bin ich mir zum ersten mal im Leben bei einem Sport-Event nicht sicher, ob ich das jemals wieder brauche und als ich dann nach einem sehr langen Tag im Sonnenuntergang die Ziellinie überquere, herrschen in mir große Zweifel, ob ich jemals wieder eine Langdistanz machen muss. Ein Gefühl, dass ich noch nie hatte und das fast gleichbedeutend mit: ‘Das brauche ich nie wieder’ ist. Im selben Moment ist mir auch klar. Ich bin kein Junkie. Der würde nämlich sofort nach dem nächsten Fix suchen, während ich fest und bestimmt sage: 'Für mich wohl eher nicht mehr. Dankeschön. Es gibt auch noch andere schöne Sportarten.'

Etwa zwölf Stunden später sitze ich am Computer, stopfe mir ohne Ende Frühstück in den Hals, da das Abendessen vor Erschöpfung nicht so richtig rein wollte und obwohl die Augen kaum öffnen lassen, sehe ich folgende Buchstaben groß auf meinem Bildschirm ‘RENNKALENDER’. Verdammt! Mr. Hyde hat von Dr. Jekyll übernommen und ich bin auf der Suche nach dem nächsten Fix. 

Ich bin ein Junkie, aber was soll's. Triathlon ist die geilste Sucht des Lebens und ich weiß: Ich bin nicht allein mit meinem ‘Leiden’ oder?

In diesem Sinne: Rock n’ Roll und einen guten Start in die europäische Triathlonsaison.‘'

Euer Till